Ausbreitung des Borkenkäfers – Kampf dem Fichten-Wüterich

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An dem steilem Hang am Hochstaufen liegt aufgearbeitetes, entrindetes Borkenkäferholz, das liegen bleiben soll. (Fotos: Kilian Pfeiffer)
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Der Berchtesgadener Forstrevierleiter Anton Ernst ist für den gesamten Berchtesgadener Talkessel zuständig.

Berchtesgadener Land – Die Schneise, die den Wald teilt, ist Hunderte Meter lang, mehrere Meter breit. 1 000 Festmeter vom Borkenkäfer befallenes Schadholz haben die Waldarbeiter vom Südhang des Hochstaufens hier per Seilbahn nach unten gebracht. »Die Zeiten, in denen bayerische Bergwälder weitestgehend vom Borkenkäfer verschont blieben, sind vorbei«, sagt Forstrat Tassilo Heller, Forstabteilungsleiter am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Traunstein. Der Käfer könnte dieses Jahr noch einen Gang zulegen, zur Plage werden. Heller rät zur regelmäßigen Kontrolle sowie zum raschen Handeln. Andernfalls drohten Waldbesitzern Zwangsmittel – und der Eingriff in den Privatwald.


Nur ein paar Millimeter groß sind die Buchdrucker, so nennt sich die Gattung der Borkenkäfer, die Fichten befällt. Warme Sommer spielen den kleinen Insekten in die Karten. Fichten, die es gerne kühler mögen und auf viel Wasser angewiesen sind, können dann kaum Harz ausbilden, um dem Käfer in der Rinde zu begegnen. Für Waldbesitzer können die Schäden riesig sein. Wenn sich die Krone der Fichte rötlich verfärbt, hat der Käfer seine Arbeit bereits getan. »Dann ist es zu spät«, weiß der Forstrat.

Tassilo Heller hat vier Gläser mitgebracht. Darin zeigt sich ansehnlich die Vermehrungsbereitschaft: Borkenkäferdynamik über drei Generationen hinweg. Ein Käferpaar hat rund 60 Nachkommen, etwa 30 davon sind weiblich. In der zweiten Generation werden daraus 1 800, in der dritten bereits 54 000 Tierchen. »Der Inhalt des Glases bringt 20 Fichten zum Absterben«, informiert Heller.

Befallsschwerpunkte auchan Grünstein und Silberg

Rund 300 Waldbesitzer hat das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten kürzlich in einem Brief angeschrieben. Deren Wälder liegen in Befallsschwerpunkten, darunter die Nord- und Südseite des Hochstaufens, der Grünstein sowie der Silberg und das Söldenköpfl. »Das Massenvermehrungspotenzial des Borkenkäfers ist gewaltig«, so der Forstrat. Er befürchtet Schlimmstes, sollte der Sommer warm werden.

Kollege Anton Ernst ist der Revierleiter in Berchtesgaden. Die Wälder, die unter seiner Obhut liegen, befinden sich in Berchtesgaden, Schönau am Königssee, Bischofswiesen, Ramsau und Marktschellenberg. »Ich stelle immer wieder fest, dass sich Waldbesitzer der Thematik Borkenkäfer nicht vollumfänglich bewusst sind«, so Ernst. Seit dem Schreiben an die Waldbesitzer erreichen ihn nun vermehrt Anfragen. Ernsts Gebiet ist riesig, 13.500 Hektar Wald. Am Silberg, wo auch die Gebirgsjäger einen Übungsplatz haben, musste kürzlich und mit hohem Aufwand ein 1 Hektar großer Fichtenbestand entfernt werden, durchlöchert vom Buchdrucker. Das Schadpotenzial ist gewaltig: Ein nicht aufgearbeiteter Brutbaum kann in der Theorie einen Befallsherd von einigen Hundert Fichten nach sich ziehen.

Christian Rauscher ist seit vergangenem Jahr Revierleiter des Revieres Bad Reichenhall. Der Hochstaufen ist sozusagen sein Wohnzimmer. Mit dem Auto geht es über Forststraßen durch den Wald nach oben: »Der Buchdrucker schaffte es in den vergangenen Jahren immer wieder, zwei bis drei Generationen auszubilden – selbst in den hohen Lagen.« Häufig sei der dynamische Befall der Fichtenbestände besorgniserregend.

An einem steilen Hang des sonnigen Hochstaufen-Südhangs, im Schutzwaldgebiet, hat ein Waldbesitzer 20 Festmeter Schadholz aufgearbeitet und entrindet. Beim Entrinden, dem Schepsen, wird von einem Baumstamm die Borke sowie die Saft führende Schicht, das Kambium, entfernt. Die Rinde wurde daraufhin unschädlich gemacht, mit schwarzer Folie abgedeckt. Dabei entstehen hohe Temperaturen, die noch lebende, ausflugbereite Käfer abtöten. Das Holz ließ der Waldbesitzer liegen. »Das schaut nicht immer gut aus, ist aber in einem Schutzwald wichtig«, erklärt Rauscher. Das Holz dient zum Schutz vor Steinschlag, vor Murenabgängen und Lawinen.

