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Nato startet größtes Manöver seit Kaltem Krieg

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Nato-Manöver "Trident Juncture" startet
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Nato-Großübung Norwegen – 11.10.2018, Norwegen, Fredrikstad: Mehrer Schützenpanzer "Marder" stehen nach ihrer Verschiffung für das Großmanöver der Nato in Norwegen "Trident Juncture" in einem RoRo-Schiff für den Abtransport zum Hafengelände von Fredrikstad bereit. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Wäre die Nato noch für einen Angriff Russlands gewappnet? Mit dem größten Manöver seit Ende des Kalten Krieges will das Militärbündnis in den kommenden Wochen ein Zeichen setzen. Die Bundeswehr spielt dabei eine Schlüsselrolle. Doch spielt die Ausrüstung mit?


Rund 50 000 Soldaten, 10 000 Fahrzeuge sowie Dutzende Kampfflugzeuge und Schiffe: Die Nato beginnt am kommenden Donnerstag das größte Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges. In Norwegen wird dann bis in den November hinein erstmals seit langem wieder groß für den sogenannten Bündnisfall trainiert. Dieser könnte ausgerufen werden, wenn einer oder mehrere der 29 Mitgliedstaaten von einem Gegner angegriffen würden. In der Folge müssten dann die anderen Alliierten gemeinsam Beistand leisten.

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»Um in einer unberechenbaren Welt Sicherheit zu garantieren, muss das Bündnis stark bleiben. Deswegen brauchen wir Training«, erklärte Generalsekretär Jens Stoltenberg jüngst an Bord eines US-amerikanischen Flugzeugträgers, der an dem Manöver »Trident Juncture« (Dreizack-Verbindung) teilnehmen wird. Zudem gehe es darum, mit dem «fiktiven, aber realistischem Szenario» mögliche Gegner abzuschrecken.

»Trident Juncture wird die klare Botschaft aussenden, dass wir bereit sind, alle Bündnispartner gegen jegliche Gefahr zu verteidigen«, so Stoltenberg. Um glaubhaft abschrecken zu können, müsse man die Stärke des Bündnisses zeigen.

Dass sich diese Botschaft vorrangig an Russland richtet, ist klar - auch wenn die politisch Verantwortlichen es selten explizit aussprechen. Für den sogenannten Bündnisfall war nach dem Ende des Kalten Krieges kaum noch intensiv geübt worden. Dann kam allerdings das Jahr 2014, in dem Russland sich die ukrainische Halbinsel Krim einverleibte und massiv mit der Unterstützung prorussischer Separatisten begann.

Seitdem drängen vor allem östliche Bündnispartner darauf, sich wieder besser für den Bündnisfall zu wappnen. Nach den Ereignissen in der Ukraine könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Russland auch in einem Nato-Land für Unfrieden oder sogar Krieg sorgen könnte.

Russland sieht die Lage dagegen genau andersherum. Das geplante Nato-Manöver trage zur Destabilisierung in der Region bei, erklärte jüngst Außenamtssprecherin Maria Sacharowa. Ohne Details zu nennen kündigte sie zudem an, dass Russland »die notwendigen Maßnahmen« ergreifen werde, um die eigene Sicherheit zu gewährleisten.

Unterstützung bekommt sie von der Linksfraktion im Bundestag. «Solches Säbelrasseln lässt die Situation in Europa weiter eskalieren», kommentiert der verteidigungspolitische Sprecher Tobias Pflüger. Statt Militärmanövern, bei denen Angriff und Gegenangriff geübt werden, seien jetzt »mutige Abrüstungsinitiativen und Rüstungskontrolle« nötig. Die Bundesregierung solle deswegen die deutsche Teilnahme an »Trident Juncture« absagen.

Bei der Nato und in der Bundeswehr wird hingegen darauf verwiesen, dass auch Russland zuletzt wieder intensiv für großformatige Konflikte trainiert hatte. An dem jüngsten Großmanöver Wostok (Osten) sollen nach Angaben aus Moskau knapp 300 000 Soldaten teilgenommen haben. Die Übung sei enorm groß gewesen, selbst wenn die Zahl vermutlich völlig übertrieben sei, heißt es in Brüssel.

In der Bundeswehr wird zudem auf das Vorsorgeprinzip verwiesen. »Wir schaffen ja auch nicht die Feuerwehr ab, nur weil es gerade nicht brennt«, heißt es dort. Wer im Krisenfall fit sein wolle, müsse dafür auch trainieren.

Die letzten Nato-Manöver, die größer waren als die bevorstehende Ausgabe von »Trident Juncture«, fanden nach Angaben von Nato-Diplomaten vor der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 statt. Damals gab es unter anderem noch die Manöverreihe »Return of Forces to Germany« (Rückkehr von Streitkräften nach Deutschland). An ihr waren bis zu 125 000 Soldaten beteiligt.

Als das bislang größte Nato-Manöver nach dem Ende des Kalten Krieges gilt die Übung »Strong Resolve« im Jahr 2002. Bei ihr waren rund 

40 000 Soldaten im Einsatz.

Für die deutsche Bundeswehr ist die Großübung eine besondere Bewährungsprobe. Sie stellt neben schweren Kampfpanzern, Jagdflugzeugen und Hunderten anderen Fahrzeugen rund 10 000 Soldaten und ist damit zweitstärkste Nation bei der Übung. Im kommenden Jahr wird sie zudem die Führung der schnellen Nato-Eingreiftruppe VJTF übernehmen. In Norwegen soll sie unter Beweis stellen, dass sie für die Aufgabe gerüstet ist.

In der ersten Runde des Manövers werden nach Bündnisangaben von Ländern wie Deutschland, Italien und Großbritannien gebildete »südliche Kräfte« einen Angriff von »nördlichen Kräften« abwehren. Letztere sollen unter anderem aus Truppen der USA, Kanadas und Norwegens bestehen. In der zweiten Runde sieht das Szenario dann einen Gegenangriff der »südlichen Kräfte« vor.

Bei dem Manöver gehe es darum zu zeigen, dass man in der Lage sei, schnell Kräfte innerhalb des Bündnisgebiets zu verlegen, erklärt Brigadegeneral Ullrich Spannuth (54), der im kommenden Jahr die VJTF führen wird. Zudem solle getestet werden, ob die Soldaten aus den unterschiedlichen Nationen in einer Gefechtssituation problemlos zusammenarbeiten können. So ist beispielsweise geplant, eine Flussüberquerung über eine deutsche Schwimmbrücke zu trainieren.

Sorgen, dass die Bundeswehr wie mehrfach in der Vergangenheit Negativ-Schlagzeilen durch schlechte Ausrüstung machen könnte, hat die Truppenführung nicht. »Wir haben alles, was wir brauchen«, sagt Spannuth. Selbst für den Fall, dass die Temperaturen bei der Übung tief unter den Gefrierpunkt fallen sollten, seien die Soldaten gut ausgerüstet.

Vor den deutschen Soldaten liegt dennoch eine harte Zeit. Zur Unterbringung ihrer Kameraden haben die norwegischen Gastgeber zwar in den zahlreichen Camps riesige beheizte Zelte aufgebaut. Wochenlang auf Privatsphäre zu verzichten und im Feldbett zu schlafen, ist aber dennoch kein Spaß. »Es ist ungeheuer spannend. Wir lernen hier enorm viel«, erzählt ein deutscher Soldat. »Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich froh sein werde, wenn ich vor Weihnachten wieder zu Hause bin.«