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Andreas O. und der ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller (r.) beim Corona-Protest in Freilassing am Montag. (Fotos: Screenshots)

Gebirgsjäger »maximal genervt« – Soldaten schädigen das öffentliche Ansehen des Bataillons

Berchtesgadener Land – Ein Soldat der Gebirgsjäger in Bad Reichenhall hat sich unter die radikalen Impfgegner begeben. Die Szene rüttelt an den Grundfesten der Demokratie, versucht aber auch, ihre Säulen zu nutzen: Presse, Politik, Polizei, Justiz – und Militär. In der Melange mischen auch ein Ex-Oberst und die AfD kräftig mit.


»So, Herr Oberfeldwebel, wie war das jetzt? Die Polizei?«, fragt der Mann hinter der Kamera. »Koa Problem, ois gut!« Andreas O. antwortet mit Zungenschlag und einer Liter-Bier-Dose in der Hand. Gerade hat sich der Gebirgsjäger, der seit Anfang Dezember als radikalisierter Impfgegner bekannt ist, eine Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit eingefangen. In Freilassing marschiert er am Montagabend mit 260 Teilnehmern durch die Stadt.

Soldaten zwischen Flehen und Drohungen

Hinter der Kamera Florian O., nicht verwandt mit dem Gebirgsjäger, aber der Bundeswehr in einer Art Hassliebe verbunden. Der Anmelder von Querdenken-Demonstrationen in Traunstein tritt bei Corona-Protesten als »Presse« auf und stellt Videos davon ins Netz. So auch im April 2021, als sich an einem frühen Montagmorgen ein kleines Häuflein, etwa 20 Leute, schätzte die Polizei, vor der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall verlor.

Vermeintlich spontan zusammengekommen, flehten Eltern mit Kindern auf selbst gemalten Plakaten die Gebirgsjäger an: »Helft unseren Kindern.« Und wenn nicht? Dann droht ihnen eine Anklage nach Paragraf 81 (Hochverrat) und Soldatengesetz, erklärte Florian O. damals auf Facebook. Knapp ein Jahr später filmt er in Freilassing Andreas O., als die Polizei dessen Personalien aufnimmt.

Das Landratsamt hat gegen unangemeldete Versammlungen, zu denen auf einschlägig bekannten Kanälen wie »Der III. Weg« oder »BGL steht auf ...« bundesweit und lokal als »Spaziergang« oder »Schlüsselsuche« aufgerufen wird, eine Allgemeinverfügung erlassen. Der Soldat erklärt dem Polizisten: »Die ist verfassungswidrig.« Auch dieses Video landet sofort im Netz.

Ende Dezember 2021 schafft es der Noch-Gebirgsjäger – ein arbeitsrechtliches Verfahren läuft – mit einem Video samt martialischen Worten (»Eure Leichen wird man auf den Feldern verstreuen«) in Tagesschau und Verteidigungsausschuss. Der Polizei droht er mit dem Eingreifen von Soldaten, falls sie gegen Corona-Demonstranten »übergriffig« würden, spricht sogar einen Befehl aus, obwohl er seit April 2021 außer Dienst gestellt ist.

Die Politik reagiert reflexartig: Natürlich erfolgt eine Absage an Extremismus jeglicher Art, konservative Kräfte beschwichtigen, linke warnen. Aber kein Wort fällt, dass es kein Bundeswehr-Problem ist, sondern ein gesellschaftliches, das sich zwischenzeitlich durch alle Branchen zieht: Ärzte, Anwälte, Polizisten und Journalisten wähnen sich im Kampf gegen eine weltweite Corona-Diktatur.

Die Gebirgsjäger sind »maximal genervt«, wie aus der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall, Sitz der Gebirgsjägerbrigade 23 und des betroffenen Gebirgsjägerbataillons 231, gleichermaßen zu hören ist. Von einem »Vollpfosten« ist die Rede. Er »zieht alle anderen in den Dreck«. Nicht zuletzt sind viele auch deshalb sauer, weil es in ihren Reihen ebenfalls Covid-Erkrankte mit schweren Verläufen gab.

In einer am Mittwoch von der Hochstaufen-Kaserne veröffentlichten Stellungnahme klingen die Worte diplomatischer, aber nicht weniger deutlich. Der Kommandeur der übergeordneten 10. Panzerdivision, Generalmajor Ruprecht von Butler, hat sich demnach bei einem Besuch mit dem Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegeneral Maik Keller, und dem Führungskorps des Gebirgsjägerbataillons 231 zum Thema ausgetauscht.

Offiziere sprechen Andreas O. das Edelweiß ab

Es »wurde sehr deutlich, dass im gesamten Führungskorps des Bataillons keinerlei Verständnis für die jüngsten Auswüchse von zwei Angehörigen des Bataillons vorhanden ist, die prominent in den Medien abgebildet wurden«, heißt es in der Mitteilung. Im Gegenteil seien die Angehörigen des Bataillons »äußerst verärgert« darüber, dass diese beiden Soldaten mit ihren »kruden Thesen und dem inakzeptablen Auftreten« das öffentliche Ansehen des Bataillons negativ prägen, und die Arbeit der Soldaten des Bataillons in den Hintergrund tritt. Beide Soldaten sprächen weder für die Gebirgsjäger noch für die Soldaten der Bundeswehr. »Niemand Vernünftiger kann sich mit den absurden Aussagen oder den bizarren Statements in den sozialen Medien identifizieren.«

Brigadegeneral Maik Keller und Oberstleutnant Dennis Jahn, Kommandeur des betroffenen Gebirgsjägerbataillons 231, sind sich einig in der gefühlten Höchststrafe für Gebirgsjäger: »Diese beiden Soldaten haben es nicht verdient, das Edelweiß länger zu tragen.« Positiv an den Vorfällen bewerten beide Offiziere, dass Kameraden und Vorgesetzte früh dagegen vorgegangen sind.

