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Alkohol, Wasserstoffperoxid und Glycerin

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In Schönau am Königssee hergestellt: Händedesinfektionsmittel. (Foto: privat)

Schönau am Königssee – Das Desinfektionsmittel ist rar geworden. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie stürmten viele Menschen Supermärkte, Drogerien und Apotheken, um Fläschchen, Tücher und Sprays zu ergattern. Während viele andere Produktregale in der Zwischenzeit wieder aufgefüllt worden sind, sind Desinfektionsmittel weiterhin nur schwer zu bekommen. Der Engpass betrifft nicht nur Privatpersonen, vor allem Kliniken und Arztpraxen leiden darunter. Die Grünstein-Apotheke in Schönau am Königssee sorgt deshalb für Nachschub. Der »Anzeiger« hat mit Apotheker Dieter Berneker über den Herstellungsprozess und die Knappheit von Medikamenten gesprochen.


»Bis Ende September dürfen wir Handdesinfektionsmittel herstellen«, sagt Apotheker Dieter Berneker. Für ihn und seine Kollegen gilt ab sofort eine Ausnahmeregelung, denn seit 2002 dürfen Apotheken keine dieser Mittel mehr herstellen. Grund dafür ist, dass Biozide nach der EU-Biozidverordnung zugelassen werden müssen. Das ist bei Apotheken oftmals schwierig. Für die Produktion sind seit 2002 offizielle Hersteller verantwortlich, die in der aktuellen Situation allerdings nicht mehr nachkommen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat mit dem Fachbereich »Bundesstelle für Chemikalien« (BfC) deshalb eine Allgemeinverfügung erlassen. Für 180 Tage dürfen nun auch Apotheken Händedesinfektionsmittel herstellen und vertreiben. »Das Problem ist allerdings nicht der Herstellungsprozess«, sagt Berneker. Vielmehr könne der nötige Alkohol derzeit nicht herangeschafft werden. »Ich stehe mit dem Zoll in Kontakt«, sagt Berneker. Die Beamten würden versuchen, mit den Kartoffelbrennereien für Nachschub zu sorgen. »Aber wir haben gerade keine Kartoffelsaison«, so der Apotheker. Die Restbestände sind weitestgehend aufgebraucht, alles, was noch erworben werden kann, ist sehr teuer.

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Drei wichtige Inhaltsstoffe

Für die Herstellung von Händedesinfektionsmitteln braucht Berneker 96-prozentigen Alkohol. Dazu kommt Wasserstoffperoxid und Glycerin. Die Rezeptur stammt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und muss von allen Produzenten eingehalten werden. Dennoch gibt es Unterschiede: »Es gibt Biozide, da muss man sich eine Minute lang die Hänge einreiben, sonst wirken sie nicht, bei anderen sind es nur 30 Sekunden«, erklärt er. Es käme darauf an, welcher Alkohol verwendet wird. Der 96-prozentige Alkohol wird mit den Hilfsstoffen auf etwa 80 Prozent reduziert, damit muss das Mittel nur etwa 30 Sekunden einwirken. Bei 70-prozentigem Alkohol müsse man die Hände dagegen länger einreiben. »Wer einmal mitzählt, weiß, wie lange eine Minute ist«, so Berneker.

Hände waschen

Im Übrigen rät der Apotheker davon ab, das Mittel in Mengen zu verwenden. »Hände waschen reicht im Alltag völlig aus.« Benutzen könne man Desinfektionsmittel etwa beim Einkauf, um die Bakterien und Viren nicht mit nach Hause zu nehmen. »Ich kann zum Beispiel den Griff des Einkaufswagens desinfizieren.«

Im Labor der Grünstein-Apotheke können Mitarbeiter fünf Liter Desinfektionsmittel pro Tag herstellen. »Der Alkohol ist hoch entzündlich, wir können nur mit Abzug arbeiten.« Danach muss das Mittel für 72 Stunden ruhen, bevor es verwendet werden kann.

»Wir müssen dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem nicht zusammen bricht«, sagt Dieter Berneker. Bereits im Mai 2019 bemerkte er, dass die Medikamente langsam knapp werden. »Die Politik hat das verschuldet, ausschlaggebend war der Preis, die Produktion ist in das Ausland verlagert worden.« Mittelständische europäische Unternehmen seien zugrunde gegangen. »Die Medikamente stammen hauptsächlich aus China und Indien«, sagt Berneker. Indien hat einen Exportstopp verhängt, in China läuft die Wirtschaft gerade wieder an. »Es wird besser werden, aber bis Herbst werden wir noch durchhalten müssen.« Knapp sind auch nach wie vor Masken. Inzwischen haben einige Menschen privat angefangen, Mundschutzmasken zu nähen, auch Firmen haben ihre Produktion darauf eingestellt. Dennoch gilt: »Normaler Mundschutz hilft nur, um andere nicht anzustecken, falls man selbst erkrankt ist«, so Berneker. Viren sind zwischen 100 und 150 Nanometer groß, die einzigen Masken, die sie abhalten, sind FFP 3-Masken. Durch elektrostatische Aufladung werden Viren herausgefiltert. »Das Atmen mit diesen Masken ist aber sehr anstrengend«, so der Apotheker. Sie werden vor allem in Laboren eingesetzt. »Auch sie sind ausverkauft.«

Dieter Berneker ist sich sicher, dass die Situation in den nächsten Wochen schwieriger werden wird. »Wir müssen das Gesundheitssystem entlasten.« Deshalb: Abstand halten, Sozialkontakte meiden, Hände waschen und »nicht mit den Fingern Mund und Nase berühren«. Lena Klein

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