Folgen und Gefahren der Digitalisierung: »Krieg, in dem die Waffen schweigen«

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Hat ein Unternehmen für Künstliche Intelligenzen gegründet und unterstützt große Unternehmen bei den Herausforderungen der Digitalisierung: Yvonne Hofstetter.
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Wer E-Mail-Anhänge einfach so öffnet, riskiert Viren. (Screenshots: Kilian Pfeiffer)

Berchtesgadener Land – Wie die Digitalisierung Sicherheit und Stabilität gefährdet, darüber referierte Bestseller-Autorin und Digitalisierungsexpertin Yvonne Hofstetter bei einer Online-Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes Berchtesgadener Land. Sie hat dazu ein gleichnamiges Buch geschrieben, das 2019 erschienen war. Die junge Generation scheue sich nicht, Privatsphäre öffentlich zu machen. Eine Gesellschaft, die sich in allem auf die Digitalisierung verlässt, setze sich neuen Gefahren aus, sagte die studierte Juristin, die als Honorarprofessorin lehrt.


Für Hofstetter bedeute Digitalisierung »die Verwandlung des Alltags in einen Riesencomputer«. Menschen werden mit Dingen, Objekte mit Objekten vernetzt – Auto, Kühlschrank, Alexa. Alles kommuniziert mit allem. Allerdings, schlussfolgert sie, habe dies Auswirkungen auf die Gesellschaft. Und: Es betreffe jeden. »Es führt zu größerer Instabilität«, sagt Hofstetter. Denn in Zeiten der Digitalisierung bleibe »kein Stein auf dem anderen«.

Laut der 54-Jährigen, die Mitgründerin eines Unternehmens für Künstliche Intelligenz ist, könne eine zunehmende Digitalisierung, inklusive ausgereifter Künstlicher Intelligenzen, Auswirkungen auf die Demokratie haben. »Das Netzwerk beeinflusst und überwacht uns.« Die zunehmende Vernetzung verschlechtere die Sicherheitslage. Immer mehr Staaten griffen auf digitalem Wege an.

Dass die Technologien »von Menschen, Mächten und Staaten« genutzt würden, um in das Leben einzugreifen, ereigne sich in zunehmender Zahl. Eine große Gefahr liege in sozialen Netzwerken wie etwa Facebook und Instagram, oft Aufenthaltsort jüngerer Menschen. Subversion sei die Unterwanderung der Gesellschaft – etwa mithilfe von Falschmeldungen. Auf dem Vormarsch seien sogenannte Deep Fakes, realistisch wirkende Medieninhalte, die durch Techniken der Künstlichen Intelligenz abgeändert wurden. »Da kann dann eine Kanzlerin Merkel Dinge sagen, die man ihr nicht zutraut.«

Wahrheit und Lüge seien kaum mehr zu unterscheiden, sagt Hofstetter. Beispiellos für Subversion seien die Einflussnahme-Maßnahmen der Russen im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 gewesen.

Online-Spionage auchin kleinen Unternehmen

Zudem weit verbreitet: Online-Spionage. »Die Vulnerabilität des Lebens wird dadurch gesteigert«, sagt Hofstetter. Bei einem bayerischen Automobilhersteller, den sie beraten hatte, war die Cloud gehackt worden, wirtschaftliche Interessen waren dabei im Vordergrund.

Erpressung, Datenklau und sogenanntes Doxing seien nur ein paar der online geführten Angriffe: Private Informationen werden dabei gestohlen und in der Folge öffentlich gemacht. Damit würde großer Schaden angerichtet. Der inzwischen vereinfachte Zugriff auf Künstliche Intelligenz erleichtere die »Ernte« relevanter Information aus Rohdaten.

Die über den Cyberweg ausgeführte Sabotage kritischer Infrastrukturen, etwa auf die Wasser- oder Energieversorgung oder aber auf Lieferketten, könnte in Zukunft zum Problem werden – auch in den Regionen. Ein Containerschiff, das sich vor wenigen Monaten im Suezkanal festgefahren hatte, zeige, welch dramatische Folgen die Unterbrechung von Lieferketten auf den weltweiten Handel habe. »Alle Betriebe, die just-in-time produzieren, könnten von so einem Vorfall einen großen wirtschaftlichen Schaden erleiden«, so Hofstetter.

Keine unbekannten Anhänge öffnen

Wichtig sei, im Kleinen anzufangen: Hofstetter, die selbst nur wenige Daten im Internet preisgibt, warnt Privatpersonen und heimische Unternehmen zum Beispiel davor, den Anhang von E-Mails zu öffnen. »Besser erst mal beim Absender anrufen und rückversichern«, sagt sie. Zu perfide seien inzwischen die Wege, auf denen Viren in ein Netzwerk überspringen, durch Künstliche Intelligenz mutieren. Studien hätten ergeben, dass ein Großteil der Mitarbeiter einer Firma, rund 90 Prozent, Anhänge unbedacht öffnen würde. Meistens sind von solchen Angriffen große Firmen betroffen, die Telekom, die Hofstetter berät, müsse bis zu 8 000 Cyberangriffe am Tag abwehren. Zunehmend seien auch kleinere Unternehmen Zielscheibe auf Cyberebene. Dies sei ein Krieg, in dem die Waffen schweigen.

Für Yvonne Hofstetter ist klar: Mehr Geld müsse »in digitale Bildung« fließen, um Aufklärung zu schaffen. Eine Privatperson könne sich nur selbst schützen, so wenige Daten wie möglich online hinterlegen, immerzu Sicherheitsupdates vornehmen. Nur wer auf kuratierte Nachrichten aus gesicherten Quellen setzt, entgehe bewusst verbreiteten Falschmeldungen. Bei jungen Menschen erkennt Hofstetter eine »besorgniserregende« Entwicklung: »Für die junge Generation, deren Leben sich oft online abspielt, spielt die Demokratie keine entscheidende Rolle mehr.«

Kilian Pfeiffer

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