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Coronavirus im Berchtesgadener Land: »Sozialkontakte auf das Notwendigste beschränken«

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Coronavirus im Berchtesgadener Land: »Sozialkontakte auf das Notwendigste beschränken«
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Die Verantwortlichen im Landratsamt gaben den Pressevertretern mit ernsten Mienen einen Lagebericht (v.l.): Dr. Udo Langenhorst, Dr. Karl-Werner Tiling, Landrat Georg Grabner, Klaus Biersack und Thomas Schmid (Geschäftsbereichsleiter Landratsamt BGL) (Foto: Annabelle Voss)

Berchtesgadener LandDas soziale Leben wird im Berchtesgadener Land in den kommenden Wochen stark eingeschränkt. Denn oberstes Ziel ist es derzeit, die Ausbreitung des Coronavirus' zu verlangsamen. Das betonten die Verantwortlichen des Landkreises Berchtesgadener Land, allen voran Landrat Georg Grabner, bei einer Pressekonferenz am Freitagvormittag im Landratsamt überdeutlich.


Zusammenfassung und Überblick:

»Wir wollen keine Panik und Hysterie verbreiten, aber wir wollen alles tun, um die Ausbreitung zu begrenzen«, so Grabner. Aktuelle Informationen gab es unter anderem zu den Themen Veranstaltungen, Kinderbetreuung, Umgang mit Erkältungssymptomen und auch über Maßnahmen, die jeder Bürger ergreifen muss.

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»Wir stehen am Anfang einer Entwicklung. Es geht erst richtig los«, warnt der Landrat die Bevölkerung vor dem Coronavirus. Er bittet die Bürger um Verständnis dafür, dass das soziale Leben eingeschränkt werden muss und manches nicht stattfinden kann.

Nun müsse man fragen: »Was können wir vor Ort leisten?« Denn das Virus muss in seiner Ausbreitung verlangsamt werden. Vor der Pressekonferenz hatten sich alle Bürgermeister des Landkreises im Landratsamt zu einer Dienstbesprechung zusammengefunden und sich auf ein einheitliches Vorgehen und Verhaltensregeln verständigt. Nicht, dass etwa in einem Ort eine Veranstaltung stattfindet und in einem anderen nicht.

Regel Nummer eins: Soziale Kontakte müssen auf ein Mindestmaß reduziert werden. Die Bürger sollten außerdem zueinander mindestens einen Meter Abstand einhalten. Größere Versammlungen, auch weit unter der Grenze von 1000 Personen draußen und einigen Hundert in Innenräumen, sollten abgesagt oder verschoben werden. »Dadurch werden Infektionsketten unterbrochen.«

Ein essenzielles Thema ist die Kinderbetreuung. Ab Montag sind Schulen und Kindertageseinrichtungen geschlossen. Nun muss dafür gesorgt werden, dass die Kinder von systemrelevanten Berufsgruppen, wie etwa von Polizei, Rettung und medizinischem Personal, betreut werden. Dazu gab es weitere Informationen von Schulamtsdirektor Klaus Biersack. Demnach tauschen sich die Schulen mit den Eltern über eigene Plattformen aus, um diese Frage zu klären.

Keine Betreuung durch Oma und Opa

Es sollte laut Grabner tunlichst vermieden werden, dass Omas und Opas auf die Kleinen aufpassen, denn ältere Menschen gehören zur Risikogruppe. Die Corona-Pandemie hat im Weiteren teils drastische Auswirkungen auf die Unternehmen im Landkreis.

Firmen sollen sich mit Fragen an die Berchtesgadener Land Wirtschaftsservice GmbH wenden, diese wolle ihr Möglichstes tun, um zu helfen. »In begründeten Fällen können die Unternehmen einen Antrag auf Stundung der Gewerbesteuer stellen« – auch hierzu gibt es Informationen bei der BGLW. Eine weitere Folge des Virus' ist die Schließung der Turnhallen im Landkreis für die kommenden Wochen. »Dadurch wird auch das Vereinsleben eingeschränkt«, bedauerte Grabner.

Dazu zählt unter anderem, dass das Training von Fußballvereinen und auch Musikproben von Blaskapellen nicht stattfinden sollten, um nur zwei Beispiele von Versammlungen zu nennen.

Schließung der Watzmann Therme wird vorbereitet

Was die Thermen und Hallenbäder im Landkreis betrifft, so werde jeweils von Fall zu Fall abgestimmt, ob diese geschlossen werden oder nicht. Die Schließung der Watzmann Therme in Berchtesgaden wird laut TRBK-Verbandsvorsitzendem Franz Rasp derzeit vorbereitet. Dies teilte Rasp dem »Berchtesgadener Anzeiger« am Nachmittag mit. Ein genaues Datum der Schließung wird noch bekannt gegeben.

Letztlich bittet Georg Grabner alle Landkreisbürger inständig darum, soziale Kontakte zu begrenzen. »Es ist im Interesse der Gesundheit von allen.« Dr. Udo Langenhorst, Leiter des Gesundheitsamts BGL, und sein Kollege Dr. Karl-Werner Tiling, Bezirksvorsitzender des Ärzteverbands Öffentlicher Gesundheitsdienst Bayern, sehen sich derzeit mit tausend Fragen von allen Seiten konfrontiert. »Wir müssen nun darauf achten, das Gesundheitssystem und die Kliniken nicht zu überfordern«, betonte Langenhorst am Freitagmittag. »Wir kommen sonst schnell an unsere Grenzen.«

Dr. Tiling sagte, das Gesundheitsamt begrüßt die Entscheidung, die Schulen und Kindertageseinrichtungen zu schließen. Diese seien eine »Drehscheibe der Infektionskrankheiten«. Anschließend ging er auf den aktuellen Fall in Schönau am Königssee ein. Es handle sich laut Dr. Tiling um eine Familie, die in den Faschingsferien einen Skiurlaub in Südtirol gemacht hatte. Nach der Rückkehr hatte keiner von ihnen Symptome, deswegen sind die beiden Kinder auch in die Schule gegangen.

