»Ich konnte spüren, dass wir eine Familie sind«

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Einer der Höhepunkte war für Katharina Vogl das zweiwöchige Ferienlager mit den Buben in einer kleinen Stadt in den Bergen.

Ein Jahr Auszeit und dabei auch noch Gutes tun. Dafür hat sich Katharina Vogl aus Schleching nach ihrem Abitur entschieden. Anfang September flog sie nach Bolivien und hilft dort seitdem in einem Kinderheim, in dem versucht wird, Buben im Alter von 9 bis 13 Jahren das Elternhaus so gut wie möglich zu ersetzen. Für das Traunsteiner Tagblatt berichtet Katharina Vogl von ihren Erlebnissen in den ersten Monaten:


In Frankfurt in ein großes Flugzeug zu steigen, zweimal umzusteigen und nach 18 Stunden irgendwo in Südamerika ausgespuckt werden: So hat sich das ganz am Anfang angefühlt, in Bolivien anzukommen. Und wie an jedem Anfang begann der Abschnitt der »vielen kleinen ersten Male«, die ich zusammen mit Miriam, meiner Projektkameradin aus Freiburg, erleben sollte:

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Sogar schon morgens ist es sehr heiß

Die erste warme Nacht in meinem neuen Zuhause in Santa Cruz, der erste kleine Schock, als sich ein Gecko in unser Zimmer geschlichen hat, das erste Mal aufstehen und merken, dass es sogar schon morgens heiß ist, das erste Mal einen halbwegs vernünftigen spanischen Satz formulieren. Aber auch meiner Gruppe von acht Chicos zwischen 12 und 13 Jahren das erste Mal gegenüberstehen, sie das erste Mal um 6.30 Uhr aus ihren Betten schütteln, sie zu ihren morgendlichen Hausarbeiten motivieren und merken, dass das nicht immer so klappt, die Namen lernen und gleich wieder alle durcheinanderbringen und das erste gemeinsame Mittagessen in unserem großen Essenssaal.

Dann plötzlich wurde aus dem ersten Mal das fünfte und zehnte Mal und auf einmal war der Anfang Alltag. Ein Alltag, der trotzdem nie langweilig ist, da immer irgendetwas los ist bei uns: Manchmal reicht schon der Platzregen der langsam beginnenden Regenzeit oder eine turbulente Fahrt zum Fluss im Traktoranhänger. Schön sind aber auch die gemeinsamen Feste mit den sechs anderen Heimen des Projekts, lange Spaziergänge am Sonntagnachmittag, Bastelstunden, Spieleabende oder ein wenig gemeinsames Musikhören.

Gerade sind wir von einem zweiwöchigen Ferienlager in einer kleinen Stadt in den Bergen wiedergekommen. Zusammen mit 21 Buben und einigen Erziehern haben wir das Umland auf langen Wanderungen erkundet, haben Berge erklommen und konnten auf dem Gipfel bei einem Stück Mango als Brotzeit die Aussicht genießen. An einem Fluss mitten in der Wildnis haben wir zusammen gegrillt und gebadet, manchmal knüpften wir nachmittags Armbänder, wir bastelten Weihnachtsdekorationen und ließen den Stress des letzten Jahres mal ganz weit hinter uns. Das Ferienlager war für mich einer der Höhepunkte der drei Monate, die ich jetzt schon hier bin.

Den gesamten Tag mit den Kindern zu verbringen, im gleichen Schlafsaal zu schlafen und jeden Tag Aktivitäten zu planen, hat uns nochmal auf eine ganz neue Art zusammengeschweißt und ich konnte richtig spüren, dass wir wirklich wie eine große Familie sind.

Mitte Januar kommen neue Straßenkinder

Umso schwerer wird mir deshalb im Januar der Abschied fallen, wenn alle Chicos die Granja verlassen, um in anderen Heimen auf längere Zeit ein neues Zuhause zu finden. Mitte Januar werden dann die ersten neuen Buben eintreffen, die teilweise noch vor einigen Wochen auf der Straße lebten oder gerade ihre Vergangenheit in zerstörten Familien zurücklassen.

Was wir sonst alles mit unseren Chicos erleben, könnt ihr auch auf meinem Blog im Internet unter der Adresse www. weltwaertsbolivia.tumblr.com weiterverfolgen.