Tatsächlich hat Andreas O. bereits seit Frühjahr 2021 ein Uniformtrageverbot. Der Unterwössener hat keinen Zugang zu Waffen. Der zweite Soldat ist bislang nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Er flog im Dezember auf, nachdem O. erstmals mit einem Schreiben öffentliche Aufmerksamkeit erregt hat. Der Oberfeldwebel stilisiert sich dabei zum NS-Widerstandskämpfer und wirft der Bundeswehr wegen der Duldung der Covid-Impfung »Wehrzersetzung« vor.

Während seine Kameraden über die Feiertage und zum Jahreswechsel Amtshilfe in Krankenhäusern und Gesundheitsämtern leisten oder sich auf einen Auslandseinsatz vorbereiten, provoziert der Oberfeldwebel seine Festnahme in München auf dem Odeonsplatz. Mit dem pensionierten Oberst Maximilian Eder nimmt er am 8. Januar in Magdeburg an einer Kundgebung teil – beide in Uniform. Eder soll nach Insider-Informationen den Oberfeldwebel lenken, in Videos antwortet er gelegentlich für ihn.

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Der außer Dienst gestellte Oberfeldwebel Andreas O. lässt sich von einem als Presse auftretenden »Querdenker« filmen, als die Freilassinger Polizei seine Personalien aufnimmt. Es bleibt friedlich. In Videos hatte O. angekündigt, gegen »übergriffige Polizei« vorzugehen.

Ein Ex-Oberst aus Niederbayern lenkt

Maximilian Eder diente vor seiner Pensionierung 2016 zeitweise beim »Kommando Spezialkräfte«. Zuvor war er unter anderem 1999 als Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 112 aus Regen (Bayerischer Wald) im Kosovo. Noch 2018 berichtete er auf Einladung der Kreisgruppe Bayerwald im Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr von seinen Einsätzen bei der Nato in Brüssel und Georgien. Dann kam Corona. Und Eder sieht sich nun im »Krieg mit dem Staat«. Bundeswehr und Behörden ermitteln gegen ihn, er selbst berichtet von Hausdurchsuchungen. Im vergangenen Jahr schließlich finden die ersten Kundgebungen vor Kasernen statt, bundesweit, nicht nur in Bad Reichenhall, sondern auch in Calw – mit dabei Querdenker Florian O., dessen Aktionen stets von AfD-Kreisen begleitet und bejubelt wurden.

Oberst Eder ist heute das Aushängeschild der Szene, die seit Beginn der Pandemie 2020 versucht, über eine Veteranen-Gruppe das Militär für sich zu gewinnen. Fakes gab es genügend: So wurde zur Großdemo am 29. August 2020 in Berlin über Sprachnachrichten bis in den hintersten Zipfel Bayerns verbreitet, dass bei dieser Demo ein aktiver General öffentlich seine Abzeichen ablegen wird. Man werde in der Luft und auf Wasser gegen die Corona-Weltverschwörung kämpfen, fünf Millionen Teilnehmer aus ganz Europa werden kommen.

So viele waren es dann doch nicht, auch der vermeintliche General blieb im Verborgenen. Der Tag wird sich dennoch im kollektiven Gedächtnis festsetzen – wegen des Versuchs, den Reichstag zu stürmen. An vorderster Front war der verurteilte Volksverhetzer und Holocaust-Leugner Nikolai Nerling, der im Sommer 2021 im Ahrtal vor einem »Hilfszentrum« angetroffen wurde, wo sich Max Eder in Uniform als »Einsatzleiter« gerierte und mit seiner Bundeswehrmarke hausieren ging.

AfDler von Anfang an mit an Bord

Am Dienstag dieser Woche trat der Ex-Oberst aus Niederbayern – in Zivil – auf einer Kundgebung in Regen als Redner auf. Auf dieser Bühne sprach auch AfD-Landtagsabgeordneter Ralf Stadler. In Freilassing gab es am Montag ein Wiedersehen mit dem ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten aus dem Stimmkreis Traunstein/Berchtesgadener Land Hansjörg Müller.

Der ehemalige Kreisvorsitzende der AfD-Berchtesgadener Land war ebenfalls damals bei der Großdemo in Berlin und wurde inmitten bekannter Rechtsextremisten gesichtet. Zufällig, wie er sagte. Zufällig war er demnach auch bei den ersten »Nachmittagsspaziergängen« in Freilassing zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 dabei. Später nahm er offen an Corona-Demos teil, sowohl als Redner als auch als Ordner.

Nach eigenen Angaben besitzt Hansjörg Müller eine Datscha in Russland, will endgültig seine Zelte in der Region abbrechen und berichtet heute für einen russischen Blog: über die als »Spaziergänge« deklarierten Versammlungen in München, Würzburg und Freilassing. Dort posierte er auch mit Oberfeldwebel Andreas O..

Sabine Zehringer

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