Mit der Vermehrung des Buchdruckers steht die heimische Fichte, weit verbreitet und häufig als Bauholz verwendet, vor großen Herausforderungen. Zwei Drittel des Baumbestandes im Landkreis sind Fichten, der Rest Buche, Bergahorn, Tanne und Lärche. Waldbesitzer sind in den Gefährdungs- und Befallsgebieten zur laufenden Borkenkäferkontrolle und Bekämpfung gesetzlich verpflichtet, weiß Tassilo Heller. In der gemeinsamen Bekanntmachung der Regierungen von Oberbayern und Schwaben heißt es, Waldeigentümer müssten ihre Wälder in der Zeit von 1. April bis 30. September »mindestens im Abstand von vier Wochen auf Käferbefall kontrollieren«.

Waldbesitzer kontrollieren sich gegenseitig

Laut Anton Ernst, gebürtiger Ruhpoldinger und Revierleiter im Berchtesgadener Talkessel, fällt die Suche nach dem Käfer in eigene Zuständigkeit. Rund 70 Prozent des Borkenkäferbefalls würden mittlerweile als Anzeige eingehen. Die Waldbesitzer kontrollieren sich gegenseitig, »um nicht selbst Opfer des Käfers zu werden«, sagt Reichenhalls Revierleiter Christian Rauscher. Doch wie sieht so eine Borkenkäferkontrolle aus? »Bohrmehl«, antwortet Tassilo Heller, zu einem Holzpolter eilend. Polter wird in der Forstwirtschaft gesammeltes Rundholz bezeichnet, das nach der Holzernte zur Abfuhr bereitliegt. Heller und Rauscher untersuchen die Rinden auf eingebohrte Käferlöcher. Das Bohrmehl erinnert an Schnupftabak und gibt Aufschluss darüber, dass ein Käfer am Werk war. Als waldschutzwirksame Borkenkäferbekämpfung kommt in einem solchen Fall nur noch die Aufarbeitung der befallenen Stämme infrage.

Insektizide als letztes Mittel gegen den Käfer

Sollte eine sofortige Abfuhr des Holzes logistisch nicht möglich sein, müssen Waldbesitzer das Borkenkäferholz abtransportieren – zu einem Ort mindestens 500 Meter von Nadelwäldern entfernt. Andernfalls gilt es, die Käfer vor Ort unschädlich zu machen. Dies kann durch Entrinden der befallenen Stämme oder Hacken geschehen, so wie am Südhang des Hochstaufens. »Der Einsatz von Insektiziden ist nur nach Ausschöpfung aller anderen mechanischen Maßnahmen in Erwägung zu ziehen«, betont Heller. In der Region seien Insektizide nie zum Einsatz gekommen, bestätigt Revierleiter Anton Ernst. Es sei das letzte Mittel, das im Kampf gegen den Buchdrucker zum Einsatz käme.

Nicht alle Waldbesitzer kommen ihrer Verpflichtung zur Borkenkäferaufarbeitung nach: »Dann droht aber die Massenvermehrung, und das ist zu unterbinden«, sagt der Forstrat, der dieses Jahr ernst machen will. Beliebt macht ihn das nicht bei jedem, doch die Konsequenzen eines sich verbreitenden Borkenkäfers seien einfach zu groß. In Fällen, in denen Waldbesitzer nicht handeln und nach Verstreichen einer Frist sei ein Eingreifen der unteren Forstbehörde am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein mit Zwangsmitteln nötig.

Christian Rauscher und Anton Ernst dürfen dann den Privatwald, also das Eigentum anderer, betreten und Forstarbeiter beauftragen, das Holz und damit den Borkenkäfer zu entfernen. Die teils erheblichen Kosten bleiben an den Waldbesitzern hängen. »Kostenpflichtige Ersatzvornahme« nennt sich der Vorgang. »Wir bedauern solche Schritte«, so Tassilo Heller. »Die Bayerische Forstverwaltung steht den Waldbesitzern immer beratend zur Seite«, ergänzt Anton Ernst. »Zudem gibt es finanzielle Fördermöglichkeiten für die Borkenkäferaufarbeitung«, weiß Revierleiter Christian Rauscher. Im Endeffekt, sagt Forstrat Heller, wolle man nur das Beste für den multifunktionalen Schutzwald, gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels: »Wir sind zum Schutz unserer Wälder kompromisslos konsequent.«

Kilian Pfeiffer

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