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Sohn geriet in den Drogensumpf: »Die Familie brach auseinander«

Sie waren eine ganz normale Familie. Der Sohn und die Tochter gingen zur Schule, Vater und Mutter zur Arbeit. Doch von einem Tag auf den anderen fingen die Probleme an, ein wahrer Teufelskreis begann: Der damals 17-jährige Sohn wurde drogenabhängig. »Er hatte das Zeug damals in der Schule erhalten«, erzählt die Mutter, die anonym bleiben möchte (Name der Redaktion bekannt). »Es ist auch im Landkreis kein Problem, Drogen zu erhalten«, sagt die Mutter, die mit ihrer Familie im Landkreis wohnt. Plötzlich war nichts mehr so, wie es war. Anfangs suchten die Eltern noch das Gespräch. »Aber unser Sohn sagte nur, das Rauchen macht nichts aus, das machen alle.«

In der Schule fingen die Probleme an

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Die Sorgen der Eltern wuchsen von Tag zu Tag: Ihr Sohn brachte nur noch schlechte Noten nach Hause, schwänzte immer öfters die Schule. »Irgendwann flog er aus der Schule«, erzählt die Mutter. Mehr Unterstützung hätte sie sich dabei seitens der Schule gewünscht, sagt sie. »Mit meinem Sohn war es da schon nicht mehr möglich zu reden.« Während die Eltern die Fassade eines glücklichen Familienlebens aufrechterhalten wollten, hatte ihr Sohn »null Bock auf nichts«. Er sei oft tagelang nicht nach Hause gekommen. »Und wenn, dann schlief er tagsüber und war nachts aktiv.« Ein normales Zusammenleben wurde immer schwieriger. »Als Eltern fragt man sich da oft, was man falsch gemacht hat«, sagt sie, »das bohrt in einem.« Halt fand sie im Elternkreis für Eltern von alkohol- und drogenabhängigen Jugendlichen im Caritas-Zentrum in Traunstein bei der Fachambulanz für Sucht.

»Jeden von uns kann es erwischen«, macht Sozialpädagogin Eva Mühlbacher deutlich. »Es ist wichtig, dass sich die Angehörigen nicht die Schuld geben.« Deshalb gründete die Caritas schon vor Jahren den Elternkreis. »Es muss nicht nur den Betroffenen, sondern auch den Angehörigen geholfen werden«, sagt Mühlbacher. »Sucht hat eine sehr brutale Dynamik in der Familie.« Es sei wichtig, dass die Betroffenen den Schritt nach außen gehen. »Das ist ein wichtiger Prozess.«

Die Angehörigen sind nämlich oft mit der Situation überfordert. »Man versucht, dem eigenen Kind zu helfen«, sagt die Mutter. »Man konfrontiert den Jugendlichen mit der Problematik, aber man erreicht damit oft nur das Gegenteil und die Situation eskaliert total.« Ihr Sohn rutschte wirklich immer tiefer ab. »Irgendwann hat es mit der Beschaffungskriminalität angefangen«, erzählt sie. »Das geht daheim schon los.« Ihr Sohn ging dabei sogar so weit, dass er den Ehering der Mutter versetzte. »Er hatte einen regelrechten Tunnelblick. Es zählte nur, was kann ich zu Geld machen«, schüttelt sie den Kopf. Für Eva Mühlbacher ein nachvollziehbarer Schritt: »Es geht dem Drogensüchtigen nicht mehr um Beziehungen, sondern nur noch darum, wie komme ich an Suchtmittel.«

Der Druck in der Familie für den drogenabhängigen Sohn stieg und stieg. »Es ging soweit, dass meine Tochter sagte, dass ich ihren Bruder rauswerfen muss«, erzählt die Mutter. Auch sie verlor immer mehr den Boden unter den Füßen, hatte keinerlei Halt mehr. »Mein Mann konnte mit dem Ganzen auch überhaupt nicht umgehen.« Die Familie zerbrach mehr und mehr. »Ich war am Ende.«

Zwischen Leben und Tod: Sohn lag im Krankenhaus

Eines Tages erreichte sie schließlich ein Anruf eines Krankenhauses in der Umgebung. Ihr Sohn war zuvor tagelang wieder nicht heimgekommen. Nun lag er auf der Intensivstation. »Er hatte sich eine Überdosis gespritzt und es sah sehr schlecht aus.« Es sei um Leben und Tod gegangen, erzählt sie. Ihr Sohn überlebte und die Mutter hoffte, dass er nun sein Leben ändern würde. »Doch auch dieses Erlebnis hat nicht geholfen.«

Ganz im Gegenteil. »Mein Sohn fühlte sich zu Hause weiter ständig unter Druck«, schildert die Mutter. »Drogenabhängige sind oft nicht fähig, etwas auf die Reihe zu bringen.« Es sei eine ganz schlimme Zeit gewesen. »Oft bin ich einfach nur ins Auto gestiegen und bin ziellos herumgefahren.« Die Eltern wurden gegenüber ihrem Sohn auch immer härter. »Wir haben ihm kein Geld mehr gegeben«, sagt sie. »Schließlich wollten wir nicht den Tod unseres Sohnes finanzieren.« Doch auch dieser Schuss sei nach hinten los gegangen. »Unser Sohn hat im großen Stil mit dem Dealen angefangen.« Plötzlich verschwand er für längere Zeit im Ausland.

