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Flüchtlingskrise oder Flüchtlingschance?

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Als »Fishbowl« wurde die Diskussion mit den Jugendlichen in der Werner-von-Siemens-Mittelschule geführt. Dabei saßen die Diskutierenden in der Mitte und konnten jederzeit von den Schülern außenrum ersetzt werden. (Foto: Mix)

Traunreut – Dass sich die jungen Menschen im Landkreis ernsthaft mit dem Thema Flüchtlinge auseinandersetzen, das zeigte eine Diskussion in der Turnhalle der Mittelschule in Traunreut. Der Kreisjugendring hatte dazu neben den Jugendlichen ab der neunten Jahrgangsstufe auch Vertreter der Jugendorganisationen der Parteien im Landkreis eingeladen.


Da die Diskussion als »Fishbowl« angelegt war, hatten die Teilnehmer jederzeit die Möglichkeit in den kleinen, inneren Kreis zu treten und ihre Meinung kund zu tun. Auf den fünf Stühlen im inneren Kreis saßen zunächst Anna Körner von der Grünen Jugend, Josef Parzinger von den Jusos, Konrad Baur von der Jungen Union und Andre Lehmann von den Jungen Liberalen zusammen mit dem Geschäftsführer des Kreisjugendrings Hans Glück.

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Ist eine Obergrenze wirklich realisierbar?

Als Anstoßfrage wollte Hans Glück wissen, ob es sich bei der derzeitigen Situation in Europa, um eine Flüchtlingskrise oder Flüchtlingschance handelt. Neben ersten Stellungnahmen von Josef Parzinger und Andre Lehmann, dass die Asylbewerber sehr wohl als Chance zu sehen seien, kam ganz schnell die Sprache auf die viel diskutierte Obergrenze. Während Anna Körner eine Begrenzung der Flüchtlingszahl einfach für nicht realisierbar hält, da sich Deutschland ansonsten völlig abriegeln und die Grenzen verteidigen müsste, sieht es Konrad Baur als Hoheitsrecht eines jeden Staates an, seine Grenzen zu schließen, wenn eine Überlastung vorliegt. Er wolle zudem lieber von Kontingent sprechen als von Obergrenze.

»Alternative wären Zäune und Waffengewalt«

Für Josef Parzinger steht jedoch fest: »Die Alternative wären dann Zäune und Waffengewalt, auf so ein Deutschland hab ich aber keinen Bock.« Als Helfer in Freilassing habe er selber gesehen: »Das sind Menschen wie wir, die wollen lernen, arbeiten, Spaß haben, normal leben ohne Angst.«

Wichtig war allen Diskussionsteilnehmern die Verteilung der Flüchtlinge nicht nur auf alle deutschen Bundesländer, sondern auch auf die EU-Länder.

Zur Sprache kamen auch die Beweggründe, warum die Menschen nach Europa wollen. Die an der Diskussion teilnehmenden Jugendlichen machten deutliche Unterschiede zwischen Menschen, die vor Krieg und Todesgefahr flüchten, und anderen, denen es wirtschaftlich nicht gut geht. »Wir können uns das gar nicht vorstellen, was die durchgemacht haben. Wir leben in Frieden und wurden nie mit Dingen wie Krieg und Tod konfrontiert. Die Flüchtlinge sehen hier bei uns die letzte Möglichkeit für ein menschenwürdiges Leben«, bemerkte ein Schüler. Er kritisierte auch, dass die Waffenlieferungen deutscher Firmen »heuchlerisch« seien und der Friedenspolitik widersprächen.

Auf den Punkt brachte es Konrad Baur, als er sagte: »Die Fluchtursachen in den Ländern bekämpfen ist der zentrale Punkt. Wir können aber nicht auf Frieden warten, sondern müssen jetzt mit den Menschen hier bei uns fertig werden.« Dass Truppen in die betreffenden Regionen zu schicken nichts bringe, waren sich mehrere Sprecher einig, »das ist Blödsinn«.

»Die Flüchtlinge sind künftige Arbeitskräfte«

Die positive Seite der Situation stellte ein Bub dar: »Die Flüchtlinge sind künftige Arbeitskräfte, sie werden später Steuern zahlen und sich nach ein paar Jahren selber abzahlen.« Ähnliches meinte ein weiterer Teilnehmer: »Ich glaube kaum, dass wir hungern werden, wegen den Flüchtlingen. Wir haben doch genug Geld in Deutschland.«

Auch über teils falsche Vorstellungen über das Leben in Deutschland wurde gesprochen. Es sei nicht so einfach, wie manche Asylbewerber meinten, einen Job zu finden und Geld zu verdienen. Ein Schüler wies jedoch darauf hin, dass viele unter ihnen einfach nur mit der Erwartung ins Land kämen, hier Schutz und Sicherheit zu finden, was man ihnen nicht verwehren könne.

Viele Gerüchte sind frei erfunden

Anscheinend von Meldungen im Internet beeinflusst war ein Mädchen, das Flüchtlinge als undankbar bezeichnete, die »Frauen vergewaltigen, Leute abstechen und was weiß ich was alles machen«. Anna Körner, die selber einige Wochen in Freilassing mithalf, klärte auf, dass solche Meldungen mit Vorsicht zu genießen seien und sich bei genauerer Recherche bisher alle als frei erfunden herausgestellt hätten. Sie appellierte an die Jugendlichen: »Macht euch selber ein Bild, geht auf die Leute zu, redet mit ihnen, hört nicht auf Gerüchte.« Ihr sei unter den vielen tausend Flüchtlingen, die in den letzten Monaten in Freilassing ankamen, kein einziger solcher Vorfall bekannt.

Die jugendlichen Diskussionsteilnehmer zeigten großes Interesse an dem Thema und Hans Glück musste die Runde schließlich aus zeitlichen Gründen abbrechen, obwohl es noch Wortmeldungen gegeben hätte. mix