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Essen ist wie Kunst – es ist zum Anschauen da

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Die Darsteller starrten alle auf ihr Smartphone, abhängig von den Likes der anderen. (Foto: Volk)

Traunstein – Was ist wirklich wichtig in unserem Leben? Liebe? Schönheit? Anerkennung? Oder sind es doch nur die essentiellen Dinge wie Wasser und Brot? Um diese Fragen drehte sich das Theaterstück »Essentiell« des P-Seminars Theater des Chiemgau-Gymnasiums. Ein Jahr lang haben die Schüler der Q12 gemeinsam mit ihrer Lehrerin Konstanze Schuch das Theaterstück erarbeitet. Nun wurde es auf die Bühne gebracht.


Die Premiere fand in der Turnhalle statt, denn moderne Inszenierungen brauchen ihren Platz. Trampolin, Barren und Basketballkörbe bildeten das Bühnenbild. Auf zwei Leinwänden wurden immer wieder Bilder und kleine Videos gezeigt. Die Texte wurden von den Schülern selbst verfasst oder es wurden Collagen aus Sprichwörtern, Werbeslogans und Politikeraussagen verwendet. »Essentiell« hat die Seminargruppe ihr eigenes Werk genannt, denn in dem Stück drehte sich alles rund ums Essen.

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Das Stück zeigt das paradoxe Verhältnis unserer Gesellschaft zu Essen: Eine Gratwanderung zwischen Magersucht, Schönheitsideal, Konsumverhalten und dem Leben in Hülle und Fülle. »Essen ist die Kunst zu leben«, so hieß es gegen Ende des Stücks. Doch wer beherrscht diese Kunst?

Die Person, um die sich das Stück drehte, hat genau damit zu kämpfen. Hannah Eder spielte die Hauptrolle sehr überzeugend und mit viel Herzblut. Das Unterbewusstsein der Hauptfigur wurde dargestellt von Katharina Mathe.

Das Unterbewusstsein beschrieb beispielsweise das Wesen des Instagramers – eine Persönlichkeit, die das soziale Netzwerk Instagram aktiv nutzt, um das eigene Selbstbewusstsein zu verbessern. Die dort hochgeladenen Fotos werden geliked und kommentiert. Doch was, wenn niemandem die Bilder gefallen? Kann ich das verkraften? Die ständige Angst, jemand anderes ist cooler als ich, und das unendliche Bedürfnis nach Anerkennung macht krank, das bekommt die Hauptperson selbst zu spüren.

Die Personen im Stück haben keine Namen, dafür neonfarbige Leggins in orange, pink oder grün. Sie sind Stereotypen: Mal aggressiv, schüchtern, homosexuell oder aufreißerisch. Hin und wieder tauchten schwarze Gestalten auf. Sie symbolisierten Ängste, Zwänge, Süchte. Plötzlich standen sie hinter der Hauptfigur, schupsten sie, bedrohten sie. Zum Höhepunkt des Stücks zitierten die schwarzen Gestalten das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke. Sie umkreisten die Hauptperson und drückten sie zu Boden. Sie krümmte sich, weinte, schien tot zu sein.

Während die Hauptperson regungslos am Boden lag, bildeten die Schauspieler zwei Fraktionen. Mit Sprechgesängen stürmten sie aufeinander zu. Die einen plädierten für Reiswaffeln, Sojamilch und Avocado und zerrten den leblosen Körper auf ihre Seite, die anderen schrien »Schweinebraten, Pommes und Burger« und schleppten das Mädchen zurück auf ihre Seite. Als Zuschauer verstand man plötzlich den emotionalen Zwiespalt und den inneren Kampf der Hauptdarstellerin.

»Die Welt hält an. Ich hör mich atmen«, so endete das Stück. Den Schlusssatz sagten Unterbewusstsein und Hauptperson wie aus einem Mund, mit starrem Blick, aber neuem Lebensmut.

Die moderne Inszenierung und die außergewöhnliche Ästhetik verwandelten die schwere Thematik in professionelle Unterhaltung. Hin und wieder musste das Publikum laut auflachen, ein paar Minuten später war es totenstill in der Turnhalle.

Fest steht: An Kreativität fehlte es den Schülern nicht. Eben so wenig wie an Mut zur exzessiven Schauspielerei. Das Werk des P-Seminars war kein gewöhnliches Laientheater. »Essentiell« war eine gute Portion Gesellschaftskritik und dazu benötigte es keinen erhobenen Zeigefinger, keine Moralkeule. Es gab dem Zuschauer einfach genügend Raum und Zeit, selbst darüber nachzudenken. Theresa Volk