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Stiller Protest gegen Schul- und Kitaschließungen

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Viele Eltern hatten zu dem stillen Protest in Teisendorf Plakate mitgebracht.

Teisendorf – Etwa 80 Familien, teilweise mit ihren Kindern, hatten sich trotz Regenwetters auf dem Rathausplatz versammelt, um ihren Protest gegen die Verordnungen des Landrats zur Schließung von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen im Berchtesgadener Land wegen der Coronapandemie Luft zu machen. Mitgebracht hatten sie Plakate, auf denen unter anderem zu lesen stand: »Schule auf«, »Kinder haben Rechte«, »Recht auf Bildung«, »Kinder brauchen Schule« und »Wir wollen in die Schule«.


»Ich habe das Recht auf Schule« stand auf dem Plakat, das Leonhard, ein Drittklässler fest in Händen hielt. Zuhause sei es langweilig, so der aufgeweckte Bub, der wegen einer Krankheit auf den Rollstuhl angewiesen ist. Es fehlen ihm die Freunde, es fehlt ihm der direkte Kontakt mit den Lehrern und Klassenkameraden.

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Was aber noch besonders fehlt, so Mutter Lisa, sind die Therapieeinheiten, die Leonhard in der Schule bekommt und die jetzt auch wegfallen. Seinem Gesundheitszustand ist das nicht dienlich. Die Familie hat noch eine Tochter in der zweiten Klasse. Neben der Landwirtschaft sich noch um die schulischen Belange zweier Grundschulkinder zu kümmern, sei eine große Belastung, so die Mutter.

Maria Aicher, eine der Mitorganisatorinnen des Protests, hat einen Buben in der zweiten Klasse und eine Tochter im Kindergarten. »Die Verunsicherung bei Eltern und Kindern ist enorm. Der tägliche Spagat mit ständig neuen Verordnungen kann so nicht weiter gehen. Man hatte versprochen, die Schulen und Kitas nicht mehr zu schließen. Den Kindern und Eltern fehlt die Kontinuität. Die Hygienekonzepte wurden von den Kindern eingehalten und jetzt müssen sie erfahren, dass das wohl nicht gereicht hat. Wie soll man das einem Grundschulkind erklären?«, fragt Aicher.

Die Lehrer seien sehr engagiert. Aber sie würden von einigen Behörden ausgebremst, zum Beispiel, indem Materialaustausch nicht genehmigt wird. Zudem stellte sich den Eltern die Frage: »Wie soll das weitergehen?« Online-Unterricht könne für Kleinkinder nicht die Lösung sein. »Kleinkinder können das nicht umsetzen. Viele Eltern können nicht helfen oder haben nicht die nötige Infrastruktur.« Zudem wisse man, wie schädlich die Nutzung digitaler Geräte für Kinder sei. »Das macht die Bemühungen der Eltern, die Kinder vom Computer wegzubringen, um vieles schwerer.«

Gekommen war auch Bürgermeister Thomas Gasser, der sich der Diskussion mit den Eltern stellte. Er verstehe die Verärgerung der Eltern und finde ihre Anliegen nicht übertrieben. Im Moment seien den Bürgermeistern die Hände gebunden. Man sei solidarisch mit dem Landratsamt, denn man müsse im Landkreis eine einheitliche Linie bei den Schulschließungen fahren, um die Situation nicht weiter zu zersplittern.

Er gehe davon aus, dass man bei der Ausarbeitung eines Konzepts für die Zeit nach den Ferien auch die Gemeinden beteiligen werde, damit eine gute Lösung unter Berücksichtigung der örtlichen Belange gefunden werden kann. Mit der Notbetreuung bemühe man sich, schwierigere Situationen abzufangen. Das das nicht immer gelingt und kein Ersatz für eine langfristige Schulschließung sein kann, sei ihm bewusst, betonte Gasser.

Für Mutter Stefanie, Mutter von zwei Kindergartenkindern mit vier und sechs Jahren, ist sie dennoch eine Hilfe. »Sorgen macht mir eher, dass die Vorschule für meinen Großen unterbrochne wurde. Die Zettel, die die Kinder nach Hause bekommen, um zu üben, machen das bestimmt nicht wett.«

Unter den Protestler waren auch zwei Omas anzutreffen. »Ich bin für meine Enkel hier«, so eine der beiden, die ihren Namen nicht genannt haben will. »Beide gehen in Traunstein in die Schule und müssen jetzt zuhause bleiben. Das ist doch unfassbar!«

Dieser Meinung waren auch weitere Eltern, deren Kinder in einer ähnlichen Situation sind. »Die Kinder, die im Berchtesgadener Land die Schule besuchen, werden zumindest online beschult«, sagte Sandra Egger. »Unsere Kinder, die in Traunstein zur Schule gehen, müssen zuhause bleiben, als wären sie krank. Sie werden nicht beschult, denn für die Kinder, die nicht aus unserem Landkreis kommen, geht die Schule ja im Präsenzunterricht normal weiter.« Ab und zu würden die abwesenden Kinder Übungsblätter oder ein Foto von der Tafel online zugeschickt bekommen. »Mehr Unterricht ist für sie nicht.«

Ähnlich sieht es auch Karina Ladwig. »Das ist eine totale Benachteiligung«. Ihre Situation ist besonders absurd, denn sie ist Lehrerin an derselben Schule in Traunstein, die auch ihre Kinder besuchen. Als Lehrkraft darf sie täglich nach Traunstein fahren, um zu unterrichten. Ihre Kinder hingegen muss sie zuhause lassen, denn sie dürfen nicht zum Unterricht kommen. »Das mag noch jemand verstehen«, so Ladwig. Dass sie auch Unterrichtsstunden im Landkreis Berchtesgadener Land hat, die zurzeit ausfallen, ist für sie jetzt von Vorteil, weil sie mehr zuhause bei den Kindern sein kann. Es gäbe aber viele Kinder, deren Eltern zur Arbeit gehen und die ganze Tage allein zuhause sind. Dies könne kein Dauerzustand werden. Die Online-Petition gegen Schulschließungen im Berchtesgadener Land haben Ladwig und Egger, wie viele andere Eltern, bereits unterschrieben. Sie hoffen, dass sich noch viele daran beteiligen werden, damit der Druck auf Entscheidungsträger wächst.

Was man bei den Gesprächen immer wieder hörte, war die Verärgerung über den Wortbruch: »Uns wurde versprochen, dass die Kinder nicht mehr leiden.« Die Einhaltung dieser Zusage forderten die Eltern mit ihrem stillen Protest. Sie wollen den Kindern eine Stimme geben und hoffen, dass diese schnellstens von den Verantwortlichen gehört wird. kon

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