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Böller für's Christkind

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Der kommissarische Vorsitzende der Vereinigten Weihnachtsschützen, Thomas Holm. (Foto: privat)
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Die Weihnachtsschützen dürfen schießen, allerdings mit zwei Metern Abstand und ohne Bier im Vereinsheim. (Archivfoto: Bernhard Stanggassinger)

Berchtesgaden – Eine Woche vor Weihnachten hört man die Böller der Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes. Gleichzeitig läuten die Glocken aller Kirchen zwischen Berchtesgaden und Königssee. Das Christkindlschießen wird auch in diesem Jahr stattfinden können, bestätigt Thomas Holm, kommissarischer Vorsitzender der 3 300 Mitglieder umfassenden Vereinigung. Gemeinsam mit dem Landratsamt wurde ein Konzept verabschiedet, das das jahrhundertealte Brauchtum auch in Corona-Zeiten ermöglichen soll.

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Viele Absagen, eine Zusage

Der Berchtesgadener Advent: für dieses Jahr abgesagt. Das Kramperl- und Buttnmandllaufen: fraglich, ob es stattfinden kann. Lieb gewonnene Traditionen, die bröckeln. Dass der bedeutendste und gleichsam einzigartige Brauch der Weihnachtsschützen Pause machen muss, war eine Befürchtung, die im Berchtesgadener Talkessel schnell die Runde machte. 17 Weihnachtsschützenvereine gibt es. Lediglich hier, im südöstlichsten Zipfel der Republik, ist der Brauch existent, die Weihnachtsschützen wirken vorwiegend an kirchlichen Festen mit.

»Wir brauchen beim Schießen einen Sicherheitsabstand von zwei Metern«, sagt Thomas Holm. Diese zwei Meter kennt man von den sogenannten AHA-Regeln – Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske. »Wir schießen außerdem nur im Freien«, sagt Holm – ob bei feierlichen Anlässen, Messen oder beim Christkindl-Schießen.

Die Auflagen des Landratsamtes: Ein »Zusammenrotten« nach Beendigung des Schießens sei nicht mehr möglich. »Das bedeutet, wir dürfen uns im Anschluss nicht auf ein gemeinsames Bier im Schützenstüberl treffen«, so der kommissarische Vorsitzende. Das Bier muss also alleine getrunken werden. Nicht allen wird das gefallen. Trotzdem: Die Weihnachtsschützenvereine verzeichnen laut Holm ungebremsten Zulauf, Nachwuchsprobleme gebe es keine.

Der Brauch findet erstmals im Jahr 1666 urkundliche Erwähnung. 1874 begründete sich der erste Verein in Strub/Bischofswiesen, im Jahr 1925 schlossen sich zwölf Vereine als Vereinigte Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes zusammen. Thomas Holm, der im Ortsteil Oberau zu Hause ist, hat erst kürzlich eine Urkunde erhalten. Holm ist seit mittlerweile 25 Jahren Weihnachtsschütze, sein halbes Leben lang. Der 50-Jährige war zwölf Jahre bei der Bundeswehr, damals in der Jägerkaserne in Bischofswiesen stationiert, war Beobachter und wurde im Mörserzug eingesetzt. »Ich hatte viel mit Munition zu tun«, sagt der Oberauer. Holm hat zudem eine Sprengberechtigung. Heute ist er der Schützenmeister bei den Auer Weihnachtsschützen und zuständig für die Böllerschützen. Selbst kommt er dabei nur selten zum Schießen.

Als kommissarischer Vorsitzender der Vereinigung ist er zudem für die Ausgabe des Schwarzpulvers verantwortlich. An einem bestimmten Tag im Jahr wird dieses an die Mitglieder der 17 Vereine ausgegeben. Welcher Tag das ist, verrät er nicht. Auch nicht, wie viel Schwarzpulver jedem einzelnen Schützen zugeteilt wird.

Abgabe mit Belehrung

Es ist ein Treffen mit theoretischer Sprengkraft: Ein mögliches Wagnis möchte keiner der Beteiligten eingehen. Zuschauer sind daher unerwünscht. In speziellen Bunkern, über deren Aufenthaltsort offiziell nichts bekannt ist, wird der Explosivstoff gelagert. Falls das Pulver bei einzelnen Schützen zur Neige geht, kann nachgeordert werden. »Dieses Jahr wird die Ausgabe des Schwarzpulvers anders ablaufen als in den Jahren zuvor«, sagt Holm. Mehrere Hundert Kilogramm werden verteilt. Das Pulver wird mit einem Spezialtransporter aus Palling angeliefert und eingelagert.

Man werde sich irgendwo im Freien treffen, sagt der Weihnachtsschütze, die Ausgabe des Pulvers erfolge dieses Mal einzeln, samt einer Belehrung, so wie jedes Jahr. Pro Schuss werden einige Dutzend Gramm Schwarzpulver benötigt, je nachdem, ob ein Hand- oder ein Schaftböller verwendet wird. Holm ist im Besitz beider Böllervarianten.

Obwohl der Weihnachtsschützenbrauch wegen Corona kaum Einschränkungen verzeichnet, freut man sich unter den Mitgliedern auf kommendes Jahr: Zwei Vereine, die Obersalzberger und die Bischofswieser Weihnachtsschützen, feiern Gründungsjubiläum. 2022 sind dann die Auer Schützen dran. Für Thomas Holm wird es ein besonderer Tag sein, an dem jener Verein, dem er lange angehört, 100 Jahre alt wird.

Wenn alles gut geht, können die Weihnachtsschützen dann wieder in geselliger Runde anstoßen.

Kilian Pfeiffer

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