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Besser als ein Partner? Alleinerziehende gründen eine Mütter-WG

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Annika (l.) und Steffi zogen nach ihren Trennungen in eine gemeinsame WG – mit Kindern und Haustieren. Foto: Annika Rose

Zwei Frauen auf einer Terrasse, ein Glas Wein in der Hand. Grinsen, Kopfschütteln, Gelächter. Steffi und Annika hatten gerade beide ein Date und sind durch Zufall danach gleichzeitig nach Hause gekommen. Die Kinder schlafen an diesem Abend bei den Vätern. Nun erzählen sie sich gegenseitig, wie gut oder eben nicht gut es mit dem jeweiligen Mann gelaufen ist.


Steffi, 44 und Annika, 31, wohnen zusammen. Sie kennen sich, weil ihre Töchter, heute fünf und sechs Jahre alt, zusammen in den Kinderladen gingen. Gemeinsam mit anderen Müttern griffen sie sich von Anfang an unter die Arme. Mal nahm die eine die Kinder mit – mal die andere. Immer so, dass alle Frauen auch mal Zeit für sich und ohne Kinder hatten. Eine Solidargemeinschaft.

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Nach ihren Trennungen gründen beide Mütter eine Alleinerziehenden-WG

Als ungefähr zeitgleich Steffis und Annikas Beziehungen in die Brüche gingen, standen beide vor der Frage nach dem „Was nun?“ Steffi wohnte mit Hund und zwei Kindern in einem Haus mit Garten. Sie wusste: Allein würde sie es nicht halten können. Also fragte sie Annika, ob sie nicht mit ihrer Tochter und dem Hund einziehen wolle. Sie wollte – seit Mai 2018 wohnen sie nun zusammen in ihrer Alleinerziehenden-WG.

„Meine Mutter sah mich nach der Trennung schon einsam und arm mit Kind in einer schimmeligen Etagenwohnung sitzen“, erzählt Annika. Ihre Befürchtungen sind nicht wahr geworden und doch bedeutet es auch heute noch oft einen sozialen Abstieg, wenn eine Frau in Deutschland alleinerziehend wird.

2,4 Millionen Kinder in Deutschland leben bei nur einem Elternteil

Arbeitgeber begegnen Alleinerziehenden mit Skepsis, Vermieter bevorzugen Familien mit zwei Verdienern, das Armutsrisiko steigt. Laut Statistischem Bundesamt lag das Armutsrisiko 2016 von Alleinerziehenden bei knapp 33 Prozent, also doppelt so hoch wie im Durchschnitt deutscher Haushalte.

Und die Zahl der Eineltern-Familien steigt stetig an. 2017 gab es laut der Erhebung 1,5 Millionen Alleinerziehende in Deutschland, das heißt, es betrifft jede fünfte Familie. Insgesamt 2,4 Millionen Kinder leben hierzulande bei einem alleinerziehenden Elternteil.

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Die Kinder der beiden wachsen wie Geschwister auf. Foto: Annika Rose

Noch keine offiziellen Zahlen über Alleinerziehenden-WGs

Aus der aus dem Mikrozensus erhobenen Statistik geht auch hervor, dass es 2017 knapp eine Million „Lebensgemeinschaften mit Kindern“ gab. Hierin wurden aber nicht nur Mütter-WGs wie die von Annika und Steffi erfasst, sondern auch Haushalte, in denen zum Beispiel gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern leben.

Eine offizielle Erhebung, wie viele Alleinerziehenden-WGs es in Deutschland gibt, existiert bislang nicht. Die Wohnform ist noch nicht sehr bekannt oder im allgemeinen Bewusstsein verankert. Dabei bietet sie enorme Vorteile.

Alles wird geteilt – und Babysitter braucht es nicht

Die Anschaffungen für die Wohngemeinschaft, etwa für Elektrogeräte oder Mobiliar, halten sich in Grenzen, die Kosten können geteilt werden. Es braucht keine teuren Babysitter, weil in der Regel jemand da ist, der einspringen kann. Das gilt auch für den Fall, dass mal eine der Mütter krank wird.

