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Expertin zu «Neknomination»: Jugendliche wollen digitalen Applaus

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Eimersaufen
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Trinkspiele wie Eimersaufen am Strand gibt es schon lange. Eine gefährliche Neuvariante heißt «Neknomination» auf Facebook. Foto: Julian Stratenschulte/Symbolbild Foto: dpa

London/München (dpa) - In sozialen Netzwerken macht ein Trend die Runde: Das Trinkspiel «Neknomination». Jugendliche trinken auf spektakuläre Weise Alkohol auf Ex, filmen sich dabei, stellen das Video online, und nominieren drei Freunde, es ihnen nachzutun.


Experten warnen vor Gesundheitsgefahren. Den «Zwang der Masse» gab es schon immer, doch durch das Internet sei er zunehmend weniger zu regulieren, sagt Medien- und Jugendforscherin Ulrike Wagner in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

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Frage: Warum begeben sich die Jugendlichen in diese waghalsigen Situationen?

Antwort: Dies lässt sich mit einem Blick auf jugendliches Aufwachsen erklären, zu dem als Erwartungshaltung durchaus auch gehört, Tabus zu brechen und Wagemut zu beweisen. Um sich selbst auszuprobieren und dabei Anerkennung von anderen Menschen zu bekommen, werden Grenzüberschreitungen gewagt und derart riskante Dinge getan. In extremen Fällen sind das Ergebnis dann solche Aktionen, die aus einer Kombination von Gruppendruck und riskantem Verhalten eine äußerst gefährliche Mischung ergeben.

Frage: Alkohol spielt eine große Rolle. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Antwort: Alkohol zu trinken ist gerade für Jugendliche attraktiv, weil er teilweise zu dem noch Verbotenen gehört und den Status des Erwachsenseins vorwegnimmt. Die Jugendlichen machen dabei gleichzeitig die Erfahrung, dass durch den Alkoholkonsum die Hemmschwellen erheblich gesenkt werden. Dies ist dann ein beeinflussender Faktor, dass Jugendliche als Mutprobe vor laufender Kamera nicht nur völlig sinnlos Alkohol in sich hineinschütten, sondern auch noch halsbrecherische Aktionen dabei ausführen.

Frage: Können Sie einschätzen, was Jugendliche hinsichtlich des Gruppenzwangs in Zukunft noch riskieren werden?

Antwort: Ein Blick in die Zukunft ist kaum möglich. Aber festzustellen ist, dass gerade Jugendliche, denen die Anerkennung durch andere sehr wichtig ist und die «dazugehören» wollen, sich auch eher unter Druck setzen lassen. Diesen Gruppendruck gab es ja immer schon unter Jugendlichen. Neu ist, dass mit der Veröffentlichung im Internet dieser Druck nur schlecht zu regulieren ist.

Fragen: Das Internet ermöglicht es heute jedem, sich und sein Tun öffentlich zu machen. Ist das der Grund für die vielen ungesunden Internetphänomene, die wir beobachten?

Antwort: Das eigene Handeln öffentlich zu machen passiert ja aus einer ganz bestimmten Motivation heraus: Jugendliche wollen sich selbst darstellen und wollen gleichzeitig auch Bestätigung, also den digitalen Applaus ihrer Peers, abholen. Dazu bieten sich Facebook und Co. natürlich in besonderer Weise an. (...) Die Menge derer, die solche «Mutproben» schon absolviert haben, erhöht den Druck mitzumachen und immer mehr zu wagen. Diese Macht der Masse ist nicht neu, wird aber durch die sozialen Netzwerkdienste zusätzlich verstärkt.

ZUR PERSON: Jugend- und Medienforscherin Dr. Ulrike Wagner ist seit 2010 Direktorin des «JFF-Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis» in München. Ihre Fachgebiete: Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Medien und Medienkonvergenz, Mediensozialisationsforschung in sozial und bildungsbenachteiligten Milieus, Partizipationsforschung, Methoden der Kindheits- und Jugendforschung.