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Monika Konnert findet es wunderbar, heute Geburtstag zu haben. Es ist ein »Runder«, ihr 70. »Wenn heute die Verwandtschaft aus ganz Deutschland anruft, dann weiß ich: es ist Heilig Abend. Und es ist mein Tag. Denn meinen Geburtstag vergisst man nicht.«
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Aufgewachsen ist die Teisendorferin in Rumänien. Auf dem Bild ist sie fünf Jahre alt und freut sich über das Glitzern des mit Stanniolpapier eingepackten Salonzuckers, der jedes Jahr am Christbaum hing.

Monika Konnert findet es wunderbar, an Heiligabend Geburtstag zu haben – Teisendorferin wird heute 70

»Ich bin ein richtiges Christkind«, sagt Monika Konnert lachend und blickt zu den Fotoalben auf ihrer Kommode. 70 Jahre ihres Lebens sind hier in Bildern festgehalten. Eine glückliche und unbeschwerte Kindheit in Rumänien trotz einfachster Verhältnisse. Eine junge Frau, die als einzige aus ihrem Dorf weit weg zum Studieren geht, auch wenn ihreFamilie das nicht unbedingt für richtig hält. Und ihr neues Leben in Deutschland. Die Teisendorferin hätte sich in jungen Jahren nie erträumen lassen, was sie einmal erreichen wird. Auch das meint sie, wenn sie sagt: »Ich bin ein richtiges Christkind«. Am Heiligen Abend Geburtstag zu haben, findet sie wunderbar. Dieses Jahr ist es ihr 70. »Wenn heute die Verwandtschaft aus ganz Deutschland anruft, dann weiß ich: es ist Heilig Abend. Und es ist mein Tag. Denn meinen Geburtstag vergisst man nicht.«


Geboren und aufgewachsen ist Christine (wegen des besonderen Geburtstags) Monika (der Lieblingsname ihrer Mutter) Hedwig (der Lieblingsname ihrer Oma) in Großsanktnikolaus, einer Kleinstadt im äußersten Westen Rumäniens. Auch wenn ihr erster Name Christine ist, wird sie von allen Monika gerufen. Ihre Großeltern, Eltern, Tanten und Onkel sind Banater-Schwaben. Monika geht in einen deutschen Kindergarten und auf eine deutsche Schule. »In Rumänien waren wir Deutsche, in Deutschland dann Rumänen. Das war nicht immer so leicht zu verstehen«, sagt sie.

Ihr Vater Johann kehrt erst einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in seinen Heimatort zurück mit nur- mehr 38 Kilogramm. Er war in russischer Kriegsgefangenschaft. Am 1. April 1951 heiraten Johann und Elisabeth. Acht Monate später kommt ihre Tochter Monika zur Welt – am Heiligen Abend kurz vor Mitternacht. »Über die Geburt weiß ich wenig«, sagt die Teisendorferin. Doch ihr Vater soll gesagt haben: 'Schön ist sie nicht, aber sie ist unsere'. »Ich wurde von allen unglaublich geliebt. In unserer großen Familie war ich von Anfang an das Zentrum, weil ich das erste Kind der Nachkriegsgeneration war. Ein richtiges Christkind also«, sagt sie und lacht. Noch heute erinnert sie sich an den Geschmack von reifen Pfirsichen und die unendliche Weite in ihrer Heimat.

Die Sommer in Großsanktnikolaus sind heiß, die Winter bitter kalt mit viel Schnee. Monika muss – wie die anderen Mädchen auch – Röcke tragen. Strumpfhosen gibt es nicht, Hosen sind nur für Jungs. »Auf den langen Schulwegen habe ich immer fürchterlich gefroren«, sagt die Teisendorferin. »Aber wir waren es auch gewohnt.« Ihre Kindheit ist von viel Liebe und Unbeschwertheit geprägt, auch wenn die Familie in sehr einfachen Verhältnissen leben muss. »Geschenke gab es kaum. Weder zum Geburtstag, noch zu Weihnachten. Aber wir kamen immer alle zusammen, haben gesungen und sind nachts in die Christmette gegangen.«

