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Anfahren gegen den Abschwung: Lkw-Welt gespalten

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IAA Nutzfahrzeuge 2012
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Nach Monaten einer vielversprechenden Aufholjagd zum Ende der Weltwirtschaftskrise wagt die Nutzfahrzeug-Branche zum Auftakt ihrer internationalen Leitmesse IAA Nutzfahrzeuge in Hannover nur verhalten optimistische Prognosen Foto: Emily Wabitsch Foto: dpa

Hannover (dpa) - Die Aussichten für Europas Nutzfahrzeugbauer scheinen ungewisser denn je. Die schwere Absatzkrise in der Heimat schraubt die Bedeutung der wichtigen Wachstumsmärkte in Übersee nach oben. Das wird je nach Aufstellung zum Vor- oder Nachteil.


Nach einer vielversprechenden Aufholjagd zum Ende der Weltwirtschaftskrise wagt die Branche daher zum Auftakt ihrer internationalen Leitmesse IAA in Hannover nur verhalten optimistische Prognosen. Einen möglichen Abzug von Teilen der Produktion aus Europa schließen die Hersteller aus.

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Der regional eher unabhängige Branchenprimus Daimler ist trotz schwankender globaler Märkte nach zwei Dritteln des laufenden Jahres mit einem klarem Plus unterwegs. In den ersten acht Monaten seien ein Fünftel mehr Laster als im Vorjahreszeitraum verkauft worden, teilte der Konzern zum Start der IAA-Medientage mit. «Starke Märkte können auf globalem Niveau schwächere ausgleichen», erklärte Spartenchef Andreas Renschler. Die gesamtwirtschaftliche Anspannung in Südeuropa treffe Daimler dank des starken Nordeuropa-Absatzes weniger.

«Der Standort Europa ist noch sehr, sehr lange sicher», sagte Renschler, der auch Vorstandsmitglied der Nutzfahrzeug-Abteilung beim europäischen Branchenverband Acea ist. Er hält es für den falschen Ansatz, aus Kostengründen außerhalb der EU zu produzieren. Nötig sind aus Sicht des Acea aber flexible Emissionsnormen für Gütertransporte und eine EU-weit einheitliche Regelung für überlange Lkw.

Eine Prognose für 2013 wagte der Daimler-Manager nicht. Doch auf lange Sicht sagte Renschler der Branche eine gute Zukunft voraus: «Für 2020 wird ein Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts um rund 30 Prozent im Vergleich zu heute erwartet. Und wenn die Wirtschaft wächst, steigt bekanntlich auch der Transportbedarf.» Mit einem windschnittigen Sattelschlepper will Daimler einen besonders sparsamen Lastzug auf die Straße bringen. Auch Konkurrenten erhoffen sich von umweltfreundlichen Technologien zusätzlichen Umsatz.

Die Nutzfahrzeug-Tochter von Volkswagen (VWN) kann auch gegen den Trend einer bröckelnden Nachfrage in vielen Ländern West- und Südeuropas weiter zulegen. Bis Ende August lieferte sie 362 200 Modelle aus. Das waren 5,6 Prozent mehr als in den ersten acht Monaten des Vorjahres, wie Markenchef Eckhard Scholz sagte.

Dabei erhöhte VWN auch in westeuropäischen Ländern die Verkäufe leicht: Sie stiegen um 2 Prozent auf 189 000 Lieferwagen, Transporter und Pickups. «Aber wir sind uns bewusst, dass die kommenden Monate schwieriger und fordernder werden können», schränkte Scholz ein. Auch VWN setzt mittel- bis langfristig auf ergänzende Elektroantriebe.

Die VW-Tochter MAN bangt angesichts der Absatzkrise auf Europas Nutzfahrzeugmärkten um die weitere Entwicklung. Insgesamt sieht sich das Unternehmen aber gegen Einbrüche gewappnet: «Die augenblickliche Situation ist gemischt», sagte der neue Chef der MAN-Lastwagensparte, Anders Nielsen. Regionen wie der Nahe Osten oder Russland könnten die schwache Nachfrage in Südeuropa nur teils auffangen.

«Wir erwarten aber, dass die bevorstehenden Jahre in Europa dynamisch werden», betonte Nielsen. Bis Ende August hätten die weltweiten Verkäufe zwischen 90 000 und 100 000 Lastwagen und Bussen gelegen, berichtete Vertriebschef Frank Hiller. Es gebe allerdings Unsicherheiten, ein Rückgang des Absatzes sei denkbar. Die Euro-Schuldenkrise und die Probleme auf dem für MAN traditionell wichtigen Markt Südamerika hatten den Münchnern im zweiten Quartal in finanzieller Hinsicht bereits ins Fleisch geschnitten.

Dagegen ist der Lkw- und Maschinenbauspezialist in den Vereinigten Staaten, wo die Konkurrenten Daimler und Volvo zuletzt zulegten, nicht vertreten. Dort gebe es noch «viel unerschlossenes Potenzial», sagte Nielsen. «Momentan haben wir aber keine konkreten Pläne, wir führen keine Verhandlungen.» Zuletzt hatte es Spekulationen gegeben, die VW-Gruppe könne sich in Nordamerika zum Beispiel mit dem Anbieter Navistar verstärken und damit vor allem Daimler die Stirn bieten.

Unterdessen sehen andere Wettbewerber selbst in Westeuropa noch Luft nach oben. So will der niederländische Lkw-Bauer DAF seine Position auf dem europäischen Markt in den kommenden Jahren ausbauen. Angestrebt wird, den Marktanteil von 16 auf 20 Prozent steigern.

Auch bei den Zulieferern ist die Gefühlslage eher gemischt. Continental beurteilt die Situation ähnlich wie viele: «Europa bleibt schwach, eher auf Stagnation und insgesamt rückläufig. Vor allem für Nordamerika, aber auch für Asien unterstellen wir dagegen nach wie vor Wachstum», sagte Conti-Reifenvorstand Nikolai Setzer der dpa.

Daneben setzt der Konzern aus Hannover auf Umwelttechnologien. In einem neuen Recyclingwerk sollen gebrauchte Bus- und Lkw-Reifen auf Vordermann gebracht werden. Mehr als zehn Millionen Euro will Conti in die Kombination aus Recycling- und Produktionsstätte investieren, in der von 2013 an über 100 Arbeitsplätze entstehen sollen.

Mit spritsparenden Technologien für Nutzfahrzeuge will auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch den schwächelnden Märkten in Europa und China trotzen. So arbeiten Entwickler an einem Hybridantrieb für Laster, die mehr als zwölf Tonnen wiegen. Er soll bis zu sechs Prozent Kraftstoff sparen und bis spätestens 2020 auf dem Markt sein.

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