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Der Zeitzeuge sprach mit den Schülern der achten Klassen der Grassauer Mittelschule über die Kriegszeit

Rudolf Linner berichtete über seine Kindheit in Dachau

Grassau – Auch 70 Jahre nach Kriegsende sind die Gräueltaten des Naziregimes nicht vergessen. Die Mahnstätte, das Konzentrationslager (KZ) in Dachau erinnert an diese grausame Zeit der Verfolgung und Ermordung. Doch wie ging es damals der Bevölkerung außerhalb der KZ-Mauern. Darüber berichtete der Marquartsteiner Pensionist Rudolf Linner in der Aula der Grassauer Grund- und Mittelschule den Schülern der achten Klassen.

Rudolf Linner sprach an der Grassauer Mittelschule über seine Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkriegs. (Foto: T. Eder)

55 Jahre lang habe er die schrecklichen Erlebnisse aus seiner Dachauer Kindheit mit sich herumgetragen, erklärte Rudolf Linner, der 1939 in Dachau geboren wurde. Immer wieder haben den sechsfachen Vater Albträume heimgesucht. Ein Bekannter riet ihm deshalb, sich die Erlebnisse von der Seele zu schreiben. Zweieinhalb Jahre lang habe er seine Erinnerungen zu Papier gebracht und diese dann zu seinem 65. Geburtstag seinen Kindern übergeben. »Meine Kinder sollten wissen, wie meine Kindheit ausgesehen hatte«, erzählte Linner.

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Kinder erbettelten sich Lebensmittel

Immer wieder musste seine Familie bei Bombenangriffen in den Keller flüchten. Die Kinder wurden dabei aus tiefem Schlaf gerissen. Die Versorgungslage verschlechterte sich immer mehr und seine Mutter fuhr mit seiner Tante mehrmals aufs Land, um Lebensmitteln zu organisieren, berichtete Linner. Während dieser Zeit blieb er bei den Großeltern. Später musste er zu diesen Betteltouren mit, da die Bauern bei Kindern eher bereit waren, etwas abzutreten.

Im Dachauer Bahnhof habe es ein separates, mit zwei Meter hohen Drahtzäunen abgetrenntes Gleis zum Lager gegeben, erzählte Linner den Schülern. Dieses war streng bewacht. Eines Tages wollten seine Freunde und er sehen, was dort passiert. Versteckt beobachteten die kleinen Buben, wie ein langer Güterzug anrollte und aus diesem Stimmen und Rufe hallten. Soldaten mit Hunden patrouillierten davor. Sie sahen abgemagerte Menschen und wie eine Frau erschossen wurde.

Als die Nazi-Zeit zu Ende ging, war Dachau zerstört. Die Bevölkerung hatte nur wenig Ahnung, was im KZ passierte, so Linner. Er erinnerte sich an das große Lagerhaus, in dem die Wehrmacht alles gelagert hatte. Die Bevölkerung habe das Lager damals gestürmt und sich das Wertvollste herausgeholt. Als die Amerikaner mit ihren Panzern einmarschierten, habe er zum ersten Mal Farbige gesehen. Ein schönes Erlebnis war, als ihm ein dunkelhäutiger Soldat auf die Bitte nach Kaugummi in tiefstem Bairisch antwortete. In der Feldküche der Amerikaner gab es Bohnenkaffee. Oft sei er mit der Milchkanne zum Lager und habe um Kaffee gebettelt. Einmal habe er die Kanne alleine ausgetrunken und einen Kaffeerausch gehabt.

Beim Schreiben kamen Linner oft die Tränen

Die Schüler wollten wissen, wie es ihm geht, wenn er von dieser Zeit erzählt. Mittlerweile könne er unbelastet berichten, so Linner. Beim Schreiben seien ihm aber oft die Tränen gekommen. Über das KZ Dachau befragt, antwortete Linner, dass er dies als gegeben hinnehme und ihm diese Zeit nun nicht mehr unter die Haut gehe. Dennoch habe er die Gedenkstätte nie besucht. Er habe Angst davor.

Hitler wurde damals gut dargestellt, meinte ein Schüler. Dies bejahte Linner und erklärte, dass der Führer gelobt und bejubelt wurde und man damals an ihn glaubte. Hitler sei aber einer der größten Verbrecher aller Zeiten gewesen. Hätte jemand etwas gegen den Führer gesagt, wäre der Kritiker schnell im KZ gelandet. Abschließend gab Linner den Jugendlichen noch einen Rat mit auf den Weg: »Finger weg vom Rechtsradikalismus, das bringt nur Kummer und Leid.« tb