Es war einmal... ein Märchenpfad

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Dem Froschkönig wird die aktuelle Situation auch nicht gefallen.

Bischofswiesen – Aschenputtel, Dornröschen und der Froschkönig sind entsetzt: Ihr Reich im einst so verwunschenen Wald am Maximilians-Reitweg nördlich des Aschauerweihers ist bedroht. Vom besonderen Zauber des kleinen, aber feinen Märchenpfads, auf den die Gemeinde Bischofswiesen einst so stolz war, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Eine österreichische Firma saniert hier auf dem Grund der Bayerischen Staatsforsten im Auftrag der Südwestdeutschen Salzwerke AG die Soleleitung zwischen Berchtesgaden und Bad Reichenhall.


Die Zwerge und Gnome, die in den letzten Jahren, zahlreiche Familien mit Kindern anzogen, schauen zurzeit besonders grimmig. Sie erleben, wie ein einst verwunschener Wald in weiten Bereichen von großen Maschinen umgegraben wird. Die Wege, auf denen man bislang in die Welt der Märchen eintauchen konnte, die aber auch zu Wanderungen und Waldläufen einluden, haben sich verändert. Mit der Auftragung von viel Schotter sind sie breiter geworden, wo es zu eng für die Bagger wurde, mussten Bäume weichen. Nicht verwendeter Schotter, Steine und anderer Abraum liegt links und rechts im Wald. Einige kleine, verwurzelte Wege, die bislang nur für Fußgänger geeignet waren, sind jetzt ebenfalls auf einer Breite von über drei Metern aufgeschottert. Über sie erreichen die Bagger teilweise ihre Einsatzstellen. Dass die Bagger auch Abkürzungen durch den Wald nahmen, ist an den Abdrücken der Raupen gut zu erkennen.

Wie stolz die Gemeinde Bischofswiesen auf ihren Märchenpfad war, lässt sich noch heute auf der Homepage nachlesen, wo es folgende Beschreibung gibt: »Der Weg führt zunächst vorbei am Naturbad Aschauerweiher und mündet wenig später in den tiefen, ruhigen Wald am Maximilians-Reitweg. Die vielgestaltigen Sträucher, Moos und Felsen bilden eine eindrucksvolle, geradezu märchenhafte Kulisse. Auf dem circa zwei Kilometer langen Rundweg begegnen den Kindern verschiedene Stationen mit Märchenfiguren, Tieren und Pflanzen. Auf dem Rückweg gibt es einen Baumstamm zu erforschen, bei dem anhand der Jahresringe sein Alter herausgefunden werden kann, man begegnet einem Murmeltier und der Steinernen Agnes, einer Figur aus der Berchtesgadener Sagenwelt.«

Im Moment allerdings ist das Märchen- und Sagenbuch zugeklappt. Die Wege sind während der Woche für Fußgänger gesperrt, weil hier im Auftrag der Südwestdeutschen Salzwerke AG die Soleleitung erneuert wird.

Seit 1817 wird die Sole aus dem Salzbergwerk Berchtesgaden mittels einer Soleleitung zur ältesten Saline in Deutschland nach Bad Reichenhall geleitet. Insgesamt noch bis November werden zur Steigerung der Betriebssicherheit und der Versorgungssicherheit der Saline Teile der Soleleitung von Berchtesgaden nach Bad Reichenhall, die aus dem Jahr 1960 stammen, ausgetauscht. Die Länge der zu verlegenden neuen Rohrleitungen beträgt in Bischofswiesen 810 und um Bayerisch Gmain 420 Meter. Durch die in etwa einem Meter Tiefe verlegte Leitung laufen pro Tag um die 2 500 Kubikmeter Sole vom Salzbergwerk Berchtesgaden zur Saline nach Bad Reichenhall. Die Kosten für diese Arbeiten sind mit circa 600 000 Euro veranschlagt.

Die Südwestdeutsche Salzwerke AG mit Sitz in Heilbronn ließ dem »Berchtesgadener Anzeiger« gestern über ihre Pressesprecherin Daniela Pflug folgende Stellungnahme zukommen: »Baustellen sind nie schön und ganz besonders nicht mitten in der Natur. Da ist ein Einschnitt natürlich umso hässlicher. Wir haben Verständnis, dass die Spaziergänger erstmal einen Schreck bekommen. Nur handelt es sich aber um unausweichliche Sanierungsarbeiten. Nach technischen Problemen bei der Abnahme sollten die Arbeiten schnellstens erledigt sein. Selbstverständlich wird das Areal anschließend renaturiert und die Wanderwege nach den Vorgaben der Gemeinde Bischofswiesen wieder hergestellt«.

Bischofswiesens Bürgermeister Thomas Weber bestätigt, dass es wegen der Zustände entlang des Märchenpfads bereits Beschwerden in der Gemeindeverwaltung gegeben habe. Nach seinen Worten soll das Projekt in diesem Bereich aber noch im Mai abgeschlossen werden. »Die Südwestdeutschen Salzwerke müssen die Wege dann wieder herrichten«, sagt der Rathauschef. Allerdings werden auch die Bayerischen Staatsforsten als Grundeigentümer hier ein Wörtchen mitreden. Dass ein bereits verbreiterter Weg wieder verschmälert wird, ist deshalb kaum anzunehmen. »Die Gespräche werden eine Herausforderung«, räumt deshalb auch Bürgermeister Thomas Weber ein. So werden einige Anstrengungen vonnöten sein, damit die Geschichte vom Märchenpfad nicht mit der Einleitung beginnt: »Es war einmal...«.

Ulli Kastner

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