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Mendelssohns »Elias«: Die frisch restaurierte Altöttinger Basilika erlebte beim Musiksommer-Konzert eine Sternstunde der Musik

Himmelfahrt und Regenwunder

»… füllten annähernd 400 Musiker die Bühne …, hinter ihnen erhob sich die Orgel … Das Orchester war mit 125 Musikern besetzt … Der Chor mit insgesamt 271 Sängern setzte sich aus 79 Sopranen, 60 ‘bärtigen‘, d. h. männlichen Altisten, 60 Tenören und 72 Bässen zusammen. Kurz bevor er den Saal betrat, in dem etwa 2000 Menschen im Publikum saßen – darunter Geistliche, Adelige, Parlamentsabgeordnete und … Freunde …, legte das Publikum alle förmliche Zurückhaltung ab und begrüßte … mit lautem und einhelligem Jubel …« – So war‘s bei der Uraufführung des Oratoriums »Elias« am 29. August 1846 in der Town Hall von Birmingham, die der damals kurz vor seinem jähen Tod 1847 stehende 37-jährige Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy selbst dirigierte. Und wie war‘s bei der vielleicht europaweit jüngsten Aufführung des »Elias« in der Altöttinger Basilika St. Anna? Rund heraus: Nicht weniger »gigantisch« als damals.

André Gold vor seinen »Elias«-Chören und -Musikern in der Altöttinger Basilika St. Anna mit den Solisten Georg Gädker (stehend), Eva Maria Schinwald, Teresa Schnellberger und Sung Min Song. (Foto: Hans Gärtner)

Am Pult stand André Gold, ein inzwischen gen München flügge gewordener, sehr erfolgreicher und initiativer Kirchenmusiker. Dazu ist er Mendelssohn-Verehrer und -Connaisseur, ein Jahr jünger als Mendelssohn damals. Den »lauten und einhelligen Jubel« des zahlenmäßig nicht ganz so großen Altöttinger Publikums wehrte der Winhöringer in aller Bescheidenheit ab. Unmittelbar vor ihm zu ebener Erde die (40 »Mann« starke, engagiert spielende) »Cappella Istropolitana« aus Bratislava, auf den Altarstufen eine etwa 150 Köpfe mächtige Sängerschar aus »Münchner Oratorienchor« und »euregio oratorienchor Altötting« – schon im Vergleich mit 1846 zu wenig Tenöre und Bässe, was sich chorklanglich als ein Problem herausstellen sollte. Adelige fehlten wohl, die Geistlichkeit vertrat Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl, die Volksvertreter Landrat Erwin Schneider. An der Orgel saß Herbert Riedl. Im Verborgenen: Mitglieder der Altöttinger Kapellsingknaben und Mädchenkantorei.

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Man war gespannt, wann und womit André Gold die jungen Sänger unter Herbert Hager einsetzen würde. Erst die Werk-Nr. 27 lüftete das Geheimnis: Das eigentlich drei Solisten vorbehaltene Terzett »Hebe deine Augen auf zu den Bergen« erscholl von der linken Letter herab – so kompakt, zügig und engelhaft flehentlich, wie man es sich nur wünschen konnte. Der im Großeinsatz ächzende Dirigent konnte derweil verschnaufen. Er war sichtlich zufrieden mit den »Runtersingern«. Wie er sich auch, zum Schluss, als es lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten und Blumen für die Protagonisten gab, der den Kirchenraum erfüllte – musste er die ganzen zweieinhalb Stunden lang hell ausgeleuchtet sein? – den ihm freudig dienenden, enthusiastischen Chören dankend und anerkennend zuwandte.

Vom Jahwe-Knecht Elias redet Mendelssohn in seinem Meisterwerk, der geborene Jude und bekennende Protestant. 42 bewegende Werk-Nummern erzählen von des Propheten erfolglosen, peinigenden Versuchen, dem in vielfacher Weise ausgedörrten Volk zu helfen, die Baal-Anbeter zu stürzen, sich selbst nicht schonend. André Gold interpretierte die Geschichte aus christologischer Sicht.

Wir nahmen sie, als Hörer, die unter der ungewohnt harten Sitzgelegenheit in der Basilika physisch zu leiden hatten, erregt und ergriffen zur Kenntnis, labten uns an den häufigen Wechseln von den mächtigen Chor-Szenen zu den solistischen, oft ariosen Einsprengseln und wurden Zeugen der in Gesang und Instrumentalspiel gekleideten menschlichen Verzweiflung bis zur Selbstaufgabe des großen Sehers, dem Christus-Züge eigen sind. Das waren große Momente. Von den innigen Gebeten über das Hadern des Propheten mit Gott, den Auftritten von Engeln und alttestamentlichen Figuren, bis hin zu Elias‘ Wunderwirkungen, Totenerweckung, Regenguss und Himmelfahrt.

Das Solo-Quartett führte, fern aller Routine und billiger Effekthascherei, der aus Freiburg stammende Bassbariton Georg Gädker mit vornehmer Zurückhaltung, klug eingebrachtem Pathos (»Es ist genug«) und überzeugender Gesamthaltung an. Ihm ebenbürtig: der hell timbrierte, leuchtend-leicht das »a« erreichende, zu schönen Bögen fähige Sopran der Eva Maria Schinwald, die in der romantischen Partie ihre Schulung an J. S. Bach verriet. Teresa Schnellberger, gebürtige Eggenfeldnerin, fügte sich mit ihrem ausbaufähigen Alt, den sie bei Ildiko Raimondi schult, tadellos ein. Der Koreaner Sung Min Song, der als Obadjah perfektes Deutsch »singt« (darin trainiert als Tenor des Bayerischen Staatsopernchors), gewann durch edlen Stil und perfekte Diktion, nicht nur bei seiner Arie »Dann werden die Gerechten leuchten«. Vom »ehernen Himmel über seinem Haupte« und der »eisernen Erde unter mir« kündete – couragiert und hell – Anna-Theres Wewerka von der Kanzel herab.

Mit dieser wuchtig und einprägsam wiedergegebenen, doch so detailgenau erarbeiteten Aufführung des berühmtesten Mendelssohn-Oratoriums – sie musste wegen Krankheit des Dirigenten vom 26. September auf den letzten Oktobersonntag verschoben werden – hat sich der 1979 in Burghausen geborene André Gold zusammen mit allen Mitwirkenden um das von Altötting aus aufs Land ausstrahlende (euro-)regionale geistliche Musikwesen in hohem Maße verdient gemacht. Die erst jüngst renovierte Basilika mit ihrem Fassungsvermögen von 8000 Gläubigen erlebte eine Sternstunde. Der »Musiksommer zwischen Inn und Salzach« fand einen krönenden Abschluss seines Jubiläumsjahr-Angebots. Hans Gärtner