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»Brauchen Menschen mit Mut«

5.0
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Marquartstein – Die zehnten Klassen des Staatlichen Landschulheims Marquartstein durften einen Vortrag von Andreas Freund hören, der einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in Kinderheimen und in Jugendwerkhöfen der DDR verbracht hatte. Schülerin Anna Ritzer hat einen Bericht dazu verfasst.


Wir sahen zunächst einen Film, der genauer erklärte, was Jugendwerkhöfe eigentlich sind. Später gab es noch einen zweiten Film über Andreas Freund, in dem er zurück zu dem ehemaligen Jugendwerkhof Torgau kehrt, eine frühere Mitbewohnerin, den ehemaligen Heimleiter und den damals zuständigen Arzt trifft. Wir durften viele Fragen stellen, die uns alle sehr offen beantwortet wurden.

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Jugendwerkhöfe waren Erziehungsanstalten für Kinder, die als verhaltensgestört und schwer erziehbar galten, jedoch wurden die meisten Jugendlichen dort eingewiesen, weil sie nicht ins Gesellschaftsbild des Kollektivs passten und zum Sozialismus umerzogen werden sollten. Die Demütigungen und Gewalt, die die jungen Menschen dort erfahren mussten, sind unvorstellbar.

Andreas Freund selbst versuchte im Alter von zwölf Jahren die Grenze der DDR zu überqueren, wurde jedoch festgenommen und verbrachte die nächsten zwei Jahren in Kinder- und Sonderheimen. Als er im Jugendwerkhof Hummelshain weitere Fluchtversuche wagt, kam er nach Torgau. Dort war der einzige geschlossene Jugendwerkhof – er galt als »Endstation«. Alle, die dort eingewiesen wurden, galten offiziell als »asozial«. Es gab strenge Zeitpläne, die Jugendlichen standen unter ständiger Kontrolle. Es gab extrem harten Zwangssport – und wenn ein Einzelner versagte, wurde immer die ganze Gruppe bestraft. Die Jugendlichen waren jeden Tag der Willkür und den Demütigungen der Aufseher und Erzieher ausgesetzt. Schläge und Einzelarrest über mehrere Tage waren normale Strafen.

Ich finde es unvorstellbar, wie viel Gewalt und Schmerz die Jugendlichen dort erfahren mussten und dass die Regierung das sogar guthieß. Diese Anstalten haben meiner Meinung nach mit Erziehung nichts zu tun, was dort geschah, kann man nur als menschenverachtend bezeichnen.

Als ich mich auf den Weg zum Festsaal machte, hatte ich keine Vorstellung, was mich erwarten würde. Es war tief ergreifend, dass Andreas Freund den Mut aufgebracht hat, uns seine Geschichte zu erzählen. Ich persönlich war sehr getroffen, als er uns vom Selbstmord eines Freundes in Torgau erzählte. Uns wurde das Gefühl gegeben, jede Frage stellen zu dürfen, und er beantwortete alles ausführlich und unglaublich ehrlich und emotional.

Ich finde es sehr gut, dass Zeitzeugen, Menschen wie Andreas Freund, sich trotz ihrer furchtbaren Erfahrungen nicht verstecken, dass sie aufstehen, ihre Geschichte und vor allem die Wahrheit erzählen. Wir brauchen Menschen mit diesem unerschütterlichen Mut, die uns zeigen, was passiert ist und niemals wieder passieren darf. Anna Ritzer