Kultur in der (Corona-)Krise?

Bildtext einblenden
Philosoph Jens Badura betreibt die alpenweit tätige Denkwerkstatt »berg_kulturbüro«. (Foto: privat)

Marktschellenberg – Das kulturelle Leben liegt seit Monaten brach. »Die Rolle der Kultur ist unabdingbar für die Gestaltung offener, demokratischer Gesellschaften«, sagt der habilitierte Philosoph und Kulturmanager Jens Badura aus Berchtesgaden, der Mitglied im Expertenbeirat des Kompetenzzentrums Kultur und Kreativwirtschaft des Bundeswirtschaftsministeriums ist. Die Nutzung digitaler Formate habe nur bedingt helfen können, um Ersatz zu bieten, so Badura. Beim Verlust kulturellen Lebens könne das Gemeinwesen in Gefahr sein.


Herr Badura, wenn Sie die aktuelle Situation des Kulturbetriebs aus globaler Perspektive betrachten, wo steht diese aktuell?

Jens Badura: Bei der Antwort ist eine Differenzierung wichtig: Die Situation von freischaffenden Kulturschaffenden und solchen, die etwa in öffentlich finanzierten Theatern, Orchestern oder Museen angestellt sind, ist sehr unterschiedlich: Während Erstere ohne laufenden Betrieb quasi ohne Einkommen sind, ändert sich für die zweite Gruppe zumindest auf der Ebene des Einkommens nichts. Oder, im Falle von Kurzarbeit, nur bedingt viel. Für beide Gruppen aber gilt: Kunst im engeren und Kultur im weiteren Sinne erfordert Öffentlichkeit, Publikum, Besucher. Also Menschen, die am Austausch interessiert sind. Deren Resonanz auf kulturelle Angebote für die Kulturschaffenden ist quasi lebenswichtig und Bedingung dafür, dass der Kulturbetrieb lebendig bleibt.

Welche konkreten Probleme sehen Sie vor diesem Hintergrund?

Badura: Wenn die Räume, die einen solchen Austausch im vielperspektivischen Dialog ermöglichen, systematisch geschlossen sind, gerät die gesellschaftliche Selbstverständigung als wesentliche Qualität in die Krise. Dabei sind Kulturschaffende der bitteren Erfahrung ausgesetzt, ins Leere zu wirken. Und auch wenn es ihnen in der Regel nicht nur ums Geld geht: In Verbindung mit finanziellen Sorgen führt das bereits dazu, dass sich engagierte Akteure beruflich umorientieren und künftig im kulturellen Betrieb fehlen werden. Inzwischen sind zwar Hilfsprogramme angelaufen, die auch für die Betroffenen im Kulturbereich eine gewisse Entlastung versprechen. Die Folgen für das kulturelle Leben werden mittelfristig aber so oder so einschneidend sein.

Konnte denn die Nutzung digitaler Formate helfen, um die Probleme zumindest etwas abzumildern?

Badura: Da muss man zwei Ebenen unterscheiden: Zum einen die Frage, inwieweit solche Formate als Möglichkeit dienen können, Einnahmeverluste zu kompensieren. Zum anderen die Frage, inwieweit sie eine wirkliche Alternative anbieten, um die besondere Qualität von Erfahrungen zu ermöglichen, die man in der direkten, im realen Raum stattfindenden Auseinandersetzung mit Kunst oder kultiviertem Dialog machen kann. Für beide Bereiche gilt, dass sie nur sehr bedingt Ersatz bieten. Sicherlich lässt sich mit digitalen Angeboten auch Geld verdienen, aber das reicht bei Weitem nicht, um die faktischen Ausfälle zu kompensieren. Interessant und motivierend war allerdings die Solidarität vieler Kulturinteressierter, die solche digitalen Kanäle genutzt haben, um Kulturschaffende mit positivem Feedback und freiwilligen Spenden zu unterstützen. Trotz Krisenstimmung zeigte sich eine breite Wertschätzung für die Bedeutung eines funktionierenden Kulturlebens, die Mut gemacht hat.

Und worin besteht der Qualitätsunterschied zwischen analogen und digitalen Theateraufführungen, Konzerten oder Ausstellungsbesuchen?

Badura: Im Verlauf des vergangenen Jahres hat sich das netzbasierte Kulturangebot deutlich entwickelt: Weg von bloßem Streaming, hin zu Ansätzen, die die Möglichkeiten digitaler Veranstaltungsformate sehr innovativ nutzen und neue Ausdrucksformen experimentieren. Die Liveness der direkten Erfahrung einer Theateraufführung oder eines Konzertes und den Dialog kann das aber nicht ersetzen, es ist schlicht etwas eigenes, anderes: Die welteröffnenden Erfahrungsqualitäten im realen Raum lassen sich nicht einfach ins Medium des Digitalen übertragen. In den Theaterwissenschaften spricht man von den magischen Effekten, die entstehen, wenn Künstler und Publikum in leiblicher Kopräsenz zusammenkommen. Gleiches kann man von der Auseinandersetzung mit Kunstwerken sagen oder im weiteren Sinne von den eigenartigen Dynamiken, die entstehen können, wenn Menschen zusammenkommen und eine starke Erfahrung teilen.

Kilian Pfeiffer

Das gesamte Interview lesen Sie in der heutigen Ausgabe (22. März) des Berchtesgadener Anzeigers.

Mehr aus Berchtesgaden