Einen Kühlschrank musste Annika nicht extra anschaffen, weil er bei Steffi schon existierte. Die Miete teilen sich die zwei berufstätigen Frauen, einen Garten könnten sich beide ansonsten gar nicht leisten. Wenn die eine in den Supermarkt geht, kauft sie automatisch für die andere mit ein. Beim nächsten Mal läuft es dann umgekehrt. Und die Kinder wachsen wie Geschwister auf, auch sie sind nicht allein.

Wenn Steffi die Kinder abholt, setzt Annika schon mal das Nudelwasser auf oder geht eine Runde mit den Hunden. Strom und Nebenkosten teilen sie sich, nur getrennte Haftpflichtversicherungen haben sie sich „gegönnt“.

„Im Grunde leben wir wie in einer Beziehung – nur schöner“

„Das ist bei uns ganz anders als in einer Beziehung. Viel weniger emotional aufgeladen.“ Wenn Steffi mal einen Socken mitten im Raum liegen lasse, dann denkt sich Annika schlicht „Ach ja, die Steffi wieder“ und nimmt ihn einfach mit. „Bei meinem Partner hätte ich diese Socke gleich als persönlichen Affront gegen mich angesehen.“

„Im Grunde leben wir wie in einer Beziehung – nur schöner“, sagt Annika. Eine unaufgeräumte Küche sei nicht gleich eine Beziehungssache. Es fehle das Abhängigkeitsverhältnis und das mache das Zusammenleben leichter. Das Schönste aber sei, dass sie zwar manchmal allein seien, aber niemals einsam, wie viele andere Alleinerziehende. „Wenn ich mir vorstelle, abends nach einem anstrengenden Tag mit den Kindern allein auf der Couch zu sitzen und mich mit niemandem darüber austauschen zu können, wird mir ganz anders“, sagt Annika.

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Kuscheln muss sein: Annika sitzt mit den Hunden Wassily und Grayson auf dem Sofa. Foto: Annika Rose

Viele alleinerziehende Mütter sind einsam – und erschöpft

Für viele Alleinerziehende ist das jedoch Alltag. Sie schultern die Last der Verantwortung größtenteils allein, müssen jeden Entwicklungsschub der Kinder mit sich selbst ausmachen, jede Frage für sich beantworten. Der Alltag zwischen Kindererziehung und Erwerbsarbeit lässt kaum Zeit für Privatleben oder gar Auszeiten. Dabei schaden Stress und Einsamkeit nachweislich der Gesundheit.

Laut Müttergenesungswerk sind über zwei der insgesamt acht Millionen Mütter mit minderjährigen Kindern kurbedürftig, davon seien 26 Prozent alleinerziehend. Im Spagat zwischen Familie, Hausarbeit und Beruf litten sie unter Erschöpfung bis hin zum Burnout. Viele fühlen sich mutterseelenallein. Und auch Einsamkeit kann krank machen.

Tatsächlich steigt die Zahl der einsamen Menschen in Deutschland, wie eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts Harris Interactive aus dem Jahr 2014 ergab. Zwei von drei Menschen fühlen sich demnach in Deutschland mehr oder weniger einsam. Nur jeder dritte der 1200 befragten zwischen 16 und 85 Jahren gab an, „überhaupt nicht einsam“ zu sein.

Noch fehlt eine Plattform, die einsame Mütter in Kontakt bringt

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Verein „Wahlverwandtschaften“, der Begegnungsveranstaltungen für Einsame durchführt und eine Vermittlungsplattform für sie anbietet, der der wachsenden Vereinsamung in unserer Gesellschaft entgegenwirken soll.

Eine solche Plattform fehlt noch für Alleinerziehende, die sich vorstellen könnten, mit anderen Menschen in ähnlicher Lage eine WG zu gründen. Denn nicht jede hat nach der Trennung eine ebenfalls alleinerziehende Freundin vor Ort, die sich – wie bei Annika und Steffi – vorstellen könnte, in einer solchen Wohnform glücklich zu werden.

