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Streit um Umzug der Berliner Gemäldegalerie

Berlin (dpa) - Von Markt- und Lobbyinteressen ist die Rede, es fallen Wörter wie «unverantwortlich» und «anachronistisch»: Die Berliner Museen planen, die Alten Meister aus der Gemäldegalerie am Potsdamer Platz auf die Museumsinsel zu verlegen.

Gemäldegalerie
Die Gemäldegalerie soll auf die Museumsinsel ziehen. Foto: Maurizio Gambarini/Archiv Foto: dpa

Stattdessen soll am Potsdamer Platz mit der Sammlung Pietzsch ein Museum des 20. Jahrhunderts entstehen. Mit der Entscheidung, 10 Millionen Euro für den Ausbau der Galerie zum Ort der Moderne zu vergeben, hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) eine Rochade mit offenem Ende eingeleitet.

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Der Museumsplan sorgt für heftige Kritik. Unter einem von Kunsthistorikern gestarteten Protestbrief stehen schon mehr als 4500 Unterschriften. Die Wochenzeitung «Die Zeit» titelte gar «Rettet die Gemäldegalerie!» Denn für eine Umwidmung der Gemäldegalerie müssten die Bestände - darunter große Werke von Rembrandt, Caravaggio, Dürer und Cranach - zunächst in das Bode-Museum ziehen. Erst in einem Anbau gegenüber bekämen beide Sammlungen wieder ausreichend Platz. Kunsthistoriker befürchten deshalb, dass bis auf weiteres viele Werke in den Depots verschwinden.

Galerie-Direktor Bernd Lindemann kann zwar diese Sorge nachvollziehen. Er will aber unbedingt an eine Berliner Tradition anknüpfen. Vor mehr als 100 Jahren hatte Wilhelm von Bode die Mischpräsentation von Malerei und Skulptur durchgesetzt. Lindemann spricht von einem «Dialog», das Konzept einer reinen Pinakothek will er aufgeben.

Dabei wurde 1998 die Gemäldegalerie am Kulturforum an der einstigen Mauer im Westen der Stadt mit viel Geld gebaut. Wegen der Qualität ihrer Bestände wird sie heute von Fachleuten in einem Atemzug mit dem Louvre in Paris und dem Prado in Madrid genannt. Die Architekten Hilmer&Sattler schufen dafür ein Kunsthaus, das weltweit als Vorbild gilt. Um eine weiträumige Säulenhalle gruppieren sich wie in einer Basilika Säle und Kabinette. Durch die gläserne Decke fällt Naturlicht auf die prächtigen Farben. Der Besucher hat viel Platz, sich auf dieses europäische Panorama zwischen Flandern und Florenz einzulassen.

Doch die Gemäldegalerie hat auch ein Besucherproblem. Nur 277 000 Menschen haben im vergangenen Jahr das Kulturforum besucht, beim Pergamonmuseum waren es mehr als viermal so viele. Wenige hundert Meter entfernt am Potsdamer Platz tobt das Leben, in der Gemäldegalerie ist davon nicht viel zu spüren.

Denn der Weg dahin ist für Touristen nicht leicht. Wohin die schräge Zugangsfläche führt, sehen Passanten nicht auf Anhieb. Wie ein grauer Eisberg ragt das Gebäude aus dem Boden. Mit dem Umzug auf die Museumsinsel mit Attraktionen wie der Nofretete und dem Pergamonaltar, könnten die Alten Meister mehr Zulauf bekommen, so das Kalkül. Neumann hat bisher aber nur Geld für den Umbau der Gemäldegalerie zugesagt. Woher die 150 Millionen Euro für den Neubau am Bode-Museum kommen sollen, ist ungewiss.

Das Ehepaar Heiner und Ulla Pietzsch wird seine Sammlung mit Werken des Surrealismus von Max Ernst bis Mark Rothko den Museen nur dann schenken, wenn dafür auch ein angemessener Ort geschaffen wird. Zusammen mit Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie soll deshalb das Kulturforum die moderne Kunst vereinigen, auf der Museumsinsel sollen die Klassiker warten.

Es wäre nicht der einzige Hort der Moderne in Berlin. Neben der Sammlung Berggruen, die am Schloss Charlottenburg die Impressionisten zeigt, dem Surrealisten-Museum Scharf Gerstenberg gegenüber und dem Hamburger Bahnhof haben die Berliner Museen schon drei Häuser für private Sammler geschaffen.

Der Verband deutscher Kunsthistoriker vermutet in der auf 150 Millionen Euro bewerteten Pietzsch-Kollektion angesichts heutiger Auktionspreise allenfalls eine Handvoll höchstrangiger Werke. Sie repräsentiere eine schmale Epoche innerhalb des 20. Jahrhunderts. Mit dem Umzug drohe eine Sammlung von erlesenster Kunst aus ihrer Heimstatt vertrieben zu werden, ohne dass die Finanzierung für einen Ersatz auch nur in Konturen sichtbar wäre, kritisieren die Experten.

Peter Raue, der frühere Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, sieht dagegen eine einmalige Chance, der Kunst des 20. Jahrhundert wieder zur Geltung zu bringen. Der Anwalt hatte Ende 2010 den Schenkungsvertrag für die Sammlung Pietzsch an Berlin ausgehandelt. Das Ehepaar Pietzsch schließt ein Scheitern der Schenkung indes nicht aus. «Wenn das ganze Ding platzt», sagte Pietzsch der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», «dann freuen sich meine Erben. Die werden mit meinen Bildern viel Geld verdienen.»

Offener Brief an Neuemann