Caritas: Problembewusstsein für Suchterkrankungen schaffen und Vertrauen bei Jugendlichen aufbauen

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Diplom-Sozialpädagoge Raphael Koller vor der Geschäftsstelle der Caritas-Fachambulanz für Suchterkrankungen in Bad Reichenhall. (Foto: Gerd Spranger)

Berchtesgadener Land – Mit dem aktuellen Antrag an den Kreistag zur Erweiterung des Angebotes der Caritas-Fachambulanz für Suchterkrankungen im Bereich der Jugendsuchtberatung will sich der Verband der freien Wohlfahrtspflege betroffenen jungen Menschen zuwenden. Seit 2003 gehört Raphael Koller zum Team der Fachambulanz, seit 2008 ist er deren Leiter. Von ihm wollte der »Berchtesgadener Anzeiger« wissen, wie sich die aktuelle Situation vor Ort gestaltet. 


»Nicht alles können wir über primär präventive Maßnahmen abfedern, in denen wir gemeinsam mit Schulen, dem Jugendamt und anderen Trägern arbeiten. Grundsätzlich versuchen wir, ein allgemeines Problembewusstsein zu schaffen. Das beginnt bei der Vermittlung von Medienkompetenz und reicht bis hin zum verantwortungsvollen Konsum von Alkohol und Drogen«, sagt Koller.

Die Fachambulanz wendet sich dafür auch gezielt an Lehrer, Pädagogen und Jugendleiter, etwa mit dem Interreg-Projekt »OnLife«, das die Caritas die letzten Jahre gemeinsam mit Akzente Salzburg initiiert hatte. In Seminaren und Kursen vertieft man das Erlernen einer Medienbalance als Prävention gegen Onlinesucht. Arbeitstitel wie »Die Generation Internet zwischen Glück und Abhängigkeit« drücken den Spannungsbogen aus. »Immer geht es darum, die Jugendlichen mit ihren Wünschen und Vorstellungen ernst zu nehmen, mit ihnen im Kontakt und im Gespräch zu bleiben«, erklärt der Diplom-Sozialpädagoge. Koller weiter: »Viele Erwachsene pflegen eine offene Gesprächskultur mit der Jugend und das ist gut so. Mit den Ressentiments Erwachsener kommt man nicht weit. Es braucht eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema. Da wird etwa darüber diskutiert, was für oder gegen ein bestimmtes Verhalten spricht und welche unmittelbaren und mittelbaren Folgen es mit sich bringt.« Wenig hilfreich sei, dass Suchtmittel im Alltag überall verfügbar seien und offen angeboten werden – wenn beispielsweise an Tankstellen bis spät in die Nacht Alkohol zu erwerben ist. Dass es auch anders gehe, zeigten etwa skandinavische Länder.

Die Caritas-Suchtberatung strebt eine längerfristige Begleitung junger Menschen mit riskantem oder abhängigem Substanzgebrauch an. Aktuell arbeite man mit sogenannten FreD-Kursen, in denen sich junge Menschen mit ihrem Verhalten, mit sich selbst, mit Zukunftsperspektiven und mit gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinandersetzen. »Danach aber sollte es in der Betreuung weitergehen, wenn ein erhöhter Unterstützungsbedarf erforderlich ist. Das Gespräch und der Kontakt dürfen nicht abreißen. Es ist unser Ziel, sich mit jugendspezifischen Gruppenangeboten um Jugendliche zu kümmern. Das Angebot gibt es bislang nur für Erwachsene«, räumt Raphael Koller ein. Man müsse gemeinsam mit den betroffenen Jugendlichen ihre Stärken und Fähigkeiten herausarbeiten, sie aber auch bei den täglichen Auseinandersetzungen unterstützen, Vertrauen aufbauen. Ein Ziel, das ebenso gegenüber Eltern greifen muss.

»Unsere Beratungen unterliegen grundsätzlich der Schweigepflicht und die Beratungsgespräche finden auf einer freiwilligen Basis statt. Schön wäre die Gründung eigener Elterngruppen, in der sich Betroffene untereinander austauschen, von ihren eigenen Erfahrungen erzählen. Das hilft oft, erkennt man doch sehr schnell, dass andere Erziehungsberechtigte sich gleichen Herausforderungen stellen müssen«, sagt der Pädagoge.

Raphael Koller spricht auch die Kooperation mit dem Jugendamt an. Hilfen zur Erziehung bieten sogenannte Erziehungsbeistandschaften sowie sozialpädagogische Familienhilfe. Dabei werden Jugendliche bei der Bewältigung von Entwicklungsproblemen unter Einbeziehung ihres sozialen Umfelds unterstützt. Das Kind oder der Jugendliche wird als Einzelperson wahrgenommen, ernst genommen und gleichzeitig in seiner Verbindung zu seinem familiären oder sozialen Umfeld gesehen und dementsprechend behandelt. Hilfen zur Erziehung sind staatliche Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe. Innerhalb der Caritas unterstützt neben der Fachambulanz für Suchterkrankungen auch die Erziehungsberatungsstelle etwa durch Elternkurse oder eine unmittelbare Hilfe für das Kind oder den Jugendlichen.

Was die aktuellen Beschränkungen durch die engen Coronabestimmungen betrifft und ihre Auswirkungen auf die Jugendlichen, macht Raphael Koller einige problematische Entwicklungen aus. »Vorbelastete junge Menschen haben es unter erschwerten Lebensbedingungen und den sozialen und begrenzten Kontakten durch die Corona-Verordnungen deutlich schwerer. Der Konsum von Drogen und Alkohol verlagert sich zusehend in den privaten, verborgenen Bereich und ganz allgemein steigt der Medienkonsum deutlich.« In angespannten sozialen Situationen entstünden weitere Probleme, die sich aber vermutlich erst längerfristig auswirkten.

Gerd Spranger

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