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Luise Kinseher plädierte: »Ruhe bewahren« – Über 300 Besucher hatten viel Spaß mit der Kabarettistin

Weil alles immer hektischer wird

Waging am See – »Auf irgendetwas wartet man immer«, sagt Kabarettistin Luise Kinseher bei ihrem Auftritt beim Zeltln-Festival im Kurpark – und weil sie auch drauf wartet, dass ihr Traummann sie anruft, vertreibt sie sich und ihrem dankbaren Publikum die Zeit mit Reden und kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste.

Luise Kinseher bei ihrem Auftritt beim Zeltln-Festival in Waging vor gut 300 Besuchern, die an der amüsanten Themenvielfalt der Kabarettistin viel Spaß hatten. (Foto: H. Eder)

So erzählt sie von einer Begegnung mit einem gut aussehenden Herren, macht sich Gedanken über praktische Apps und andere moderne Accessoires und spart – natürlich – auch nicht mit kleinen politischen Seitenhieben. Aber nicht nur die Politiker da oben, auch Besucher da unten in der ersten und zweiten Reihe eignen sich bestens für kleine, spontane Spitzen, die sie perfekt beherrscht und die das Publikum immer wieder zu Lachsalven hinreißen. Vor allem ein Postbote, eine Mitarbeiterin der Tourist-Info und ein österreichischer »Stadion-Direktor« waren Zielscheibe spöttischer Bemerkungen.

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»Singlefrau mit 46, seit 16 Jahren 30«

Die Rahmengeschichte, die sich wie der rote Faden durch Kinsehers Themenwirrwarr zieht, ist also die, dass sie – »eine Singlefrau mit 46, die seit 16 Jahren 30 ist, und ich fürchte, das halte ich nicht mehr lange durch« – im Aufzug einen Typen trifft und ihm, ehe sie aussteigt, ihre Handynummer gibt – und nun wartet sie, dass er anruft. Was reichlich Gelegenheit bietet, zu sinnieren. Auch die gut 300 Besucher haben ihren Spaß daran.

Kinseher sinniert zum Beispiel über den Stress, der ja als Überthema über ihrem Programm »Ruhe bewahren« steht. Sie plädiert für weniger Stress in Alltag und Beruf, greift dabei auf ihre eigenen Erfahrungen als Künstlerin zurück und erwähnt die allgegenwärtigen To-do-Listen, die immer schleunigst abgearbeitet werden sollen, am besten sofort.

Wenn einem aber die Zeit davon läuft, hilft nur: durchatmen und Prioritäten setzen. Was gar nicht so leicht ist bei Vorhaben wie Publikum unterhalten, saumäßig lustig sein, Klimawandel aufhalten, Mama anrufen, Klopapier kaufen, neuen – vor allem passenden – Mann finden, für das Alter vorsorgen. Und dabei wünscht sie sich doch nur, eine Eigentumswohnung in München kaufen zu können. Nur deswegen macht sie noch Kabarett. Aber bei den Preisen!

Und so geht die Sicht – neben schnellen Blicken zwischendurch aufs Smartphone – ganz automatisch zurück in alte, einfachere, weniger stressige Zeiten. Etwa dahin, wie es daheim in ihrer niederbayerischen Heimat war. Da war die Uhr stehengeblieben, woraufhin der Vater nach München wanderte, sich dort nach der Zeit erkundigte – da war's grad halb 3 – und mit diesem Wissen nach Hause zurückkehrte. Seitdem war es an der Uhr in der Küche immer 14.30 Uhr. Inzwischen gebe es ja zum Glück in ganz Deutschland die gleiche Zeit: »Aber damit kann die Bundesbahn nicht umgehen.«

Eine »App für die schnelle Beichte zwischendurch«

Und es wird alles schneller. Seit Goethe werde auch schneller geredet, nicht zuletzt deshalb, »weil es sich nicht mehr reimen muss«. Sogar in der katholischen Kirche sei die Beschleunigung festzustellen. Es gebe nämlich jetzt eine »App für die schnelle Beichte zwischendurch – wer schneller büßt, hat mehr Zeit zum Sündigen«.

Und so fliegen ihre Gedanken von einem Thema zum anderen, weil halt der Mann aus dem Aufzug einfach nicht anruft. So quasi zur Ablenkung schlüpft sie auch in andere Rollen: Die beiden Damen, die dabei entstehen, breiten ihre sehr persönlichen Probleme vor dem Publikum aus. »Mary aus Bavary« verbringt ihre Zeit am liebsten im Bierstüberl. Doch ihre einstige Stammkneipe, die sie aus Nostalgie mal wieder aufsucht, ist inzwischen zu einer »Lounge« verkommen; da gibt es kein Weißbier mehr, sondern nur noch Hopfen-Smoothie - und das in 0,2-Liter-Gläsern!

Die Helga ist inzwischen recht zufrieden in ihrer Ehe, die seit 50 Jahren besteht und immer besser wird, seit ihr Mann Heinz sich immer weniger merken kann. Aber Probleme gibt es natürlich dennoch mit der Betreuung, wobei die Sorge darum, dass er sich nicht mit der Klobürste statt der Zahnbürste die Zähne putzt, gemeinerweise von der Versicherung nicht als Pflegeeinsatz angerechnet wird.

Wieder in eigener Person auf der Bühne, verkneift sich die Kinseher zwischendurch auch ein paar politische Anspielungen nicht. Schließlich kennt sie ja ihre Pappenheimer von ihren Auftritten als »Mama Bavaria« auf dem Nockherberg. Und so nennt sie die aktuellen Hauptprobleme beim Namen: »Klimawandel, Luftverschmutzung, CSU!« Und sie kriegt sich schier nicht mehr ein, wenn sie daran denkt, dass die CSU jetzt mit den Grünen koalieren muss: »Ich bin ja gar nicht schadenfreudig.«

In einer besseren Welt als der jetzigen, so sinniert sie gegen Ende der Vorstellung, könnte sie sich vorstellen, »dass Angela Merkel Friseurin ist und Donald Trump ihr bester Kunde.« Und noch bevor der Vorhang fällt, summt das Smartphone: Der Herr aus dem Aufzug ruft doch noch an. Was für ein Glück! he