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Im Bann der Biene

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Der Berchtesgadener Stefan Ammon überprüft als Honigsachverständiger des Landesverbandes Bayerischer Imker Honig auf seine Qualität hin. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgaden – Als Obmann für Honig und als Honigsachverständiger des Landesverbandes Bayerischer Imker hat Stefan Ammon nicht nur ein hohes Amt inne, sondern pflegt auch ein besonderes Verhältnis zur Biene. Wer sich mit dem Berchtesgadener über das nützliche Insekt unterhält, taucht in eine faszinierende Welt ein, die nicht nur im Landkreis Berchtesgadener Land immer mehr Menschen begeistert: In den vergangenen zwölf Jahren wuchs die Zahl der Hobbyimker dort um fast 40 Prozent – von 460 auf 640. Bayernweit sind im Verband knapp 34 000 Imker gelistet.


Vor 20 Jahren entdeckte Stefan Ammon seine Leidenschaft für Honigbienen. Ammons Stiefsohn hatte einen Bienenschwarm geschenkt bekommen: »Damit begann unser Abenteuer Apis Mellifera«, sagt der 68-Jährige rückblickend und meint damit die Westliche Honigbiene. Wegen ihres Honigs wird sie durch den Menschen innerhalb der Imkerei genutzt und fand weltweit Verbreitung.

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Wenn Stefan Ammon von der Biene berichtet, ist diese für ihn mehr als ein Honigproduzent, sondern ein »faszinierendes, bemerkenswertes Wesen«, mit dem sich bereits Tausende Fachleute beschäftigt haben – und trotzdem ist sie noch nicht bis ins letzte Detail erforscht.

Ammon selbst begann Anfang der 2000er-Jahre mit Anfängerkursen, »die Imkerei beeindruckte mich nachhaltig«, sagt er. Mit dem erworbenen Wissen wuchs das Verlangen nach mehr imkerlichen Fähigkeiten. Er startete mit drei Bienenvölkern, so macht man das, wenn das Hobby zur Leidenschaft wird: Ein Volk zum Betrachten, eines, das den Winter nicht überleben wird, und eines für die Zukunft, zum Aufbau einer Imkerei. Ammon belegte eine einjährige Blockausbildung an der Imkerschule des Bezirks Oberbayern, trat dem Imkerverein Freilassing und Umgebung bei und wurde in die Züchtergruppe aufgenommen.

Gelernter Uhrmachermeister

Der in Berchtesgaden im Rostwald aufgewachsene Bienenfreund ist gelernter Uhrmachermeister, im Markt von Berchtesgaden betrieb er 35 Jahre lang ein auf Uhren spezialisiertes Fachgeschäft. »Beim Züchten braucht man eine ruhige Hand und ein gutes Auge«, sagt er. Beides wurde ihm attestiert. Ideale Voraussetzungen also für den geübten Handwerker.

Mittlerweile war Ammon so tief in die Materie eingetaucht, dass an ein Aufhören nicht mehr zu denken war. »Die ersten drei Jahre besitzt man Bienen, danach lassen sie einen nicht mehr los«, sagt er aus Überzeugung. Die Biene ist ein bestimmendes Thema in Ammons Leben. Im Laufe der Jahre hat sich der Ruheständler tiefgründiges Wissen erarbeitet – über das Insekt an sich, dessen vorherbestimmten Werdegang, das Endprodukt, das nicht nur der Biene als Nahrung zugute kommt, sondern dem Menschen zugleich Genussmittel ist.

Während die Sommerbiene, die ab April bis in den Juli unterwegs ist, nur 40 Tage alt wird und am Ende ihres Lebenszyklus eine schwarze Färbung einnimmt, kann die Winterbiene, die allein die Aufgabe als Wärmespender für die Königin übernimmt, ein halbes Jahr alt werden. Sie sitzt dann im Stock, umsorgt die Königin, die nicht unter 25 Grad Celsius abkühlen darf. Bei der Lebenserwartung ist die Winterbiene also klar im Vorteil. Abwechslungsreicher ist hingegen der Lebenszyklus der Sommerbiene, die zunächst als Putzbiene ihre »Wiege« reinigt, als Ammenbiene die Maden füttert, als Baubiene Wachsplättchen ausschwitzt und diese für den Wabenbau verwendet. Als Wächterbiene bewacht sie den Bienenstock mit bis zu 60 000 Gleichartigen, ehe sie ab dem 25. Tag zur allseits bekannten Flugbiene wird und auf Sammelflüge von Pollen und Nektar ausschwärmt.

