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So kann es nicht weitergehen

Mit privaten Fotos und Filmaufnahmen belegten die Initiatoren der Interessensgemeinschaft »Hirschauer Bucht«, Rosa-Maria Multerer und Norbert Lohwieser, dass dort, wo sich derzeit Schwemmholz und Müll im Schlamm und Schilf türmen, vor 45 Jahren sich noch der »schönste Sandstrand des Chiemsees« befunden habe. »Der Gemeinde Grabenstätt wurde von anderen ein riesiger Mülleimer vor die Türe gestellt, den sie nun nicht einmal leeren darf«, drückte es Multerer bildlich aus.

Initiatoren der Interessensgemeinschaft »Hirschauer Bucht«, Rosa-Maria Multerer und Norbert Lohwieser, bei der gut besuchten Veranstaltung »Rettet die Hirschauer Bucht!«. (Foto: M. Müller)

»Uns geht es darum, dass die Stimme der Grabenstätter Bürger gehört wird, und nicht mehr über deren Interessen hinweg entschieden wird«, forderte Initiatorin Multerer und erläuterte Möglichkeiten, wie im Einklang mit den Belangen des Naturschutzes, des Hochwasserschutzes und des Tourismus, Maßnahmen ergriffen werden können, um die Situation in der Hirschauer Bucht zu verbessern. Dabei gehe es vor allem um die Säuberung und Wiederöffnung des zur Hirschauer Bucht führenden Achenarms, den teilweisen Rückbau des Deichs nördlich der Autobahn zur Schaffung von Hochwasser-Überschwemmungsflächen, grundlegende Beseitigung des Mülls und des Treibholzes östlich des Rothgrabens sowie die regelmäßige Säuberung der Hirschauer Bucht von Müll und Treibholz sowie des Schlamms in den Ausläufen von Mühlbach, Rothgraben und Mooshauptkanal zur ordnungsgemäßen Entwässerung landwirtschaftlicher Flächen.

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Falls man den Seitenarm öffne, könne sich dieser aufgrund des Gefälles schnell zum Hauptarm entwickeln, was den Verlandungsprozess in der Hirschauer Bucht sogar noch beschleunigen könnte, merkte ein Besucher kritisch an. Eine Zurückverlegung des Deiches sehe er sehr positiv, doch sei sie sehr unrealistisch, da sie mit enormen Kosten verbunden sei und Grundstückseigentümer sowie Jagd- und Weideberechtigte dürften Einspruch erheben, so Frank Weiß vom Landesbund für Vogelschutz. Es sei wohl allen klar, dass ein Fluss wie die Tiroler Achen mehr Raum bekommen müsse, dies gehe aber nur, wenn die Menschen es auch vor der eigenen Haustür zulassen würden.

Vision von Besucherzentrum in der Hirschauer Bucht

Wie Multerer weiter ausführte, sollten unter anderem auch Rückhaltemaßnahmen im Oberlauf bis nach Tirol, häufigere Leerungen beziehungsweise Erweiterung des Kiesfangs südlich der Autobahn und Renaturierung des Rothgrabens im Mündungsbereich angedacht werden. Als Vision schwebe ihr ein Besucherzentrum in der Hirschauer Bucht samt Naturlehrpfad vor. Damit das funktioniere, bräuchte man aber auch Personal, das entsprechend geschult sei, meinte Siegfried Gärtner aus Grabenstätt. Überall komme man ans Seeufer, außer in Grabenstätt, »für uns ist der Chiemsee abgeschnitten«, ärgerte sich Initiator Lohwieser.

Die gesetzliche Vorgabe, dass in der Hirschauer Bucht, die auch zur Kernzone des Naturschutzgebietes gehört, ein absolutes Betretungsverbot gelte und nichts entnommen werden dürfe, kommentierte Lohwieser mit den Worten: »Das Naturschutzgebiet kannibalisiert sich damit selbst.«

Man rede hier über »sehr hochwertige Schutzgebiete« und über das »besterhaltene Binnendelta Mitteleuropas«, deswegen komme es darauf an, ein überzeugendes Konzept zu entwickeln, wie man die Bucht vom Schwemm-Material befreie, sagte der Gebietsbetreuer Chiemsee, Hannes Krauss. Trotz strenger Auflagen gebe es sicherlich die Möglichkeit von Ausnahmeregelungen. Die Verlandung könne man nur etwas steuern, aber nicht verhindern, dafür bräuchte es im Unterlauf der Tiroler Achen schon eine »Art überdimensionalen Kaffeefilter«, scherzte Krauss.

