»Weidehaltung und Wolf passen nicht zusammen«

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Die Helmingers lieben ihre Tiere. Den Winter über waren die Schafe in diesem Stall. Nun werden die demnächst auf die Weide getrieben und Martin und Gerti Helminger machen sich Sorgen wegen des Wolfs. (Foto: Konnert)

Teisendorf – Martin Helminger hat Angst um seine Schafe. Seit am 20. Februar ein Wolf in der Nachbargemeinde Siegsdorf zwei Kamerunschafe gerissen hat, keine acht Kilometer Luftlinie von seinem Hof in Neukirchen am Teisenberg entfernt, hat er keine ruhige Minute mehr. Denn die Weidesaison für seine Schafe rückt näher.


Die Weiden rund um das Anwesen in Schütz bei Neukirchen gelegen, grenzen auf der einen Seite direkt an seinen Hof, auf der gegenüberliegenden Seite an ein Neubaugebiet, wo vor kurzem viele junge Familien mit Kindern eingezogen sind und das gerade jetzt nochmal Richtung Wald erweitert wird, an ein Waldgebiet und eine gut befahrene Straße, die Neukirchen mit Surberg verbindet. Herdenschutzhunde kommen für Helminger auch wegen dieser Lage nicht in Frage.

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110 Mutterschafe und zehn Mastrinder

Den Betrieb hat er von seinen Eltern im Jahre 2000 gepachtet und fünf Jahre später übernommen. Heute betreibt er zusammen mit seiner Frau Gerti eine Schafzucht mit 110 Mutterschafen, Rasse Bergschaf, daneben haben sie noch zehn Mastrinder. Neben den Mutterschafen tummeln sich im Stall auch viele Lämmer. Das Lammfleisch wird, nach Hofschlachtung, ab Hof oder über Direktvermarkter verkauft. Die Mutterschafe sollen nun auf die Weide, die bereits jetzt in sattem Grün leuchtet. Und da beginnen Martin Helmingers Sorgen. Die Weide wirklich wolfssicher einzuzäunen, hält er kaum für möglich. »Ein Elektrozaun mit 90 Zentimetern Höhe gilt als wolfssicher. Der kann aber mit Sicherheit mühelos übersprungen werden, vor allem in Hanglagen, wo der Wolf auch von oben einspringen kann. 1,20 Meter Höhe halte ich für das Mindestmaß«, betont Helminger. Maschendrahtzäune ohne Strom müssten zudem tief in der Erde vergraben werden, damit sie vom Wolf nicht untergraben werden. Ebenso sei es durch den Bewuchs sehr schwer möglich, die notwendige Spannung von 4000 Volt bei jeder Witterung zu gewährleisten. »Die Wolfsabwehr durch eine sichere Einzäunung bedeutet erhebliche Kosten und Arbeitsaufwand, die für uns Bauern kaum zu stemmen sind«.

Martin Helminger spricht dabei nicht nur für sich, sondern als stellvertretender Ortsobmann für alle Bauern in der Gemeinde. Was ihn besonders verärgert ist, dass Neukirchen noch nicht in die Förderkulisse für Wolfsschutz aufgenommen ist. In diesen Gebieten werden nämlich die Kosten für die Anschaffung des Materials für einen »wolfssicheren Zaun« übernommen. Dies sollte schnellstens auch für Neukirchen gelten. »Müssen wir warten, bis das erste Schaf auch bei uns gerissen ist, bevor wir eine Förderung zum Wolfsschutz bekommen?«, fragt Gerti Helminger. Wölfe würden die Tiere sehr grausam reißen, auch würden im Blutrausch viel mehr Tiere getötet und verletzt, als der Wolf zur Nahrung braucht. Bei der Hetze würden die Tiere auf Straßen gejagt oder würden sich in den Zäunen verfangen.

»Für mich als Schafhalter, wie auch für meine Landwirtskollegen, steht der Weideaustrieb bevor. Wir fragen uns, wie wir unsere Tiere schützen sollen? Weidehaltung und Wolf passen nicht zusammen, Unsere Tiere sind kein Wolfsfutter«, betont Martin Helminger.

»Der Wolf ist beiuns angekommen«

Dass sich der Wolf rasant vermehrt und ungehindert ausbreitet, weiß auch Matthäus Michlbauer, Geschäftsführer des Kreisverbands Traunstein des Bayerischen Bauernverbands, der bei dem Gespräch auf dem Hof der Helmingers mit dabei ist. Der in früheren Jahren formulierte Zielwert von 1000 Wölfen in Deutschland sei längst erreicht. Aufgrund fehlender Feinde und Bejagung verliere der Wolf zunehmend die Scheu vor dem Menschen. »Auch bei uns in der Region ist der Wolf angekommen«, so Michlbauer. Im Landkreis Traunstein sei es zum Beispiel Ende Juni vorigen Jahres zu Wolfsrissen an Nutztieren gekommen.

Die Forderungen der Landwirte an die Politik sind klar: Der Wolf müsse ins Jagdrecht aufgenommen werden, so dass problematische Tiere entnommen werden könnten. Eine Rudelbildung sei zu verhindern und die Förderkulisse müsse ausgedehnt werden.

Für Martin Helminger sind diese Maßnahmen wichtig, sie werden ihm aber die kurzfristigen Sorgen um seine Schafe währendder kommenden Weidezeit nicht nehmen können. kon

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