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Ehemalige Alkoholikerin erzählt ihre Geschichte – Sie besucht jetzt regelmäßig eine Selbsthilfegruppe

Zur Kommunion ihrer eigenen Schwester durfte Theresa Müller (Name von der Redaktion geändert) nicht mit. 13 Jahre sei sie damals alt gewesen, erinnert sie sich. Es war ein prägendes Erlebnis. Sie musste zu Hause alles vorbereiten und kochen für die Gäste, die sich nach der Kirche zum Feiern angesagt haben. Als diese dann da waren, musste sie die Gäste auch noch bewirten. Allein. Keiner half ihr – und das ist nur eines von vielen Beispielen aus ihrer Kindheit, das ihr negativ in Erinnerung geblieben ist. »Ich musste immer mein ganzes Augenmerk auf die Familie richten«, sagt sie. »Das wurde mir so eingetrichtert.«

Zunächst trank Theresa Müller nur am Abend ein Gläschen Wein, doch ihr Konsum wurde bald mehr und mehr. Den Absprung schaffte sie nur durch professionelle Hilfe. Das Problem mit dem Alkohol sei, »dass er legal, schnell zu haben, nicht zu teuer und schnell wirksam ist«, weiß sie mittlerweile.

Viel Arbeit, viel Familie und keine Freunde

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Auch als Theresa Müller erwachsen war, längst geheiratet und einen Fulltime-Job hatte, musste sie ihre Großmutter pflegen und für ihre Eltern da sein. Nebenbei hatte sich die gelernte Arzthelferin auch noch um ihren Haushalt und ihren Garten zu kümmern. Zeit, um sich mit Freunden zu treffen, hatte sie keine mehr. Irgendwann wurde ihr einfach alles zu viel. »Da begann dann die Trinkerei«, erzählt sie. »Am Abend zum Runterkommen hab ich immer etwas getrunken.« Nur Wein, fügt sie hinzu, »alles andere mag ich nicht«.

Ihr Konsum wurde aber immer mehr und mehr. »Zuerst war es eine Flasche, dann zwei und irgendwann waren es auch drei.« Ihr wuchs einfach alles über den Kopf – der ganze Stress. Schließlich brach alles zusammen: Ihre Ehe ging in die Brüche und eines Tages kam es auch zum großen Krach mit ihren Eltern – ja, mehr noch. Es wurde eine handfeste Auseinandersetzung und Theresa Müller landete deswegen im Krankenhaus. Danach sei sie von heute auf morgen von ihrer alten Heimat weggezogen, erzählt sie. Sie wollte einen Neuanfang wagen und suchte sich dafür den Landkreis Traunstein aus. »Aber auch hier wurde es zunächst nicht besser«, erinnert sie sich.

Sie hatte keine Arbeit mehr, war plötzlich völlig allein. Mit dieser Situation kam sie nicht zurecht – und trank deshalb weiter. Sie bekam zwar einen Betreuer zur Seite gestellt, aber »der hatte nicht viel Ahnung«. Ihr Leben plätscherte so dahin. Mal trank sie, mal nicht. »Im Laufe des Tages ist es mir halt oft langweilig geworden und deswegen hab ich halt wieder getrunken«, sagt sie. Dass sie längst abhängig war, »wollte ich natürlich nicht wahrhaben«. Dazu brauche es viele Schritte, betont sie.

Mittlerweile weiß sie: »Man muss aufpassen, dass man da nicht rein rutscht.« Das Problem mit dem Alkohol sei, »dass er legal, schnell zu haben, nicht zu teuer und schnell wirksam ist«.

Der Alkohol bestimmte viele Jahre ihr Leben. Denn ihre Aufgabe bestand plötzlich lange Zeit darin, immer genug davon daheim zu haben. »Und das funktionierte immer gut«, sagt sie. Das weiß auch Stefan Eder von der Caritas-Fachambulanz in Traunstein: »Der Tag muss so strukturiert sein, dass sie die Möglichkeit haben, immer Alkohol besorgen zu können – und zwar so, dass keiner etwas davon mitbekommt.« Genau darin sei sie sehr gut gewesen, bestätigt Theresa Müller.

Doch sie hatte eines Tages nach einer durchzechten Nacht ein Schlüsselerlebnis: Als sie damals aufwachte und sich in ihrer Wohnung umsah, die völlig heruntergekommen war, wurde ihr schlagartig klar: »So geht das nicht mehr weiter.« Schließlich habe sie sich auch körperlich nicht mehr fit gefühlt, ergänzt sie. »Ich wusste aber auch, dass ich da alleine nicht rauskomme, das war unmöglich.« Auch Stefan Eder weiß, dass professionelle Hilfe nötig ist. »Alkoholiker haben ein verzehrtes Bild von der Realität«, betont er. »Sie verlieren auch den Bezug zu sich selber.« Dies müsse in vielen Gesprächen aufgearbeitet werden, betont er.

Rückkehr in ein normales Leben war äußerst schwer

Theresa Müller wagte schließlich den Schritt zur Fachambulanz. Hier fühlte sie sich gleich gut aufgehoben. Sie begann mit einer ambulanten Therapie. »Aber ich bin immer wieder rückfällig geworden«, gesteht sie. Es half alles nichts, sie musste eine stationäre Therapie machen – und musste monatelang in eine Klinik. Eine schwere Zeit sei das am Anfang gewesen, betont sie. Denn sie musste als erstes mit dem Gedanken klar kommen, nie wieder Alkohol zu trinken. Doch daran gewöhnte sie sich schnell. Mittlerweile weiß sie: »Es geht mir viel besser ohne Alkohol.«

Theresa Müller war nach der stationären Therapie noch ein halbes Jahr bei der Nachsorgebehandlung in der Fachambulanz. Nun hat sie sich dem Kreuzbund angeschlossen, einer Selbsthilfegruppe für alkoholabhängige Menschen. Die Gespräche dort helfen ihr. »Jetzt geht es ständig aufwärts. Ich merke, dass etwas passiert ist«, freut sie sich. Sie gehe etwa wieder unter Menschen und habe auch schon die ersten Kontakte geknüpft, fügt sie hinzu. Kontakt zu ihrer Familie hat sie aber nach wie vor keinen. »Das wäre nicht gut«, sagt sie. Zurückblicken möchte sie nicht mehr, nur noch nach vorne schauen. Die zwölf langen Jahre, in denen sie alkoholkrank war, endgültig hinter sich lassen. »Ich war nur noch eine Puppe, die herumlief«, sagt Theresa Müller, »jetzt bin ich wieder in mir.« SB