»Honig ist nicht gleich Honig«

Früh hat sich Stefan Ammon mit dem Thema Honig befasst. Honig sei nicht gleich Honig, sagt er. Vor elf Jahren begann er, seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Honigerzeugung, dessen Vermarktung und Verarbeitung zu erweitern. Ein Jahr drauf wurde er zum Honigprüfer, im Jahr 2015 dann zum Honigsachverständigen des Landesverbandes Bayerischer Imker ernannt. Mittlerweile ist der Uhrmachermeister Obmann für Honig im Landesverband und zuständig für die Ausbildung, die Honigprämierung und die Erhaltung der Honigqualität des »Echten Deutschen Honigs« im Deutschen Imkerbundglas.

Das vergangene Honig-Jahr sei eines der schlechtesten überhaupt gewesen. Rund zwölf Kilogramm seien pro Volk erbracht worden. Einmal pro Jahr organisiert er das Bayerische Honigfest in Zusammenarbeit mit einem Imkerkreisverband. Der Veranstaltungsort variiert dabei und findet im Wechsel in einem der bayerischen Regierungsbezirke statt. 58 Vorträge hat er im vorvergangenen Jahr absolviert, er reiste durch ganz Bayern, immer den Honig im Fokus. Vergangenes Jahr fielen die Vorträge flach.

Stefan Ammon bewirtschaftet in seiner Imkerei in Freilassing 18 Völker. Im Ortsverein wachen die Vereinsmitglieder zudem über 21 Völker des Lehrbienenstandes Eichetwald. Bevor Corona dies unmöglich machte, begrüßte der Berchtesgadener dort pro Jahr etwa 1 000 Kinder und Jugendliche, die sich ein Bild vom Leben der Honigbiene machen konnten.

Seit zwölf Jahren wird am Lehrbienenstand auch das »Imkern auf Probe« angeboten, eine zweijährige Ausbildung, einmal pro Woche, in der man alle relevanten Dinge im schier gewaltig großen Bienen-Kosmos erfährt: Dass etwa der Großteil eines Volkes weiblich ist, die männlichen Kandidaten als Drohnen bezeichnet werden und »allein für die Gaudi da sind«. Stefan Ammon kann in einfach Worten komplexe Zusammenhänge erklären. Seine Zuhörer brauchen nicht verlegen sein, auch mal zu lachen: Wenn sich die Königin, bevor sie in den Stock einzieht, am Drohnensammelplatz einfindet, sei das wie in einer »niederbayerischen Disco«. Etliche buhlen um die einzigartige Biene, im Flug geben die Drohnen ihr die eigene DNA mit, dabei überstrecken sie sich, brechen auseinander und sterben: ein tödlicher Liebesakt. Am Ende sind bis zu 30 männliche Bienen erfolgreich. Dank Königinnen-eigener Samenblase sind die potenziellen Nachfolger gut verwahrt – im Bienenstock schlüpfen jeden Tag bis zu 2.000 Bienen.

Bedrohung der Honigbiene nimmt zu

Stefan Ammon bedauert es, dass die Ausbildungstätigkeit bei den Nachwuchsimkern im vergangenen Jahr wegen Corona arg litt: »Bienenhaltung und -zucht erfordern körperliche Nähe, im Lockdown ist das nicht möglich«, sagt er. Rund 25 Hobbyimker bildet er in der staatlich anerkannten Ausbildungsstätte in Theorie und Praxis aus. Alle Werkzeuge und Gerätschaften für eine moderne Bienenhaltung sind dabei kostenfrei zugänglich. Alle Teilnehmer eint das Ziel, später selbst Bienenvölker ihr eigen zu nennen.

Das ist auch wichtig, denn die Bedrohung der Honigbiene sei »mit der Globalisierung stark angewachsen«. Neue Parasiten haben sich in Europa breit gemacht, die die fliegenden Völker gefährden. Nach wie vor ist es die Varroamilbe, die den größten Feind der heimischen Honigbiene darstellt. Der 68-Jährige sagt: »Nach einer guten Ausbildung und mithilfe eines konsequent angewandten Varroa-Konzeptes sind die Milben gut beherrschbar.«

Die Liebe, die er in sein lebendiges Hobby investiert, wird von den Teilnehmern honoriert. Nachwuchssorgen brauchen sich die Landkreis-Züchter keine zu machen. Und was braucht man nun, um Hobbyimker zu werden? »Ruhe und Ausgeglichenheit«, sagt Stefan Ammon, »Freude an der Natur und die Liebe zu Insekten«. Ammon vereint all diese »Zutaten«. Die Honigbiene hat dem Rentner in seinem Leben schon jede Menge Freude bereitet.

Kilian Pfeiffer

 

 

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