Arbeitspensum der Caritas in Pandemiezeiten an der Belastungsgrenze

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Pflegedienstleiterin Ulla Sorré hat selbst etliche Jahre in der aktiven Pflege gearbeitet. Sie weiß um die Härten des Berufsbildes bestens Bescheid. (Fotos: Kilian Pfeiffer)
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Astrid Krajcevic ist stellvertretende Pflegedienstleiterin. Sie sagt: »Die Gefahr, sich anzustecken, ist groß.«

Berchtesgadener Land – Die Arbeit geht an die Substanz. »Viele Mitarbeiter sind an ihrer Belastungsgrenze«, sagt Ulla Sorré, Pflegedienstleiterin des Ambulanten Pflegedienstes Berchtesgadener Land mit Sitz in Bad Reichenhall. So nah wie die Mitarbeiter der Pflege arbeitet kaum einer am Menschen. Hinzu kommt: »Wir fahren zu Familien nach Hause.« Die Gefahr einer Ansteckung ist dabei höher. Allerdings: Ambulante Pfleger würden in der Öffentlichkeit oftmals kaum wahrgenommen, sagt auch Astrid Krajcevic, Sorrés Stellvertreterin.


Touren erlauben keinen Spielraum

Rund 50 Mitarbeiter sind in der Caritas in der Pflege beschäftigt. In etlichen Touren fahren diese von früh morgens bis spät abends im Landkreis umher, versorgen kranke Mitbürger, hilfsbedürftige Alte. Dabei sind die Zeitpläne dicht getaktet, damit all die anfallende Arbeit überhaupt bewältigt werden kann. »Unsere Touren erlauben keinen Spielraum«, sagt Ulla Sorré. Ambulante Pfleger übernehmen dabei eine Doppelrolle: Sie helfen denen, die Hilfe brauchen. In Pandemie-Zeiten müssen sie aber auch Zuwendung geben, eine Schulter zum Anlehnen bieten. Denn vor allem ältere Leute, häufig allein lebend, kommen mit der erschwerten Situation nur schlecht zurecht.

So fordernd wie zur Zeit der Pandemie sei die Arbeit innerhalb der Caritas Berchtesgadener Land noch nie gewesen, sagt Sorré. Die meisten sind Teilzeitbeschäftigte, der Großteil Frauen – manches Mal alleinerziehend –, die die ambulante Pflege durchführen. Sie haben selbst eine Familie zu Hause. »Die Gefahr, sich anzustecken und das Virus in die eigenen vier Wände mitzubringen, ist groß«, sagt Astrid Krajcevic. Mehrere Fälle gab es im Team bereits. Ausfälle kann man sich aber kaum leisten. Müsste eine Tour aufgrund von Krankheit gestrichen werden, sind es meist Mitarbeiter, die freiwillig einspringen, aus dem Urlaub zurückkehren oder einen freien Tag streichen, um zu unterstützen. »Es ist unglaublich, was die Leute zurzeit leisten«, sagt die Pflegedienstleiterin.

Den Kontakt zu Mitarbeitern zu halten, sei in Zeiten wie diesen wichtig. Anerkennung und Akzeptanz seien das Maß aller Dinge. »Denn bei vielen ist die Belastungsgrenze mittlerweile erreicht.« Ulla Sorré und Astrid Krajcevic wissen, worüber sie sprechen. Beide haben selbst viele Jahre in der Ambulanten Pflege gearbeitet, die Schwierigkeiten in der Umsetzung des Berufes am eigenen Leib miterlebt.

Enormer Druck

Kürzlich hat eine Pflegerin aufgehört. »Natürlich ist das traurig und erschwert die allgemein angespannte Situation«, sagt Ulla Sorré. Die Mitarbeiterin sei mit der Situation nicht mehr klargekommen, die psychische Belastung sei zu groß geworden. So geht es mittlerweile vielen. »Der Druck, der manchmal auf einem lastet, ist enorm.« Die Krankheitsquote ist während der Pandemie deutlich angestiegen. Die durchschnittliche Krankheitsdauer ist länger, als sie etwa im Jahr 2019 war. Nachwuchs kommt indes kaum nach.

Gefordert wird ein hohes Maß an sozialer Kompetenz. Junge Anwärter haben darin oft wenig Erfahrung. Dieser Beruf gilt finanziell zudem als wenig attraktiv – auch wenn es in den vergangenen Monaten den einen oder anderen staatlichen Zuschuss beziehungsweise Corona-Bonus gab. »Unsere Mitarbeiter arbeiten nicht nur wegen des Geldes, sondern häufig aufgrund ihrer sozialen Einstellung«, heißt es bei der Caritas.

Trotzdem dürfte am Ende der Lohn Ausschlag darüber geben, ob die Berufswahl als attraktiv gilt. Zweimal pro Woche werden Mitarbeiter bei der Ambulanten Pflege auf das Corona-Virus getestet. Die Möglichkeit ist freiwillig.

In der Praxis ist das Testen häufig nicht umsetzbar, da die Pfleger aus allen Teilen des Landkreises kommen und nur zentral getestet werden können. Seitdem geimpft wird, habe knapp die Hälfte der Mitarbeiter das Angebot genutzt. »Noch etliche stehen auf der Liste«, sagt Ulla Sorré. Die Impfbereitschaft unter den Pflegern sei gegeben, zwar nicht bei allen, »aber zu 70 Prozent«. Einige wenige dürften sich wegen spezieller Allergien nicht impfen lassen, andere seien noch skeptisch.

Anerkennung bekamen die Mitarbeiter vor drei Wochen. Die Caritas hat einen besonderen Massagesessel für 5 000 Euro angeschafft. »Unsere Mitarbeiter lieben ihn«, sagt die stellvertretende Pflegedienstleiterin Astrid Krajcevic. »Wir wollten ihnen etwas Gutes tun«, sagt Ulla Sorré. Der Sessel inklusive sämtlicher Zusatzfunktionen werde rege genutzt. Dies sei zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber zumindest ein Stück Anerkennung in schwierigen Zeiten. Kilian Pfeiffer

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