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»Momentan gibt es mehrere Lawinenprobleme«

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»Wir setzen auf ein großes Beobachternetz«, so Dr. Thomas Feistl, Leiter des Lawinenwarndienstes. (Foto: privat)
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Besonders beliebt war in den letzten Wochen bei den Skitourengehern das Watzmanngebiet. Hier der Blick vom Hocheck hinunter zu den Watzmannkindern. (Foto: Ulli Kastner)

Berchtesgadener Land – Trotz frühlingshafter Temperaturen geht den Mitarbeitern des Lawinenwarndienstes die Arbeit nicht aus. Bis in den Mai hinein erstellen sie den täglichen Lagebericht. »Momentan gibt es mehrere Lawinenprobleme, die man beachten sollte«, sagt Dr. Thomas Feistl, Leiter des Lawinenwarndienstes Bayern.


In der vergangenen Woche hat es in der Alpenregion nochmals stark geschneit. Für den Lawinenwarndienst dürfte dies viel Arbeit bedeuten. Wie zeigt sich aktuell die Lage in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen?

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Dr. Thomas Feistl: Ja, in der vergangenen Woche gab es bis zu einem Meter Neuschnee. Zeitweise herrschte große Lawinengefahr in den Hochlagen der Berchtesgadener Alpen. Unsere Lawinenkommissionen vor Ort waren dabei sehr gefordert, um die Lawinengefährdung zu beurteilen. Vereinzelt mussten auch Straßen gesperrt werden, allerdings nicht im östlichen Teil des bayerischen Alpenraums.

Tausende Wintersportler vertrauen Tag für Tag auf den Lawinenlagebericht, den es von Oktober bis Mai gibt. Die Angaben darin müssen präzise sein. Woraus speisen diese sich im Detail?

Feistl: Wir setzen auf ein großes Beobachternetz. Insgesamt 50 Personen liefern Details zum Schneedeckenaufbau in allen Regionen und auch allen Höhenlagen. Hinzu kommen 20 automatische Messstationen, die meteorologische Parameter messen. Ergänzend nutzen wir Webcams und beobachten den Wetterbericht. Wir stehen in täglichem Kontakt zu Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes, um eine detaillierte Wetteranalyse einzuholen. Natürlich sind wir auch in ständigen Einsätzen vor Ort, zur Überprüfung von Details.

Personell ist das Team des Lawinenwarndienstes recht groß. Worauf müssen die Mitarbeiter bei ihrer Arbeit besonders achten?

Feistl: In der Lawinenwarnzentrale im Bayerischen Landesamt für Umwelt in München arbeiten sechs Personen. Vor Ort in den Lawinenkommissionen und als Beobachter sind in Bayern rund 400 Experten ehrenamtlich tätig. Der Fokus bei der Arbeit liegt immer auf dem Schneedeckenaufbau, dem Wetter und dem Gelände. Notwendig ist ein systematisches Vorgehen bei der Beurteilung der Lawinengefahr, das alle lawinenbildenden Faktoren miteinbezieht. Eine gute Kommunikation zwischen allen Beteiligten, also der Lawinenwarnzentrale, den Lawinenkommissionen und den Sicherheitsbehörden ist dabei der Schlüssel zum Erfolg. Denn Messstationen allein können nicht in die Schneedecke reinschauen. Dort verstecken sich aber die entscheidenden Informationen über die Lawinengefahr. Die Mitarbeiter der Lawinenwarnzentrale können alleine nicht ausreichend Informationen sammeln, dafür braucht es dann Beobachter vor Ort, die die Situation in ihren Gebieten genau kennen.

Schneemessfelder sind ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit. Wo gibt es solche in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen?

Feistl: An den Schneemessfeldern graben unsere Mitarbeiter alle zwei Wochen ein Schneeprofil. Es gibt fünf Schneemessfelder im Chiemgau und in den Berchtesgadener Alpen, etwa am Jenner-Krautkaser, am Toten Mann, auf der Reiteralm, der Kampenwand und auf der Winklmoosalm.

Welche Erkenntnisse liefern diese?

Feistl: Diese geben uns bei Betrachtung Aufschluss über den Schneedeckenaufbau, dessen Entwicklung und damit auch über die Gefahr von Lawinenauslösung und Lawinengröße.