Der Christbaum der Familie ist mit Kerzen, Salonzucker oder selbstgemachter Hausschokolade geschmückt. Er steht im kältesten Zimmer des Hauses. Das Stanniolpapier, in das die Süßigkeiten eingepackt sind, glitzert wunderschön. Monika und die anderen Kinder sammeln es. Für ihren Geburtstag backt Mama Elisabeth immer auch eine Torte – doch mehr für die Gäste, als für ihre Tochter. »Süßes war noch nie meins«, sagt die heute 70-Jährige und lacht. Deshalb bekommt sie als Geburtstagskind zwei Krautwickel, die eigentlich erst für den ersten Weihnachtsfeiertag gedacht sind. Zum »Hans-Tag« am zweiten Weihnachtsfeiertag versammelt sich dann die ganze Großfamilie zum Essen, Trinken und Feiern. »Das war immer ein Riesenfest.« Monika und ihre Familie haben kaum Geld, doch sie haben genug zu essen und einen starken Zusammenhalt.

»Mein schrecklichstes Weihnachtsfest war 1987«

Anders ist es die ersten Jahre in Deutschland. Das Heimweh ist riesengroß, obwohl in ihrem Ort nichts mehr wie früher ist. Denn ein Großteil der Familie ist ausgewandert und lebt über ganz Deutschland verteilt. »Mein schrecklichstes Weihnachtsfest war 1987«, sagt die Teisendorferin. Sie, ihr Mann Volkmar und die zwei Kinder sind einige Monate zuvor in Deutschland angekommen. »Wir hatten verschiedene Übergangslager hinter uns. Am Heiligen Abend bin ich in Freiburg in die Christmette gegangen. Dort all die glücklichen Menschen zu sehen – ich habe es nicht ausgehalten, bin raus gerannt und habe fürchterlich geweint. Anfangs wollte ich nur zurück.«

»Einige der Kugeln habe ich heute noch«

Doch die junge Mutter lässt sich nicht unterkriegen. Sie und ihr Mann, ein Doktor der Forstwissenschaften, finden eine Anstellung bei der Forstlichen Versuchsanstalt in Freiburg. Und können sich bald eine eigene Wohnung zur Miete leisten – und dort Geburtstag und Weihnachten feiern. »Eine Bekannte hat uns ihren alten Christbaumschmuck geschenkt, damit wir unseren Baum auch schmücken können. Wir hatten ja nichts. Einige der Kugeln habe ich heute noch«, sagt die 70-Jährige.

Die Armut in ihrer Kindheit und die wirtschaftlich schwierige Anfangszeit in Deutschland haben sie geprägt. Diese Erfahrungen haben sie aber auch stark und »hungrig« gemacht. Monika ist ehrgeizig und extrem fleißig. Als ihr Doktortitel in Chemie nicht anerkannt wird in Deutschland, schreibt sie kurzerhand eine zweite Doktorar-beit in Forstwissenschaften. »Wenn mir damals inRumänien jemand gesagt hätte, ‚du leitest irgendwann mal das Bayerische Amt für Waldgenetik‘, dann hätte ich gesagt: ‚Du spinnst! Träum weiter‘.«

Doch so kommt es. Nach einer Tagung 1988 in Teisendorf ist der damalige Leiter des Amts für Saat- und Pflanzenzucht (ASP) so begeistert von ihrem Vortrag, dass er möchte, dass sie ein neues Labor in der Marktgemeinde einrichtet. Die Familie zieht also von Freiburg nach Teisendorf. 2005 wird Monika Konnert dann stellvertretende Leiterin des ASP (heute Bayerisches Amt für Waldgenetik) und von 2010 bis zu ihrer Rente leitet sie die Forschungseinrichtung. Sie hat das Unmögliche möglich gemacht. Vielleicht auch, weil sie ein Christkind ist.

Klara Reiter

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