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Hilfsbereitschaft, Zivilcourage und Optimismus

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»Ich hab immer versucht, praktische Lösungen für die Probleme zu finden«, betont Gertraud Gasser im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. (Foto: Konnert)

Teisendorf – Wer sich in Teisendorf mit dem Katholischen Frauenbund (KDFB) beschäftigt, stößt unwillkürlich auf den Namen Gertraud Gasser. Sie war 1953 Gründungsmitglied des Ortsvereins Teisendorf, ab 1959 ganze 50 Jahre lang Vorsitzende. Als sie den Stab an Maria Lemberg übergab, wurde sie zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Verbunden blieb sie dem Frauenbund bis heute.


Wenn man der noch rüstigen, hochbetagten Dame mit den lachenden Augen und dem wachen Verstand gegenübersitzt und ihren Erzählungen lauscht, entdeckt man schnell viel Erwähnenswertes: eine optimistische, konservative Lebenseinstellung, einen ausgeprägten Familiensinn, tiefes Gottvertrauen, Ideenreichtum, enorme Hilfsbereitschaft, Zivilcourage und großes politisches Interesse. Angesprochen auf ihr ehrenamtliches Engagement in ihrem fast 94 Jahre währenden Leben und die Motivation dazu, antwortet sie schlicht: »Ich hab immer versucht, praktische Lösungen für die Probleme zu finden. In der ganzen Misere nach dem Krieg brauchte man jeden, vor allem uns Frauen. Improvisieren war in der Not wichtig, und das können wir Frauen nun mal sehr gut.«

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Am ehrenamtlichen und politischen Engagement fehlte es im Hause Gasser nie. Nicht nur die Eltern Gertraud und Georg haben es gelebt, sondern auch alle fünf Kinder und inzwischen auch viele Enkelkinder sind auf unterschiedliche Weise in der Gemeinde ehrenamtlich oder politisch aktiv. Der zweitjüngste Sohn Thomas ist heute Bürgermeister von Teisendorf.

Zur Unterstützung der Teisendorfer Frauen wurde der Gemeinde 1969 die erste Dorfhelferin zugeteilt, als Hilfe vor allem für Bäuerinnen, die durch Schwangerschaft, Geburt eines Kindes oder Krankheit im landwirtschaftlichen Betrieb ausgefallen sind. Damit war eine langjährige, vehement gegen alle Widerstände verfolgte Initiative des Frauenbunds Teisendorf erfolgreich, eine Aktion, auf die Gertraud Gasser auch heute noch stolz ist. Ab Ende der 1960er Jahre ist es dem Frauenbund gelungen, über das Müttergenesungswerk Teisendorfer Frauen zur Kur zu schicken. Die Haussammlungen für das Müttergenesungswerk wurden viele Jahre von Frauenbundfrauen für die Gemeinde durchgeführt. Aus einer ganz konkreten Situation heraus wurde der Gedanke der »Notfallmütter« entwickelt. Heute würde man »Babysitterdienst« dazu sagen.

Auch die Aktion »Babykorb«, bei der Babykleidung und Einrichtung für Kleinkinder gesammelt und verteilt wurden, ist zu erwähnen.

Für die behinderten Kinder des Löhe-Heims in München hat der Ortsverein Teisendorf des KDFB in den 1970er Jahren mehrere Sommer lang Erholungsfreizeiten in Teisendorf organisiert. Dazu wurde der damals ziemlich heruntergekommene Dechantshof – heute gehört er zum Haus Chiemgau – von Frauenbundfrauen instandgesetzt, gründlich gereinigt und aus Spenden wohnlich ausgestattet. »Durch diese Aufenthalte haben sich viele persönliche, oft sehr emotionale Beziehungen zu den behinderten Kindern entwickelt. Oft gab es Tränen beim Abschied, manche Kinder wollten ganz dableiben«, sagt Gertraud Gasser – und man sieht, dass ihr diese Zeit heute noch nahe geht.

Ein Projekt, das immer noch Bestand hat, ist der Kleidermarkt des KDFB. Anfang der 1970er organisierte der Pfarrgemeinderat in Teisendorf zum ersten Mal einen zweitägigen Gebrauchtwarenmarkt, erzählt Gasser. Der große Erfolg dieser Aktion führte die damalige Pfarrgemeinderätin und Frauenbundvorsitzende Gertraud Gasser zu der Idee, einen Gebrauchtkleidermarkt innerhalb des Frauenbunds als ständige Einrichtung in Teisendorf zu etablieren. Ihr Argument damals: »So reich sind wir alle nicht, dass wir nur kurz getragene Kleidung einfach wegwerfen.« Die Gemeinde stellte unentgeltliche Räumlichkeiten im alten Verkehrsbüro zur Verfügung, die notwendige Einrichtung und im Winter auch das Heizmaterial mussten die dort ehrenamtlich arbeitenden Frauenbundfrauen selbst organisieren. Neben der Arbeiterwohlfahrt in Prien war dies in weitem Umkreis die einzige Einrichtung dieser Art, mit Einzugsgebiet weit über Teisendorf hinaus. Der erwirtschaftete Gewinn wurde früher wie heute für soziale Zwecke gespendet. Heute ist der Kleidermarkt im Pfarrheim Teisendorf untergebracht, zur Zeit natürlich wegen Corona geschlossen.

Die schwindende Anzahl von Mitgliedern und die Überalterung sieht Gertraud Gasser mit Sorge. Hinterfragen möchte sie aber nicht nur die Menschen, die sich der Mitarbeit verweigern, sondern auch die Strukturen. »Müssen die Mitglieder sich anpassen oder müssen die Strukturen der Organisationen kritisch hinterfragt werden? Ich habe darauf keine sichere Antwort. Wahrscheinlich beides«, meint sie lächelnd. Und schon hat sie wieder eine Idee, wie man etwa eine »Aktion Halstuch« starten könnte. Man könnte aus alten Halstüchern, die in vielen Schubladen herumliegen, Einkaufstaschen nähen und für einen guten Zweck verkaufen.

Gertraud Gasser selbst hat schon eine große Schachtel Tücher gesammelt, falls sich doch jemand findet, der die Idee aufgreift, meint sie. Wie gesagt, an Ideenreichtum hat es ihr nie gefehlt! Und den Mut und familiären Rückhalt zur Umsetzung ihrer Träume hatte sie auch.

kon

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