Als er wieder auftauchte, wollte er allem Anschein nach ein neues Leben beginnen. Vier Wochen lang habe er auch gearbeitet, zog in einen anderen Landkreis. »Doch dann ist alles wieder von vorne angegangen«, erzählt die Mutter. »Zu Hause war es unerträglich.« Ihr Sohn zog schließlich zu einer Tante. »Sie hat uns die Schuld gegeben, dass das Leben unseres Kindes den Bach runtergeht.« Die Tante gab ihm ihr ganzes Geld. »Letztendlich war sie nur eine Geldquelle, mein Sohn hat das später auch so bestätigt.« Schließlich sei sie nicht mehr dorthin gegangen. »Ich konnte das nicht anschauen, wie er dort hauste.«

Stattdessen suchte sie Hilfe – und fand sie im Elternkreis. »Das erste Treffen war furchtbar«, erinnert sie sich. »Wer gibt schon gerne zu, dass sein Kind drogenabhängig ist?« Doch nach und nach fasste sie Vertrauen. »Es war befreiend, darüber zu reden«, schildert sie. »Und es tut gut, wenn man hört, dass man nicht allein ist.« Schließlich habe sie auch Bekannte beim Elternkreis getroffen. »Als ich gesehen habe, dass das auch in anderen Familien möglich ist, war meine Schuld nicht mehr so groß.« Sozialpädagogin Eva Mühlbacher lobt diesen Schritt: »Sucht ist eines der größten Tabuthemen. Im Elternkreis können wir das Thema aufarbeiten und wir wollen vor allem eines vermitteln: Hoffnung.«

Bei der Mutter ging es wirklich wieder aufwärts. Sie habe im Elternkreis vor allem eines gelernt: »Ich muss wieder auf mich schauen. Ihm hilft es auch nichts, wenn ich zugrunde gehe. Ich fing wieder an zu leben.« Schließlich habe sie für ihren Sohn einen Betreuer angefordert. »Ich wollte die Verantwortung nicht mehr übernehmen. Deshalb habe ich mir jemanden gesucht, der mir zur Seite steht.« Ihr Sohn akzeptierte den Betreuer – von den Drogen kam er aber nach wie vor nicht weg.

Die Jahre vergingen. »Auf einmal rief mein Sohn an und sagte, ich mache eine Therapie.« Diese besteht aus zwei Teilen, erklärt Eva Mühlbacher. »Zuerst erfolgt die Entgiftung, dann die Entwöhnungsbehandlung.« Die Mutter erzählt voller Stolz: »Er hat es geschafft.« Danach sei er in eine Einrichtung »betreutes Wohnen« gegangen. »Dort hatte er leider einen Rückfall und flog aus der Einrichtung wieder raus.«

In jener Zeit starb auch die Tante. »Ich habe deshalb seine Betreuerin angerufen, die er nach wie vor hatte.« Der Sohn schaffte es nicht pünktlich zur Beerdigung. »Aber er kam und das war mein schönstes Erlebnis«, sagt die Mutter und wischt sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. »Wir sind zusammen ans Grab gegangen und danach auch in das Gasthaus.« Sie müsse ihren Sohn dafür heute noch bewundern, dass er damals die Stärke aufbrachte, der Verwandtschaft und den Bekannten gegenüberzustehen. »Aber es ging gut«, freut sich die Mutter.

Schritt für Schritt rausgekämpft

Seit diesem Tag ist der Kontakt mit ihrem Sohn auch nicht mehr abgerissen. »Er ruft mich immer wieder an.« Er ist mittlerweile 35 Jahre alt, hat einen Job angenommen. »Er hat jetzt auch eine Freundin«, freut sich die Mutter, »und ich werde Oma.« Er habe seine Sucht nun erst einmal bewältigt. »Schritt für Schritt hat er sich da rausgekämpft.« Die Familie ist auf dem Weg, wieder zusammenzuwachsen. »Meine beiden Kinder haben ebenfalls wieder Kontakt.« Nun, so die Mutter, »schauen wir nach vorne«.

Eva Mühlbacher freut sich über diese guten Nachrichten. »Die Sucht macht das Vertrauen kaputt.« Es dauert seine Zeit, bis die Wunden wieder verheilt sind.« Die Mutter besucht den Elternkreis übrigens nach wie vor. »Ich möchte auch den anderen Betroffenen helfen«, sagt sie. »Man braucht sich nicht zu schämen, wenn man Hilfe von außen holt.« Eva Mühlbacher macht auch deutlich, dass man so früh wie möglich Hilfe in Anspruch nehmen sollte. »Oft wartet man, bis die Verzweiflung sehr groß ist.« Auch die Mutter schloss sich erst spät dem Elternkreis an, für sie war es der richtige Schritt. »Nun möchte ich den anderen Betroffenen vermitteln, dass man die Kraft für diese schwere Zeit hat und irgendwann wird es.« Ihre Familie ist das beste Beispiel dafür. SB