weather-image
-2°

Leben oder Tod: Wenn jede Minute zählt – Kommunikationsproblem bei Hubschrauber-Einsatz?

4.2
4.2
Bildtext einblenden
»Christoph 14« landete am 23. September weder an der Klinik in Berchtesgaden noch am Landeplatz der Bergwacht – sondern letztlich in der Nähe des Aschauerweihers in Bischofswiesen. (Repros: Kilian Pfeiffer)
Bildtext einblenden
Bangte um das Leben seiner Frau: Franz Kurz aus Berchtesgaden.

Berchtesgaden – Eine Frau in der Kreisklinik Berchtesgaden hat eine Hirnblutung. Sie muss am Schädel operiert werden. Der Rettungshelikopter »Christoph 14« soll sie holen. Der Pilot wird aber nicht an der Kreisklinik landen, die Frau soll vielmehr liegend zu einem anderen Abholort transportiert werden. Ehemann Franz Kurz macht später in einem offenen Brief seinen Unmut kund. »Es ging um Leben und Tod, der Hubschrauber hätte beim Krankenhaus landen müssen«, sagt er im Gespräch. Beim Bundesministerium des Innern – gleichzeitig zuständig für »Christoph 14« – hat man eine andere Version.


»Keine Ruhe« habe ihm die Sache gelassen, sagt Franz Kurz, der den offenen Brief nicht nur auf Facebook veröffentlicht, sondern auch an Staatsministerin Michaela Kaniber, die Kliniken Südostbayern und mehrere Bürgermeister weitergeleitet hat. Franz Kurz will Antworten finden auf Fragen, die ihn seit Wochen beschäftigen: »Wieso wurde meine Frau nicht direkt in der Klinik abgeholt?«

Anzeige

Die Frau war am 23. September am Bahnhof in Berchtesgaden zusammengebrochen, von dort aus in die Kreisklinik gebracht worden – »zur schleunigen Behandlung, wofür ich den Ärzten nur herzlichst danken kann«, schreibt Kurz. Die Diagnose: Hirnblutung. Sie musste so schnell wie möglich am Schädel operiert werden – im Klinikum Traunstein, 50 Kilometer entfernt.

»Nach Anforderung des Hubschraubers und Zusage, dass dieser in elf Minuten das Krankenhaus erreichen würde, erfolgte ein Umstand, der mich bis heute beschäftigt«, schreibt Kurz. Er sagt im Gespräch mit dem »Anzeiger«, dass kurz darauf ein Rückruf in der Klinik erfolgte, eine Landung des Hubschraubers sei nicht möglich. »Mit der Begründung, dass der Landeplatz keinen TÜV beziehungsweise keine EU-Zulassung aufweist.«

Ein neuer Abholort wurde festgelegt. Seine Frau, die auf die dringende Operation wartete und arteriell in den Kopf einblutete, sollte zum etwa fünf Kilometer entfernten Hubschrauber-Landeplatz der Bergwacht Berchtesgaden transportiert werden – Umlagerungen der Patientin und »unzählige Unebenheiten und Kurven« inklusive, wie Kurz anmerkt. »Das war unnötige Zeit, die dabei verloren ging« sagt der Mitarbeiter des Salzbergwerks.

»Gravierende Folgeschäden und sogar der Tod« seien hier aufgrund einer Bürokratie unbesehen aufs Spiel gesetzt worden. Sein Ärger intensiviert sich durch zahlreiche Meldungen über Hubschraubereinsätze, bei denen erschöpfte Hunde, wie er überspitzt ausdrückte, »von bei Schneefall mit Sandalen Bekleidete mit dem Hubschrauber von Almen oder Wiesen des Nationalparks gerettet werden«. Bei seiner Frau sei es um nicht weniger als den Tod gegangen, ein echter Notfall. Vorschnell urteilen wolle Kurz nicht, sagt er, dennoch stellt er sich die Frage, ob nicht Versäumnis oder gar Geld das Leben meiner Frau derart aufs Spiel gesetzt hat.

Staatsministerin Michaela Kaniber, Stimmkreisabgeordnete für das Berchtesgadener Land, schreibt auf Anfrage dieser Zeitung: »In der Angelegenheit habe ich mit Landrat Bernhard Kern gesprochen. Entscheidend ist jetzt, auch für die Familie Kurz, dass die zuständigen Stellen der Klinik den individuellen Sachverhalt erläutern und klären können.« Ihrer Information nach könne die Kreisklinik Berchtesgaden von Rettungshubschraubern angeflogen werden. Das bestätigt auch die Pressestelle der Kreiskliniken Südostbayern: »Grundsätzlich kann der Hubschrauberlandeplatz durch den Rettungsdiensthubschrauber immer und jederzeit angeflogen werden, auch für den notfallmäßigen Weitertransport beziehungsweise die Verlegung von Patienten in eine andere Klinik.«

Landestellen im öffentlichen Interesse (PIS) sind in Deutschland grundsätzlich alle Hubschrauberlandestellen an Krankenhäusern, »die sich in schwierigen Umgebungsbedingungen und/oder dicht besiedelten Gebieten befinden.« Das Klinikum Traunstein besitzt – laut Informationen der Kreiskliniken – mit dem Hangar und der entsprechenden Infrastruktur eine Hubschrauberlandestelle mit Genehmigung des Luftfahrtbundesamtes. An den beiden Notfallstandorten Bad Reichenhall und Trostberg existiert eine dichte Bebauung rund um die Kliniken. Daher sind die Landeplätze dort PIS-zertifiziert. Bei den übrigen Kliniken mit geringem Notfallaufkommen und raren luftgebundenen Transporten, dazu zählt auch der Standort in Berchtesgaden, sei sichergestellt, »jederzeit Landungen und Starts für Notfallverlegungen oder Notfalltransporte« durchführen zu können. Hindernisse habe es demnach keine gegeben, schreibt die Kliniken-Sprecherin, fehlende Genehmigungen ebenso wenig. Dem Einsatz und der Landung des Rettungsdiensthubschraubers habe nichts entgegengestanden: »Er hätte dort landen können.«

Wieso das nicht geschehen ist, dazu äußern sich die Kliniken Südostbayern nicht. Laut Landratsamt Berchtesgadener Land sei in dem vorliegenden Fall zu prüfen, »in welcher Weise mit welchen Verantwortlichkeiten und in welcher zeitlichen Abfolge die Anforderung der boden- und luftgestützten Rettungsmittel erfolgt ist«. War es ein Kommunikationsproblem, das das Leben der Frau riskierte? Das Bundesministerium des Innern teilt mit, dass der kritische Zustand der Patientin der Besatzung bekannt gewesen sei. Wieso der Hubschrauber nicht an der Kreisklinik in Berchtesgaden gelandet werden konnte, bleibt unbeantwortet. Der Antwort des Ministeriums nach, war es wohl die Kommunikation, an der es haperte: »Der Besatzung wurde mitgeteilt, dass sich die Patientin bereits in einem Rettungswagen befindet«, so ein Sprecher. Die Besatzung habe sich einen Zeitgewinn versprochen, wenn der Rettungswagen dem Hubschrauber entgegenkommen würde. Der Rettungswagen sei beim Eintreffen des Hubschraubers bereits am zuvor vereinbarten Treffpunkt gewesen.

Franz Kurz sagt, dass der Einsatz mehr als unglücklich verlaufen sei. Seine Frau wurde nach Traunstein transportiert und operiert. Ihr geht es den Umständen entsprechend gut.

Kilian Pfeiffer

Mehr aus Berchtesgaden