Uneinigkeit bestand darin, ob die Schwemmholz-Massen in der Hirschauer Bucht Müll seien oder zum Beispiel zu Hackschnitzel weiterverarbeitet werden könnten. Der frühere Leiter des Forstamts Marquartstein, Dr. Klaus Thiele, betonte, dass das Treibholz »ein wichtiger Teil des Auwalds« sei und eine Entnahme ein »schwerer Schlag gegen die Biodiversität« wäre. Kreisrat Heinrich Wallner (Bayernpartei) aus Chieming, dessen Frau Chiemsee-Fischerin ist, ist davon überzeugt, dass die Hirschauer Bucht in spätestens 80 Jahren voll verlandet sein werde. Der Fischfang sei aber wohl schon in einer Generation nicht mehr möglich. Wo der Wasserspiegel vor 60/70 Jahren noch mehrere Meter tief gewesen sei, stoße man heute schon nach einem halben Meter auf Grund.

Kreisrat Dr. Lothar Seissiger (Freie Wähler) warnte davor, dass der Plastikmüll im Wasser den Menschen vergiften könnte, da er sich langsam zersetze und dann über Kleinstlebewesen in die Nahrungskette gelange. Es könne nicht sein, dass der Vogelschutz höher bewertet werde, als der Lebensraum für den Menschen. Naturführer Jürgen Pohl erwiderte, dass »der Mensch Teil der Schöpfung, aber nicht deren Krönung ist«.

Die Verlandung der Hirschauer Bucht wirke sich auch schon auf das gesamte Ostufer des Chiemsees aus, betonte ein Gast und verwies auf immer häufiger angeschwemmtes Treibgut an den Badestränden in Chieming. Ein Marquartsteiner Bürger erinnerte daran, dass die Hochwasserkatastrophe noch viel schlimmer ausgefallen wäre, »wenn Kössen nicht komplett abgesoffen wäre«.

Albert Multerer aus Grabenstätt, der sich seit Jahrzehnten mit der Thematik beschäftigt, zeigte sich davon überzeugt, dass man die folgenschwere Überschwemmung vermeiden hätte können, wenn man den Damm in den Vorjahren nördlich der Autobahn geöffnet hätte. Andere Besucher bezweifelten, ob der Dammbruch unweit der Autobahnbrücke und vor allem jener weiter entfernte bei Staudach damit zu verhindern gewesen wären. Zuspruch erfuhren sie von Andreas Baumer vom Wasserwirtschaftsamt, der zudem daran erinnerte, dass ein Dammbruch auf der linken Seite der Tiroler Achen noch viel verheerendere Folgen gehabt hätte, da dann ganz Übersee überschwemmt worden wäre. An einem Nachbartisch wurde derweil über eine Sollbruchstelle spekuliert.

Kloake gehört beseitigt

Für Kurt Luft aus Grabenstätt sind dies »alles Nebenkriegsschauplätze«. Seiner Meinung nach gehe es jetzt in erster Linie um die »Beseitigung der Kloake in der Hirschauer Bucht«. Man habe sich so ein Hochwasser nicht vorstellen können, »aber die Natur hat uns im Juni eines Besseren belehrt«, betonte Grabenstätts Bürgermeister Georg Schützinger. Neben einer von Landrat Hermann Steinmaßl für 8. November angesetzten Hochwasserkonferenz plane das Wasserwirtschaftsamt im Dezember einen Runden Tisch, so Schützinger. Kreisrat Dirk Reichenau (SPD) bedauerte, dass die angesetzte Hochwasserkonferenz »nur halböffentlich ist«, er werde aber aus der heutigen Veranstaltung »viel mitnehmen und einbringen«. Einigkeit bestand darin, dass etwas geschehen müsse und es so nicht weitergehen könne. mmü