Berchtesgadener Land wird Geierland

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LBV-Kreisvorsitzender Toni Wegscheider freut sich, zwei junge Bartgeier aus Spanien zum Auswildern zu bekommen. Diese Woche kam die Zusage, im Juni kann's losgehen. (Foto: Hans-Joachim Bittner)

Berchtesgadener Land – Aufatmen beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) im Berchtesgadener Land und der Nationalparkverwaltung (NPV) Berchtesgaden: Nach Wochen der Unsicherheit wurden nun vom spanischen Zuchtzentrum Guadalentin zwei junge Bartgeier für eine erste deutsche Auswilderung des einst alpenweit ausgerotteten Greifvogels zugesichert – der »Berchtesgadener Anzeiger« berichtete mehrfach über das Projekt. In Andalusien schlüpften in diesem Jahr zehn Küken. Ein Rekord, den noch keine andere Einrichtung in der Nachzucht realisieren konnte. Zwei der Jungvögel sollen nun um den 10. Juni herum im Berchtesgadener Land ausgewildert werden, zu diesem Zeitpunkt werden sie drei Monate alt sein.


»Es war schon eine gewisse Gefühls-Achterbahn in letzter Zeit«, räumt Toni Wegscheider, LBV-Kreisvorstand und Geier-Experte, ein. Mit großem öffentlichem Interesse und durchwegs positiver Resonanz laufen seit langem die Vorbereitungen für die erste von mehreren, in den nächsten Jahren geplanten Auswilderungen von Bartgeiern im Nationalpark Berchtesgaden. Durch die Bruten der Vögel im Tiergarten Nürnberg und etwa 40 weiteren im europäischen Zuchtnetzwerk kooperierenden Zoos und Zuchtstationen war die Hoffnung der Naturschützer groß, dass genügend Küken für die Pläne der bayerischen Wiederansiedlung das Licht der Welt erblicken würden.

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Doch dann reihte sich in den letzten Wochen ein Dämpfer nach dem anderen ein: Zuerst zerbrach eines der Nürnberger Eier im Nest, dann blieb das zweite Ei ebenfalls ohne Schlupferfolg. Schließlich gestaltete sich selbst bei den weiteren Zuchteinrichtungen ein nur mäßiger Bruterfolg. »Da es europaweit mehrere etablierte Auswilderungsgebiete gibt und eine gewisse Zahl von Küken für den Fortbestand des Zuchtprogramms in verschiedenen Zoos gebraucht werden, war uns immer klar, dass heuer möglicherweise nicht genügend Jungvögel für Bayern als neuester Anwärter übrig bleiben könnten«, betont LBV-Gesamtvorstand Dr. Norbert Schäffer. Trotz dieser Unsicherheit mussten im Hintergrund die Vorarbeiten für eine Auswilderung im Frühsommer mit Hochdruck vorangetrieben werden.

Berchtesgadens Nationalpark-Direktor Dr. Roland Baier erklärt: »Der Bau einer stabilen Beobachtungshütte, das Vorbereiten des Geierfutters, die Einarbeitung der Projekt-Praktikanten und das Einholen der vielen mit der Auswilderung verbundenen Genehmigungen mussten letztlich ein wenig auf gut Glück erfolgen.« Mit der jetzt erhaltenen Zusage bleibt das bayerische Projekt auf einem guten Weg.

»Nach der Präsentation einer aufwendigen Machbarkeitsstudie 2019 über das Sicherstellen der Finanzierung und Erfüllung vieler amtlicher Auflagen 2020 bis hin zur ersten Auswilderung 2021 – das dürfte Rekordtempo für ein derart umfangreiches Artenschutzprojekt sein«, sagt Toni Wegscheider. Durch die intensive internationale Zusammenarbeit und die vielen Erfahrungen aus den anderen europäischen Wiederansiedlungsgebieten muss der LBV allerdings nicht das Rad neu erfinden, sondern kann eine für Hunderte junge Bartgeier in den letzten Jahrzehnten bewährte Vorgehensweise an die Verhältnisse im Nationalpark anpassen.

Dazu gehört, dass der Tiergarten Nürnberg trotz des dort heuer ausbleibenden Bruterfolgs integraler Projektpartner bleibt. »Durch die große Erfahrung mit Bartgeiern in Nürnberg bringen wir die Jungvögel aus Spanien zuerst in den dortigen Tiergarten. Somit können sie sich vor der Auswilderung kennenlernen. Erst wenn sichergestellt ist, dass sie sich vertragen, kommen sie nach einigen Tagen gemeinsam nach Berchtesgaden«, berichtet Dr. Alex Llopis, Leiter des europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Mit dieser Gewissheit werden nun alle beteiligten Institutionen die nächsten Wochen intensiv für die letzten Vorbereitungen nutzen, um den kleinen Geiern Anfang Juni einen bestmöglichen Start für ein Leben in den Ostalpen bieten zu können. Hans-Joachim Bittner

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