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Nur eine Packung Kreide im Monat

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Sophia Wagner (links) und Anna Leonie Birkholz wollen mit ihrem Verein Nafasi Kibaha Kindern in Tansania eine Chance auf Bildung geben.
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Lehrerin Selina (hinten links), Freiwillige Michaela und Sophia Wagner (hinten rechts) bedanken sich für die Spenden aus dem Truchtlachinger Dorfladen.

Seeon-Seebruck – »Die Kleinstadt, in der ich war heißt Kibaha. Sie hat rund 22 000 Einwohner und liegt im Osten Tansanias, direkt an der Küste. Die Menschen dort haben vor mir seit über einem Jahr keinen Weißen mehr gesehen«, sagt Sophia und muss schmunzeln.


Sophia Wagner ist 18 Jahre alt und wohnt in Truchtlaching. 2015 hat sie ihr Abitur am Johannes-Heidenhain-Gymnasium in Traunreut abgeschlossen. Im Oktober darauf erfüllte sie sich einen großen Wunsch: »Ich wollte irgendwo hin, wo es keinen Tourismus gib, wo Menschen in einfachen Verhältnissen leben und mich dort sozial engagieren«, erzählt Sophia. Über die Internetplattform »workaway« hat es sie schließlich im Oktober und November nach Kibaha in Tansania verschlagen. Die Menschen dort sind arm, haben keine Toiletten, kein fließend Wasser, keine Arbeit.

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Es gibt nur Platz für 45 Kinder

Seit dem Jahr 2003 gibt es in der kleinen Stadt eine Vorschule für Kinder zwischen drei und fünf Jahren – die Myoda Nursery School. Jeden Tag um 8 Uhr kommen 45 Kinder in die örtliche Pfarrkirche zum Unterricht. Die Schule ist zwar verpflichtend und kostenlos für alle Kinder des Ortes, für mehr als 45 ist in der Kirche allerdings kein Platz.

Vor den Kirchenbänken steht eine große, grüne Tafel. Jedes der Kinder besitzt zwei Hefte und mit etwas Glück auch einen Bleistift. Manche Kinder müssen sich aber auch einen Stift teilen. Eine Packung Kreide muss für einen Monat reichen. Lehrerin Selina unterrichtet Mathe, Englisch, Sport und Suaheli. »Obwohl sie noch sehr jung sind, sind die Kids super intelligent. Manche können mit vier Jahren schon fließend Englisch sprechen«, erzählt Sophia.

Obedy Kuguru (36) stammt selbst aus Tansania und hat die Schule 2003 gegründet, um Kindern aus mittellosen Familien eine Chance zu geben. Die ersten Jahre unterrichtete er selbst, jetzt übernehmen das Selina und die vielen freiwilligen Helfer aus aller Welt.

Sophia konnte bei Obedy Kuguru kostenlos wohnen und erklärte sich im Gegenzug dafür bereit, in der Schule mitzuarbeiten. Einen Lehrplan gibt es in Tansania nicht. Daher sind viel Kreativität und Spontanität gefragt. Sophia kam mit einigen anderen Freiwilligen auf die Idee, das Fach Kunst einzuführen. »Die Kinder müssen lernen mit der Schere zu schneiden, Formen zu malen, kreativ zu denken«, erzählt Sophia. »Leider gab es keine Materialien, deshalb haben wir zum Beispiel aus Maismehl und Wasser Knete gemacht.«

Lehrmaterialien sind in Tansania sehr teuer

Immer wieder stoßen die Freiwilligen mit ihren Ideen an finanzielle Grenzen. Viele der Kinder bekommen nicht einmal eine warme Mahlzeit am Tag, wie kann man da Geld ausgeben für Buntstifte und Kreide? Das Problem: Lehrmaterial in Tansania ist sehr teuer. Ein Stapel Druckerpapier kostet beispielsweise 4 Euro. Im Durchschnitt verdient ein Arbeiter in Tansania jedoch im Monat nur 70 Euro. Lehrerin Selina beispielsweise nur 45 Euro.

Angesichts dieser Not kam Sophia Wagner gemeinsam mit einer anderen Freiwilligen, Anna Leonie Birkholz (25) aus Berlin, auf die Idee, den Verein Nafasi Kibaha ins Leben zu rufen. »Nafasi« bedeutet Chance in Suaheli. »Mit unserem Verein wollen wir auch all den Kindern eine Chance geben, deren Eltern sich keine Schulbücher leisten können«, sagt Sophie.

Mit dem im Januar gegründeten Verein wollen die Mädchen Patenschaften organisieren und koordinieren. Mit 15 Euro im Monat bekommt ein Kind der Myoda Nursery School eine warme Mahlzeit am Tag, Wasser und so viel Papier und Stifte, wie es benötigt. »Kann ein Spender 25 Euro im Monat entbehren, können wir das Gehalt der Lehrerin aufstocken und auch Geld zur Seite legen für ein neues Schulgebäude«, erklärt Sophia.

In der Anfangsphase wird nicht jedes der 45 Kinder einen Paten haben, deshalb werden die Spenden vorerst unter allen Kindern aufgeteilt. Auf der Internetseite www.nafasi-tansania.com sind Steckbriefe von allen Kindern zu finden, erzählt Sophia: »Wir wollen auch einmal im Jahr einen Briefkontakt zwischen Paten und Kind herstellen.«

Noch während Sophia in Tansania war, haben ihre Eltern einen kleinen Spendenaufruf in Truchtlaching gestartet und mit Hilfe des Dorfladens 150 Euro gesammelt. Auch Leonie hat in Berlin 150 Euro organisiert. Das Geld wird derzeit für Lehrmaterial verwendet, um die Zeit zu überbrücken, bis die ersten Spenden von Paten in der Schule eintreffen.

Kommunikation ist ohne Internet sehr schwierig

Leider ist die Organisation der Patenschaften von Deutschland aus sehr schwierig und zeitintensiv. »In Kibaha gibt es kein Internet«, sagt Sophia. »Wir können mit Obedy Kuguru nur kommunizieren und ihm erklären, was zu tun ist, wenn zufällig ein Freiwilliger Internet auf seinem Handy hat.« Trotzdem sind die beiden Mädchen sicher, dass ihre Idee auf fruchtbaren Boden stoßen und schon bald jedes Kind seinen Paten haben wird.

»Die Zeit in Tansania hat mit gezeigt, in wie viel Überfluss wir hier in Deutschland leben. Manchmal kann ich gar nicht begreifen, dass diese beiden Welten nebeneinander zur gleichen Zeit existieren«, sagt Sophia. Mit ihrer Idee will sie diese beiden Welten, Truchtlaching und Kibaha, etwas zusammenbringen . Theresa Volk