Das bemängelt auch Christine Finke, Journalistin, Buch-Autorin und Stadträtin in Konstanz. Sie selbst zieht ihre drei Kinder alleine groß und ist mit ihrem Blog mama-arbeitet.de zu einer prägenden Stimme der Alleinerziehenden in Deutschland geworden. Auch Finke kann sich das Modell der Mütter-WG für sich vorstellen und fordert dafür staatlich geförderten Wohnraum. Sie sagt: „Wenn der Bund ein Förderprogramm für Alleinerziehende-WGs auf die Beine stellen würde, das städtische Wohnbaugesellschaften abrufen könnten, dann wären Stadträtinnen wie ich in der Lage, Mehrheiten für ein solches Projekt zu suchen.“

Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum für Alleinerziehende

Ohne Fördergelder würde aber leider nichts passieren, das sei für die Wohnbaugesellschaften zu riskant. Alleinerziehende hätten nun einmal nicht das Geld, sich ganze Bauernhöfe zu auszubauen, um solche Projekte selbst anzustoßen. „Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, in dem wir leben und uns gegenseitig unterstützen können“. Denn Erwachsene bräuchten andere Erwachsene als Gesellschaft.

Einzelne Pilotideen wie das von der degewo in Berlin initiierte Projekt „JuLe“ gibt es schon, aber diese gehen nicht über einen Versuchscharakter hinaus. Mit „JuLe“ werden junge alleinerziehende Mütter und Väter beim Wohnen, Arbeiten und in der Kinderbetreuung unterstützt. Es ist das bislang einzige Projekt dieser Art in Berlin, seit 2012 konnten 26 jungen Menschen auf diese Art unterstützt werden.

Mütter-WG lebt nach Prinzip der „Offenen Tür“

Gegenseitige Unterstützung, bessere Vereinbarkeit, dazu ein Teilen der finanziellen und emotionalen Last – so gut sich das Modell der Mütter-WGs anhört, so hat es natürlich trotzdem auch Grenzen. Denn nicht alle haben das Glück, dass sie sich mit den Vätern der Kinder nach der Trennung noch so gut verstehen wie Annika und Steffi.

Ihre Ex-Partner kümmern sich immer noch um die Kinder, es gibt keine Konflikte in Sachen Unterhalt und beide haben schon immer das Prinzip „Haus der Offenen Tür“ gelebt. Sie sind sich in den meisten Dingen einig über die Erziehung, denn auch das könnte sonst im WG-Alltag zu Konflikten führen. Wie viel TV-Konsum ist erlaubt, wie viele Süßigkeiten, wann geht wer zu Bett?

Bürokratische Hürde über Untermietvertrag überwunden

„Man muss schon der WG-Typ dafür sein“, sagt Annika. Mit Menschen zusammenleben wollen, die nicht zur eigenen Familie gehören. Sich auf andere einlassen können, akzeptieren, wenn jemand Dinge anders macht als man selbst. „Wir haben ähnliche Werte, Vorstellungen und Erwartungen und auch die Kinder verstehen sich zum Glück sehr gut.“

Es gibt aber auch bürokratische Hürden: Wenn ein zweiter Erwachsener mit in der Wohnung lebt, egal ob es sich um eine Freundin, einen Partner oder einen Fremden handelt, kann sich die Steuerklasse ändern, weil die Person dann nicht mehr als alleinerziehend gilt. Dies lässt sich über einen Untermietvertrag regeln, wie es Annika und Steffi gemacht haben – oder über einen Nachweis, dass tatsächlich getrennt gewirtschaftet wird.

Was, wenn sich die Lebenssituation ändert?

Neben der Bürokratie braucht es aber auch Vermieter, die ein solches Modell nicht von Anfang an ablehnen. Ähnliche Jobsituationen der WG-Mitglieder, um sich diesen gemeinsamen Standard des Wohnens leisten zu können. Schwierig könnte es auch werden, wenn eine sich plötzlich verlieben und einen neuen Partner mit in die Konstellation bringen würde.

„Zum Glück hat es bislang bei uns noch mit keinem Date geklappt“, lacht Annika. Im Moment kann sie sich das auch nicht ernsthaft vorstellen. Sie ist so glücklich wie lange nicht. „Eigentlich kommt nichts an das ran, was wir hier zusammen aufgebaut haben.“

Dieser Beitrag wurde von Lisa Harmann verfasst und ist zuerst im Kölner Express erschienen: „Besser als ein Partner“Er ist Teil der Konstruktiv-Journalismus-Serie „Allein unter vielen“ und erscheint auch auf anderen Portalen des Partner-Netzwerks Burda Forward.