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Saison-Auftakt

Intendant Oliver Reese: Das Ensemble ist der Star

Nach dem Neustart an der Berliner Volksbühne beginnt auch am Berliner Ensemble die neue Saison mit einem neuen Intendanten. Oliver Reese erzählt von Lampenfieber, Stars und seinen Eröffnungspremieren.

Oliver Reese
Für den neuen Intendanten des Berliner Ensemble Oliver Reese beginnt die erste Saison. Im Mittelpunkt stehen sollen Gegenwartsthemen und -autoren. Foto: Wolfgang Kumm Foto: dpanitf3

Berlin (dpa) - Nach 18 Jahren hat Claus Peymann den Chefsessel am Berliner Ensemble geräumt. Sein Nachfolger Oliver Reese (53) setzt auf Zeitgenössisches und sagt im Interview der Deutschen Presse-Agentur: «Die Schauspieler sind das Nonplusultra.»

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Frage: Wie werden die Stücke des neuen Berliner Ensembles aussehen?

Antwort: Es wird Gegenwartsthemen und Gegenwartsautoren geben. Wir zeigen 17 Stücke im ersten Jahr, und 12 davon sind von lebenden Autoren geschrieben. Man soll klar erkennen, dass es an diesem Theater um uns geht - weniger um Form, mehr um Themen.

Frage: Und um was geht es thematisch bei den drei Eröffnungspremieren?

Antwort: Das Thema von Camus' «Caligula» mit Constanze Becker in der Titelrolle und inszeniert von Antú Romero Nunes ist sicher nicht Donald Trump - aber es geht um die Grenzen einer Ethik von Macht. Die Herrscherfigur Caligula probiert jede Grenzüberschreitung aus, um zu gucken, wie weit er denn gehen kann. Das erinnert uns schon an den Irrwitz unserer Gegenwart.

Unser neuer Hausregisseur Michael Thalheimer ist im Eröffnungsreigen mit Brechts «Der kaukasische Kreidekreis» dabei. Das ist auch eine Verneigung vor dem berühmtesten Hausherrn des Berliner Ensembles, Bertolt Brecht. Mit «Der kaukasische Kreidekreis» eröffnete Brecht 1954 das Theater neu. Aber wir zeigen das Stück vor allem, weil es fragt: Wem gehört eigentlich was? Was ist Eigentum? Was ist der wahre Besitz? Thalheimer interessiert dabei vor allem der Kreuzweg der Magd Grusche, gespielt von Stefanie Reinsperger, die damit ihr Berlin-Debüt gibt. Die Slowenin Mateja Koleznik inszeniert mit dem Beziehungsdrama «Nichts von mir» des Norwegers Arne Lygre ein zeitgenössisches Drama zum Start in unserem neuen Kleinen Haus. Das Stück ist extrem intim und ziemlich finster.

Frage: Wie wichtig ist es für ein Theater, immer wieder auftretende Schauspielstars zu haben?

Antwort: Stars - das Ensemble ist der Star. Die Schauspieler sind das Nonplusultra. Sie sind zentral. Alle Regie- und Dramaturgiekonzepte sind doch nichts, wenn die Schauspieler nicht brillant und souverän genug sind, sie zu tragen. Mein Credo ist: Am allerschönsten ist es, wenn die Schauspieler nach einer genauen Probenzeit dann das machen, was man nicht verabredet hat. Und am Abend heben sie ab, fliegen und spielen einfach. Und die Schauspieler sind es, wegen denen die Zuschauer ins Theater kommen. Neben spannenden Themen...

Frage: Den klassischen Klassikern erteilen Sie mit Ihrem Konzept für zeitgenössische Dramatik erstmal eine Absage?

Antwort: Die Meisterwerke der dramatischen Literatur haben die Jahrhunderte überdauert, weil sie Meisterwerke sind. Aber es kann doch nicht die Frage sein: Wie erzählen wir die immer gleiche Geschichte neu? Wir gehen ja auch nicht ins Kino und gucken uns permanent neue Remakes von «Vom Winde verweht an». Dieses Mal von Christian Petzold mit Nina Hoss und Jürgen Vogel. Das nächste Mal von Steven Spielberg mit Nicole Kidman und Robert De Niro. Wir versuchen auch nicht die ganze Zeit, Fontanes Roman «Effi Briest» auf heute zu beziehen. Aber Sie sehen ja, wir spielen auch Camus und natürlich immer wieder auch Brecht.

Frage: Werden Sie am ersten Eröffnungsabend Lampenfieber haben?

Antwort: Na, klar! Das haben wir alle. Ich gehöre allerdings zu den Intendanten und Regisseuren, die in ihre eigenen Premieren gehen.

Frage: Haben Sie sich schon einen Platz im Theater ausgesucht?

Antwort: Ja, ich probiere mal eine Loge hinten rechts aus. Ich sitze auf gar keinen Fall vorne. Aber ich bin nicht festgelegt auf einen Platz. Es ist wichtig, mit im Saal zu sitzen. Man spürt sofort die Energie der Zuschauer und was vom Stück bei den Zuschauern ankommt.

Frage: Nach dem Weggang von Claus Peymann hatten Sie als neuer Chef am Berliner Ensemble kürzlich eine ungewöhnliche Housewarming-Party mit allen Mitarbeitern...

Antwort: Ungewöhnlich? Ungewöhnlich war vielleicht nur, dass bereits beim ersten Zusammensein so viele Mitarbeiter, auch aus allen technischen Gewerken, samt Familien gekommen sind. Oder meinen Sie die kleine «Energetisierungs-Aktion», die es, anders als die Wahrsagerin, die auch da war, in die Zeitungen geschafft hat? Ich darf Ihnen natürlich nicht verraten, was sie mir persönlich gesagt hat. Aber ich habe sie nicht nach professionellen Dingen gefragt, denn das kann ich halbwegs selbst einschätzen. Das Ganze hatte natürlich ein gehöriges Augenzwinkern, wenn man sagt: Vielleicht tut dem Theater am Anfang ein Entstörer ganz gut, das haben auch alle vor Ort verstanden.

ZUR PERSON: Oliver Reese wurde 1964 in Schloss Neuhaus bei Paderborn geboren. In Berlin ist der Theatermann kein Unbekannter. Von 1994 bis 2001 war Reese Chefdramaturg am Berliner Maxim Gorki Theater. Danach wurde er Chefdramaturg und Stellvertretender Intendant unter Bernd Wilms am Deutschen Theater Berlin. Dort arbeitete er unter anderem mit Regisseuren wie Hans Neuenfels, Robert Wilson, Michael Thalheimer und Jürgen Gosch. In der Spielzeit 2008/09 war Oliver Reese Intendant am Deutschen Theater Berlin. Ab der Spielzeit 2009/10 leitete er das Schauspiel Frankfurt.

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