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«I'm Your Man»: Das Leben des Leonard Cohen

Berlin (dpa) - Erst vor ein paar Wochen war er noch einmal in Deutschland, auch in der Berliner Waldbühne. Im dunklen Anzug, etwas altmodisch, mit Hut natürlich, schmal und zierlich geworden mit den Jahren. Elegant wie immer, seit er vor fast einem halben Jahrhundert zum ersten Mal eine Bühne betrat.

Leonard Cohen
Melancholisch, rätselhaft, zeitlos: Leonard Cohen. Foto: Paul Bergen Foto: dpa

Inzwischen ist Leonard Cohen 78, und immer noch auf Tour. Erstaunlich daran ist unter anderem, dass er Tourneen nie gemocht hat, jedenfalls für ganz lange Zeit. Das und noch viel mehr erfährt der Leser in Sylvie Simmons Biografie: «I'm Your Man. Das Leben des Leonard Cohen.»

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Behutsam und mit sehr viel Zeit führt uns Simmons heran an dieses Künstlerleben. Sie erzählt, dass Cohen am 21. September 1934 um 06.45 Uhr im kanadischen Montreal geboren wurde. Wollen wir es wirklich so genau wissen? Diese Frage stellt man sich öfter bei der Lektüre der mehr als 700 Seiten. Und doch entzieht sich dieser Mann manchmal allen Erklärungen. «Der Einsatz von Nebelkerzen hat ihm schon immer gefallen», heißt es bereits im Prolog.

Cohen wurde in eher großbürgerlichem Ambiente groß, in einer der wohlhabenden jüdischen Familien Montreals. «Mädchen und Schreiben, das waren die beiden Dinge, die den jugendlichen Leonard mit Abstand am meisten beschäftigten», heißt es später. Er nähert sich der Dichterszene in Montreal, erhält ein paar Preise für seine Lyrik und macht sich 1956, mit 21, schließlich auf nach New York.

Sein erster Gedichtband wird nur 400 mal gedruckt, was uns dem eigentlichen Motiv für Cohens Sängerkarriere auf die Spur bringt: Er bleibt als Dichter relativ erfolglos, jedenfalls kann er davon nicht leben. Die erste Zeit in New York ist von Geldmangel gekennzeichnet, von Einsamkeit, und von den ersten Schüben einer Depression, die ihn sein Leben lang nicht loslassen soll.

Elf lange Jahre später, am 26. Dezember 1967, kommt das erste Album «Songs of Leonard Cohen» in die Läden. «Suzanne», «Sisters of Mercy» und «So long, Marianne» sind darauf zu hören. Das Album ist ein mäßiger Erfolg, in Europa besser aufgenommen als in den USA. Man vergleicht Cohen mit Bob Dylan, aber die Amerikaner ziehen Dylan vor.

Immerhin ist er nun mittendrin in der Folkszene, er hat ein Affäre mit Joni Mitchell, eine mit Janis Joplin. Cohen wohnt inzwischen im Chelsea Hotel, veröffentlicht das zweite Album «Songs From A Room». Im Juli 1970 hat er seinen legendären Auftritt beim Festival auf der Isle of Wight. Er ist nun doch so etwas wie ein Superstar, was die Depressionen nicht verscheucht, die er mit Alkohol, Drogen und vielen Frauen zu zähmen versucht.

Ungefähr in diese Zeit fällt der erste Kontakt mit dem Buddhismus und mit dem Zen-Lehrer Joshu Sasaki Roshi. Aber erst viele Jahre später, im Sommer 1993, folgt er seinem Lehrer in das Kloster Mount Baldy bei Los Angeles. Dort wird er zum Mönch, erhält den Namen Jikan - der Stille. Als er über fünf Jahre später das Kloster verlässt, ist er 64 Jahre alt.

Zwei neue Alben und noch ein paar Jahre später, im Oktober 2004, erfährt Cohens Leben eine neue und zunächst extrem unangenehme Wendung. Seine Angestellte Kelley Lynch, mit der er natürlich auch einmal eine Affäre hatte, hat ihn um zehn bis 13 Millionen Dollar betrogen, so genau weiß man das nicht. Das Geld ist weg. Da gibt es nur einen Ausweg: Am 11. Mai 2008 findet das erste Konzert seiner neuen Tournee statt. Und seitdem ist Cohen wieder unterwegs.

«Biografien haben viel mit Detektivgeschichten zu tun», schreibt Simmons, «auch wenn es keine Leichen gibt». Die renommierte Musikjournalistin hat umfassend recherchiert, und natürlich hat sie auch mit Cohen gesprochen. Dass die direkten Zitate des Meisters eher weniger erhellend sind, ist nicht die Schuld der Autorin. Der Mann, der längst eine lebende Legende ist, will eines bestimmt nicht sein: ein offenes Buch.

(Sylvie Simmons, I'm your man, Das Leben des Leonard Cohen, btb Verlag, München, 752 S., 24,99 Euro, ISBN 978-3-442-75292-8)