Dann wurde bekannt, dass Südtirol zu den Risikogebieten zählt und empfohlen werde, sich testen zu lassen. »Die Familie hat sich dann vorbildlich verhalten und ließ sich auch testen.« Am Mittwoch war das Ergebnis zunächst bei der Mutter positiv, noch am selben Tag wurde Quarantäne angeordnet. Am nächsten Tag folgten die Ergebnisse für den Lebensgefährten und die beiden Kinder.

Zum Artikel vom Donnerstag: Erste Coronavirus-Fälle im Landkreis: Schönauer Familie infiziert, auch zwei Kinder

30 Kontaktpersonen in Quarantäne

»Insgesamt befinden sich nun 30 engere Kontaktpersonen der Familie in häuslicher Quarantäne.« Diese Personen müssen sich jetzt von Angehörigen mit Lebensmitteln versorgen lassen. Die Verdachtspersonen werden laut Dr. Tiling täglich nach ihrem Gesundheitszustand befragt und es werden Kontrollabstriche gemacht.

Die anderen Schüler der CJD-Schulen stehen nicht unter Quarantäne. Hier müsse man unterscheiden zwischen diesem Wort und »lockerem Hausarrest«. Die Quarantäne ist ein Zustand, den das Amt schriftlich anordnet. Dr. Langenhorst informiert: »Es gilt nicht jeder Mitschüler als hochinfektiös. Und nicht jeder Schüler, der jetzt einen Schnupfen kriegt, hat Corona.« Auch die Klassenkameraden werden nun nicht alle getestet, wenn sie nicht gerade ein Pultnachbar der erkrankten Kinder waren oder engen Kontakt mit ihnen hatten.

Die Kinder, die nun nicht in die Schule gehen müssen, hätten jetzt nicht »schulfrei« und Zeit für die »Disco« oder Hauspartys, so Dr. Karl-Werner Tiling. »Auch sie sollten sich nicht mit Freunden treffen und Kontakte reduzieren.« Zudem gebe es Hausaufgaben für diese Zeit. Auch Besuche bei Oma und Opa und anderen Risikopersonen müssen ausfallen.

Beide Ärzte des Gesundheitsamtes finden sehr deutliche Worte zu der aktuellen Lage: »Es ist überhaupt nicht mit dem Corona-Virus zu spaßen. Er ist schlimmer als die Virus-Grippe. Der Corona-Virus wird gefährlicher sein.« Man werde die Welle nicht stoppen können. Aber alle Bürger müssten jetzt an einem Strang ziehen.

Dr. Langenhorst prophezeit, dass die Fälle rasant zunehmen werden. Er selbst würde nur noch telefonieren. »Beratungen können wir derzeit nicht mehr leisten«, so der Kinderarzt sichtlich gestresst. Er fordert jeden dringend auf, der Symptome zeigt, nicht einfach in eine Arztpraxis zu gehen, sondern vorher anzurufen. Sollte er nämlich Corona haben, müsse die Praxis für zwei Wochen schließen. »Das können wir uns jetzt nicht erlauben.«

Weiter sollten gesunde Personen keine Abstriche vom Gesundheitsamt anfordern. »Unsinnige Tests sollten nicht als Screening-Methode verwendet werden«, so der eindringliche Appell Langenhorsts. Denn die Laborkapazitäten seien begrenzt. Wer nicht direkt engen Kontakt zu einem Corona-Patienten hatte, der sei auch nicht akut gefährdet.

Eine weitere Bitte des Arztes: »Wenn irgend möglich, halten Sie sich bitte nicht mit Husten oder Schnupfen im öffentlichen Raum auf.« Leider kursiere die Influenza zusätzlich zum Coronavirus. Umso besser müssten Risikopersonen geschützt werden. Der Leiter des Gesundheitsamtes fügt noch hinzu: »Nicht jeder sollte, sondern jeder muss den Anweisungen des Amtes Folge leisten.«

Schulamtsleiter Klaus Biersack ist seit 38 Jahren im Schuldienst – »aber so etwas habe ich noch nie erlebt«, sagt er. Die Schulen im Landkreis können dank einer speziellen Plattform Kontakt zu ihren Schülern und Eltern aufnehmen, so Biersack. Ein Problem derzeit sind die Schuleinschreibungen. Diese müssten durchgeführt werden. »Zur Not holen wir die Eltern einzeln herein«, so der Schulamtsleiter. Dies müsse nun geplant werden.

Auch was die Kinderbetreuung von berufstätigen Eltern betrifft, muss eine Lösung gefunden werden. »Wir werden sicher Möglichkeiten finden, die Kinder zu betreuen.« Die Lehrer würden nun die unterrichtsfreie Zeit für eine Informatikfortbildung nutzen. Wer nun bei sich selbst Symptome feststellt, der sollte nicht die Nummer 116-117 anrufen und einen Test fordern – diese Nummer ist für Notfälle gedacht. Man sollte zu Hause bleiben und sich dann bei seinem Hausarzt melden. Abschließend findet Georg Grabner noch ermunternde Worte: »Das werden wir schon hinkriegen.«

Annabelle Voss

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