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»Angst rettet uns vor dem Tod«

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Angst treibt den Kletterer Alexander Huber an. Sie gibt ihm die volle Konzentration. (Repro: Patrick Vietze)

Berchtesgaden – Alexander Huber von den HuberBuam gehört zu den besten Kletterern der Welt. Free-Solo ist er in den Felsen unterwegs – ohne Seil, ohne Gurt, ohne Sicherung. Bei solchen Touren steht viel auf dem Spiel, die Angst ist ein ständiger Begleiter. Alexander Huber hat gelernt, damit umzugehen und sein Buch »Die Angst. Dein bester Freund« mit vielen Ergänzungen überarbeitet.


»Ich hatte schwerwiegende Angststörungen«, erinnert sich Huber. Klettern war für ihn zum Zwang geworden. Huber sah alles nur noch negativ. Ständig verfolgte ihn der Gedanke, funktionieren zu müssen. Der Scheffauer brauchte Erfolge. Er befürchtete, die Freude am Bergsteigen zu verlieren. »Es war heftig. Ich musste mich neu sortieren«, sagt er. Mithilfe eines Therapeuten überwand er seine Depressionen.

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Ihm wurde klar, dass die Furcht nur dann etwas Schlechtes ist, wenn man sich mit ihr nicht auseinandersetzt. Alexander Huber hielt Vorträge über das Thema. Ein Verleger kam auf den 51-Jährigen zu und lobte: »Eine super Präsentation. Besteht Interesse, ein Buch über dieses Thema zu schreiben?« Der Scheffauer nahm das Angebot an. Besonders wichtig ist ihm der Aspekt, dass die Furcht zum Überleben notwendig ist. Das fange schon beim Überqueren der Straße an. »Angst rettet uns vor dem Tod. Bevor wir die Straße betreten, schauen wir nach links und rechts. Damit stellen wir sicher, dass uns kein Auto erfasst«, sagt der 51-Jährige. Die Angst wachse mit Erfahrungen. So fürchten sich beispielsweise Kinder beim Überqueren der Straße nicht – sie kennen die Gefahr nicht. Eltern müssen sie dafür sensibilisieren. Die ersten Erfahrungen in den Bergen sammelte Huber deshalb zusammen mit erfahrenen Sportlern. »Die Angst in den Bergen ist omnipräsent«, betont der 51-Jährige. Abstürze vom Gelände, Stein- und Eisschläge, Lawinen und Wetterstürze: All die Risiken lernte Huber kennen. Aber auch, bei zu hoher Gefahr »Nein« zu sagen. Huber will Entscheidungen mit Bedacht treffen, nicht alles auf eine Karte setzen, denn: Ab einem gewissen Punkt gebe es kein Zurück. Diesen »point of no return« hat Huber schon öfter erlebt, er musste dann eine unumkehrbare Entscheidung treffen. So hing er beispielsweise mit den Fingerspitzen ohne Seil und Sicherung in einer Wand. »Durch die Angst konnte ich mich besonders gut konzentrieren, jeder Griff musste sitzen«, so der 51-Jährige. Der Blick für das Wesentliche war geschärft, er erreichte sein Ziel. Vom Gipfel aus ging es zurück. »Von da an bewegen wir uns zurück in die Sicherheit.«

Angst gibt es nicht nur im Extremsport. Der Diplomphysiker musste damals auch viel Mut aufbringen, um seinen Eltern mitzuteilen, dass er den Bergsport zum Beruf machen will. »Meine Eltern waren von meiner Entscheidung nicht sonderlich begeistert. Aber sie kannten mich und haben mich auf dem Weg begleitet«, sagt der Kletterer.

Jan Mersch, Bergführer und Psychologe, ergänzt den Ratgeber mit seinen Beiträgen. Er erklärt anhand eines Theorieteils den Umgang mit Angst und die Bewältigung der Krisen.

Alexander Huber, »Die Angst. Dein bester Freund«, Bergwelten Verlag, 255 Seiten, 22 Euro. Patrick Vietze

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