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Viel Schnee heißt nichts

Klimawandel bedroht Skitourismus in Alpen

Meterhoher Schnee in den Alpen: Nach jahrelangen Sorgen wegen Schneemangels ist das süße Musik in den Ohren von Skifahrern, Lift- und Hotelbetreibern. Aber der langjährige Klimatrend bleibt gleich: weniger Schnee, höhere Temperaturen. Radikales Umdenken ist nötig.

Schnee in Zermatt
Alpenforscher Bätzing gibt dem klassischen Wintertourismus in den Alpen nur noch rund 20 Jahre. Foto: Mateusz Bocian/KEYSTONE Foto: dpanitf3

Genf (dpa) - In diesem Winter gibt es Schnee satt in den hoch gelegenen Skigebieten der Alpen. Die Betreiber freuts. Doch die Freude dürfte nur von kurzer Dauer sein.

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So gibt der deutsche Alpenforscher Werner Bätzing dem klassischen Wintertourismus mit Abfahrtsski in den Alpen nur noch rund 20 Jahre. «Teils wird heute schon mit großem Aufwand künstlich beschneit, etwa 15 Jahre lang mag das mit immer höheren Kosten noch gehen, ab in 20 Jahren nicht mehr», sagt er.

Auch der Klimatologe Christoph Marty vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos bezeichnet den vielen Schnee in den Alpen in diesem Winter als Laune der Natur. Am langfristigen Trend ändere das nichts. «Der Temperaturanstieg ist zu dominant. Die letzten drei Winter waren massiv zu warm», sagt er. Auch der Winter 2017/2018 werde wohl wärmer als das langfristige Mittel. Zudem habe es nur in hohen Lagen viel Schnee gegeben, in tieferen Lagen nicht. Die Winter würden zwar langfristig niederschlagsreicher. «Aber auch dort oben gibt es immer mehr Tage, die so warm sind, dass der Niederschlag als Regen und nicht als Schnee fällt.»

Um 70 Prozent dürfte der Schnee in den Alpen bis Ende des Jahrhunderts zurückgehen, hat Marty in einer Studie gezeigt: «Je tiefer die Lage, desto deutlicher der Trend.». Auf 300 bis 800 Metern habe es seit Anfang der 1990er Jahre nur drei Jahre mit mehr Schnee als im langfristigen Mittel gegeben, alle anderen hätten weniger gehabt. «Vor 15 Jahren waren die Skigebiete noch stark von natürlichem Schnee abhängig, heute wären viele ohne künstlichen Schnee schon nicht mehr schneesicher.»

Künstliches Beschneien - für die österreichische «Allianz Zukunft Winter» der betroffenen Touristiker ist das die Antwort. «Schnee ist ganz einfach die Geschäftsgrundlage», heißt es in einem aktuellen Strategiepapier. Die Milliardeninvestitionen der Seilbahnbetreiber hätten sich als einzig richtige Maßnahme bestätigt.

Den Skitourismus künstlich durch Schneekanonen aufrechtzuerhalten, belaste das Klima durch klimaschädlichen CO2-Ausstoß zusätzlich, sagt aber Marty: «Die künstliche Beschneiung kommt eher nicht aus erneuerbaren Ressourcen.»

Dennoch setzt Frankreich, mit geschätzt 8000 Pistenkilometern der größte Abfahrtsanbieter der Alpen vor Österreich mit 6800 Kilometern und der Schweiz mit 5800 Kilometern auf den Ausbau der Pisten. Und den chinesischen Markt. Der Skipistenbetreiber Compagnie des Alpes umwirbt den chinesischen Konzern Fosun, dem die Club Med-Familie gehört.

«Bis 2022 sollen 300 Millionen Chinesen Ski fahren können - das wären so viel wie alle Skifahrer in Europa zusammen», sagt Bätzing. Er warnt vor «einer ökologischen Katastrophe». Denn einfach Stilllegen geht bei den Beschneiungsanlagen nicht, wenn der Abfahrtstourismus eines Tages nicht mehr läuft. «Die Speicherbecken, von denen Hunderte in Höhen zwischen 1800 und 3000 Metern gebaut wurden, um Pisten künstlich beschneien zu können, müssten zurückgebaut werden, damit sich das Wasser dort nicht unkontrolliert staut und dann als Flutwelle ausbricht.» Das Renaturieren der Skigebiete sei ein riesiger Aufwand.

In den Köpfen müsse ein anderes Winterbild geschaffen werden, fordert Bätzing. Er wirbt für sanften Wintertourismus mit Wandern, selbst Radfahren. «Dafür braucht man keine technische Infrastruktur und kein großes Kapital.» Die Orte könnten Brauchtum zeigen: Feuerradschlagen, Umzüge mit Masken wie die Perchten, oder Umzüge mit Schreckgestalten wie bei den Krampusläufen.

Die Schweiz und Österreich bieten schon Winterferien ohne Ski. «Es gibt schon jetzt Angebote, da kommt kein Schnee mehr vor. Wir werben da mit Erholung, Romantik, Kulinarik und Genuss», sagt Ulrike Rauch-Keschmann, Sprecherin der Österreich-Werbung. «Der Schnee spielt beim Buchen eine große Rolle. Im eigentlichen Urlaub ist es am Kaminfeuer nicht so wichtig, wie dick die Schneedecke draußen ist.»

Nach einer Marktanalyse der Schweizer Bank Credit Suisse gab es im Winter 2016/17 gut ein Viertel weniger Skifahrertage in der Schweiz als 2007/08. Sie schätzt, dass schon 2035 nur noch eine Minderheit der Skigebiete ohne künstliche Beschneiung schneesicher sei. Weil die Schweizer Skigebiete höher längen als etwa die in Österreich, verbessere sich die Marktposition der Schweizer womöglich vorübergehend. «Ob dies die insgesamt negativen Auswirkungen der Erderwärmung zu kompensieren vermag, ist jedoch fraglich.»

Nach den schneearmen Wintern in den Alpen haben Länder wie Norwegen die Werbetrommel für ihre Skigebiete gerührt. Aber 2016/17 gab es dort auch so wenig Schnee wie seit den 50er Jahren nicht mehr. Sogar Kindergärten schafften Schneekanonen an - denn noch ist ein Winter ohne Skifahren auch für die kleinsten Norweger undenkbar. Auch in Tschechien müssen die 170 Skipisten vor allem zu Beginn der Saison immer öfter künstlich beschneit werden. Der mehrmals und zuletzt 2014 wegen Schneemangels ausgefallene Langlaufklassiker «Isergebirgslauf» startet in der Hoffnung auf bessere Verhältnisse nun erst im Februar.