Endstation Wimbachtal

Bildtext einblenden
Den Abgang der Lawine im hinteren Wimbachtal kann man noch gut erkennen. (Fotos (2): privat)

Ramsau/Berchtesgaden – Eine Bezeichnung für das seltene Naturphänomen hat Hans Maltan nicht. »Riesige Schneehaufen, wie Waggons eines Zuges aneinandergereiht« – darauf stieß der Betriebsleiter des Nationalparkzentrums »Haus der Berge« im hinteren Wimbachtal bei einer Fototour. Auch Experten der Lawinenwarnzentrale Bayern und Schneeforscher der Universität Wien zeigten sich von der Entdeckung überrascht. Über das einmalige Lawinenereignis hat der Hobbyfotograf nun in einem Gastbeitrag im »Nationalpark-Magazin« berichtet. Dem »Berchtesgadener Anzeiger« berichtete Maltan von seinem außergewöhnlichen Erlebnis.

Anzeige

Hans Maltan arbeitet seit 33 Jahren im Nationalpark Berchtesgaden. Er ist Betriebsleiter im »Haus der Berge« und seit einem Jahrzehnt Experte in der Almforschung. Zudem begleitet er Langzeit-Monitoring-Projekte, etwa auf Schadflächen. Mitte der 1990er-Jahre war Maltan bei einem Rangeraustausch in den Vereinigten Staaten mit dabei. Dort besuchte er mehrere US-Nationalparks, fotografierte und dokumentierte alles, was ihm vor die Kamera kam.

Faszination für dieFotografie von Pflanzen

Zurück daheim kaufte er sich eine neue Kamera: Die Leidenschaft, Dinge festzuhalten, war geboren. Vor allem die Fotografie von Pflanzen faszinierte ihn. Die Bestimmung von Blumen, die Entdeckung selten zu findender Moose und die Betrachtung geschützter heimischer Orchideen sind zu einem seiner Hobbys geworden. Mittlerweile kann er ein ganzes Archiv vorweisen, inklusive Vertreter mit Seltenheitswert. »Zuckerl« nennt er diese. Es sind die Höhepunkte in Maltans beruflichem Leben – weil er für eine Sache brennt und schließlich belohnt wird.

Sein Herzblut für Momentaufnahmen und sein Blick fürs Detail sprachen sich im Laufe der Zeit auch im Nationalpark herum. Viele der Bilder, die in Publikationen des Schutzgebietes auftauchen, sind von ihm geknipst. »Ich mag es, besondere Blickwinkel festzuhalten, die nicht jeder Besucher zu Gesicht bekommt«, erzählt Hans Maltan. Im Auftrag des Nationalparks kommt er deshalb öfter an Orte, die Besonderheiten der Landschaften offenbaren. Oft sind es Momente, die man nicht beeinflussen kann – so wie im Wimbachtal.

Frostig kalt sei der Tag gewesen, minus 15 Grad Celsius, erzählt der Naturbegeisterte, während er sich durch eine Reihe von Bildern an seinem Arbeits-PC klickt. Heftig hatte es damals geschneit. Hans Maltan war mit seinen Skiern unterwegs. Das Wimbachtal gleicht auf den Fotos einem Gemälde.

Haufen »mindestens drei bis vier Meter hoch«

Im hinteren Wimbachtal am großen Gries in Richtung Loferer Seilergraben entdeckte er etwas, was er zuvor noch nie gesehen hatte: Wie aneinandergereihte Waggons eines Zuges türmten sich riesige Schneehaufen auf, »mindestens drei bis vier Meter hoch«, sagt der Nationalpark-Mitarbeiter. Der Vergleich mit einem Zug eroberte sofort den Gedanken des Hobbyfotografen: »Die Fantasie ist bei Fototouren immer mit dabei«, sagt Maltan. Gebremst wurde das außergewöhnliche Naturschauspiel von einer Waldböschung. Übrig blieb »ein schnurgerades, wie mit dem Lineal gezogenes fünf Meter breites Schneegleis«. Mehrere Hundert Meter lang war die rund 60 Zentimeter tiefe Lawinenbahn. Der Schnee war auf beinahe ebener Strecke geglitten, so, als hätte eine Pistenraupe eine Loipe für Langläufer geschaffen. Betonhart sei das Konstrukt gewesen. Der »Schneezug« ist definitiv einer der Höhepunkte im Arbeitsleben von Hans Maltan, wie er sagt.

Aus der Nähe fotografiert, wirkt das Naturphänomen gewaltig, die ganze Wucht des Schneeabgangs konnte Hans Maltan erst einfangen, als er ein zweites Mal das Wimbachtal besuchte und den »Schneezug« von einem gegenüberliegenden Berghang fotografierte. »Die Energie des Schneepakets muss gewaltig gewesen sein«, sagt er.

Mit seinen Eindrücken und einer Serie an Bildern ging es zurück an den Arbeitsplatz. Der Fotograf verfügt über zahlreiche Kontakte und suchte Rat bei Experten, etwa bei den Spezialisten der Lawinenwarnzentrale Bayern sowie den Wasser- und Schneeforschern der Universität Wien.

Gleitunterlage transportiert »Schneezug«

Das Naturrätsel konnten auch diese nicht lösen. Immerhin gab es einen Erklärungsversuch: Durch Druck, Reibung und spezielle Bedingungen bei Temperatur und Schneezusammensetzung hatte sich eine Gleitunterlage gebildet, die den »Schneezug« über eine weite Strecke auf fast ebenem Gelände transportiert hatte.

Hans Maltan recherchierte weiter und stieß auf Aufzeichnungen und einen Augenzeugenbericht, der ein ähnliches Phänomen im Wimbachtal vor über 100 Jahren beschrieb. Ein Teil des Hochkaltergipfels sei damals weggebrochen, Gestein und Geröll in großer Masse habe einen ähnlichen Zug gebildet und sei auf einer Schneeunterlage »ins Tal gefahren«.

Im Folgenden brach Maltan, begleitet vom Bayerischen Fernsehen, zu einer Expedition auf, um Hinweise von einst aufzuspüren. Mit wenig Erfolg. Maltan sagt, man müsse im Leben nicht alles erklären können. Einige Momente seien eben einmalig. Manchmal genüge es, etwas gesehen zu haben. Von den Höhepunkten seiner Ausflüge in die Natur zehrt der Nationalpark-Mitarbeiter auch heute noch. Etwa, wenn er Park-Besucher begleitet und ihnen von seinen Erfahrungen berichten kann. »In der Natur lohnt es sich immer, genau hinzusehen«, sagt Maltan. Augenblicke festzuhalten, das wird Maltan auch weiterhin. Denn seine Kamera hat der Hobbyfotograf immer zur Hand. Kilian Pfeiffer

Mehr aus Berchtesgaden