Sogenannte Früh- und Nachmittagsbeobachter sammeln tagtäglich Erkenntnisse, die sie an die Zentrale übermitteln.

Feistl: Ja, die Übermittlung erfolgt entweder über das Smartphone, über ein webbasiertes Eingabetool oder telefonisch. Bei dem Webtool ist eine einfache Bedienung wichtig. Darüber hinaus muss es auch bei schlechtem Wetter funktionieren, selbst dann, wenn es keinen Empfang gibt. Dabei gilt für unsere Beobachter, dass sie fundiertes Fachwissen mitbringen müssen. Ausgebildet werden sie von Mitarbeitern der Lawinenwarnzentrale. Das Gute dabei ist: Alle Beteiligten kennen sich untereinander gut und arbeiten vertrauensvoll zusammen.

Die von Ihnen ausgegebenen Gefahrenstufen werden häufig unterschätzt. Auf der Fünfer-Skala bedeutet die »3« bereits eine erhebliche Gefahr. Bei diesem Wert passieren die meisten Unfälle. Sollte man da nicht besser zu Hause bleiben?

Feistl: Eine Gefahrenstufe bezieht sich auf die Lawinengefahr einer ganzen Region. Die Zahl alleine reicht für eine Gefahrenabschätzung am einzelnen Hang nicht aus. Dort könnte sich die Situation ganz anders darstellen. Je größer die Gefahrenstufe, desto mehr Gefahrenstellen gibt es. Lawinen sind dann leichter auszulösen: Ausgelöste Lawinen sind größer und damit gefährlicher. Bei »erheblicher Lawinengefahr« liegt Gut und Schlecht oft nahe beieinander. Das macht es so schwierig für den Skitourengeher, die Situation zu beurteilen. Unabhängig von der Gefahrenstufe sind eine detaillierte Tourenplanung, Risikoabschätzung, Fachwissen zu Schnee und Lawinen, Sicherheitsausrüstung und Zurückhaltung wichtige Voraussetzungen für jede Unternehmung im alpinen Gelände. Wenn man sich in flachem Gelände bewegt und die Hänge, die über einem liegen, beachtet, kann man der Lawinengefahr meist aus dem Weg gehen. Und für alle Skitourenanfänger gilt: Es gibt Ausbildungsmöglichkeiten bei alpinen Verbänden, die man unbedingt annehmen sollte.

Worauf müssen Skitourengeher dieser Tage also besonders achten?

Feistl: Momentan gibt es mehrere Lawinenprobleme, die man unbedingt beachten sollte. Zum einen sind die Temperaturen gestiegen, die große Menge Schnee der vergangenen Woche wird nass und geht als Nassschneelawine von selbst ab. Hinweise auf Nassschneelawinengefahr kann immer die Einsinktiefe geben. Mit einem frühen Start und einer rechtzeitigen Rückkehr kann man sein Risiko verringern. Das zweite Problem sind zurzeit Gleitschneelawinen, die sich auf glatten, steilen Wiesenhängen lösen. Der Zeitpunkt eines Gleitschneelawinenabganges ist recht schwer vorherzusagen. Im Bereich von Gleitschneerissen, sogenannten Fischmäulern, sollte man sich besser nicht zu lange aufhalten. Lawinenproblem Nummer drei ist der Triebschnee in höheren Lagen. Schneebrettlawinen können dabei durch Wintersportler ausgelöst werden. Hiervon ist vor allem kammnahes Steilgelände betroffen. Generell gilt: Triebschneeansammlungen sind in jedem Fall zu meiden.

Eine Frage zum Schluss: Was machen Sie eigentlich während des Sommers?

Feistl: Wir haben tatsächlich das ganze Jahr über Arbeit. Gutachterliche Stellungnahmen für den Lawinenschutz müssen verfasst werden, zudem müssen Wartung und Ausbau unseres automatischen Messnetzes vorangetrieben werden. Im Sommer kümmern wir uns auch um die Weiterentwicklung des Internetauftrittes, überarbeiten Ausbildungskonzepte und planen die kommenden Monate, damit im Winter wieder alles reibungslos funktioniert. Manchmal ist auch Zeit für einen längeren Urlaub. Kilian Pfeiffer

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