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Der Unterricht mit Tablet-Computern funktioniert gut

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Elias Mayer (13) und Miriam Streitwieser (13) bestreiten den Unterricht mit Tablets. So wie alle Schüler der Klasse mussten auch sie ihre flachen Computer selber kaufen.
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Englischlehrer Gerhard Piezinger korrigiert Übungsaufgaben mit dem Tablet-Computer. Die Schüler überprüfen die Lösungen ebenfalls digital an ihrem eigenen Computer. (Fotos: Hinterseer)

Traunstein. Übungen am Computer statt Einträge ins Heft heißt es seit September für eine achte Klasse des Chiemgau-Gymnasiums in Traunstein. Die 18 Schüler bestreiten den Unterricht weitgehend mit flachen Tablet-Computern und sparen sich dafür einen Großteil an Heften und Arbeitsblättern. Nach dem ersten halben Jahr haben wir die Klasse für einen Vormittag besucht. Schnell zeigte sich: Die Resonanz aller Beteiligten ist sehr positiv.


Vor der ersten Stunde am frühen Morgen herrscht reges Treiben im Klassenzimmer – 18 Schüler, darunter drei Mädchen, reden und lachen. Es wirkt alles ganz normal, doch einen kleinen Unterschied gibt es zu anderen Klassen: Auf den Tischen der Schüler liegen kleine, sehr flache Computer, besser bekannt als Tablets, die eigentlich als Freizeitgegenstand dienen. Die Geräte werden aber selbst dann nicht in die Taschen gepackt, als Geografielehrer Mario Wallentin das Klassenzimmer betritt. Im Gegenteil: Auch er hat ein Tablet in der Hand.

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Offene Fragen über das Internet klären

Zur Abfrage der Schüler nutzt er Bilder und Karten, die mit einem Beamer an die Wand geworfen werden. Danach steht die Korrektur der Hausaufgaben auf dem Plan. »Wer will uns seine Lösung zeigen?«, fragt der Geografielehrer. Einen Klick später können alle das Ergebnis eines Schülers sehen, das nun auf der Wand erscheint.

So beginnt eine normale Schulstunde in der Tablet-Klasse des Chiemgau-Gymnasiums (CHG). Am iPad werden anschließend noch digitale Hefteinträge aber auch Arbeitsblätter handschriftlich bearbeitet, Übungen gemacht und im Internet recherchiert. Egal ob Lehrer oder Schüler: Offene Fragen werden einfach in eine Suchmaschine im Internet eingegeben.

Zwei, die sich im vergangenen Schuljahr für den Besuch der Tablet-Klasse entschieden haben, sind Elias Mayer (13) aus Siegsdorf und Miriam Streitwieser (13) aus Taching am See. Beide sehen einen großen Vorteil darin, dass man nicht mehr so viele Bücher in der Tasche habe. »Außerdem hat man alles ordentlich zusammen, das war vorher nicht immer so«, erzählt Elias. »Und man muss nicht ewig mit dem Tintenkiller rumhantieren, wenn man sich verschreibt«, fügt Miriam hinzu. Auf dem Tablet schreiben sie entweder mit der Hand oder mit einem Stift – das funktioniert fast wie auf gedrucktem Papier.

Trotzdem werden zum Teil noch Bücher und Hefte verwendet. Übungsaufsätze werden in ein Heft geschrieben und abgegeben, so wie in »normalen« Klassen. Außerdem gibt es nicht alle Bücher in digitaler Version, daher muss auf die herkömmliche Methode mit gedruckten Büchern zurückgegriffen werden. »Das habe ich mir irgendwie schon anders vorgestellt«, so Elias, »ich dachte, wir brauchen gar keine Hefte mehr«.

Unzufrieden sind die beiden, wenn es um verschiedene Applikationen (Apps) geht. Mit diesen kann man beispielsweise Tabellen erstellen. »Sie kosten viel und werden dann zum Teil nur zwei-, dreimal verwendet«, erzählen die Dreizehnjährigen. »Es geht leider nicht, dass einer die App kauft und diese dann von allen genutzt werden kann«. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten, die nicht unbedingt sein müssten. Schließlich hat die Schule die Tablets nicht gestellt – jeder Schüler musste sein eigenes kaufen.

Ein Programm überprüft sofort die Lösung

Auch in der nächsten Stunde, dem Physikunterricht, werden die Tablets verwendet. Die Schüler laden einfach ein Arbeitsblatt über die Online-Plattform »Moodle« herunter und bearbeiten es. Wenn sie eine Lösung haben, können sie diese mit Hilfe eines anderen Programms sofort überprüfen. Physiklehrer Michael Götzinger geht lediglich durch die Reihen und hilft bei Problemen. Danach werden die Aufgaben gemeinsam durchgesprochen. Hierfür verbindet sich wieder ein Schüler mit dem Beamer. So können alle sehen, was er gerade auf seinem Tablet macht. »Der große Vorteil ist«, erzählt Götzinger, »dass jeder Schüler in seinem eigenen Tempo rechnen und selbstständig die Lösungen überprüfen lassen kann.«

Das vorläufige Fazit von Gerhard Piezinger, Betreuer des Projekts, fällt äußerst positiv aus: »Im Augenblick stehen wir sehr gut da. Wir sind vorne dabei, wenn es darum geht, die unausweichliche Entwicklung hin zur Digitalisierung mitzugestalten«. Seit Beginn des Projekts wird die Klasse von einem Team der Universität Augsburg mit Prof. Dr. Engelbert Thaler unterstützt (siehe Interview im Kasten). Jeder Schüler hat seitdem einen Studenten an seiner Seite, der ihn bei Rechercheaufgaben unterstützt.

Während einer Aufgabe in der Deutschstunde sieht man auf allen Tablets das Arbeitsblatt – niemand beschäftigt sich mit Spielen oder surft im Internet. Auch das war ein Thema in der einjährigen Vorbereitungsphase des Projekts: die vielen Ablenkungsmöglichkeiten. Ein Webfilter verhindert, dass die Schüler auf bestimmte, nicht-jugendfreie Webseiten zugreifen können. Soziale Netzwerke und Spiele sind zwar nicht gesperrt, nutzen dürfen die Schüler diese Seiten aber nicht – auch nicht in den Pausen.

Fremdbeschäftigung hält sich in Grenzen

Zu 100 Prozent könne man Fremdbeschäftigung laut Piezinger nicht ausschließen. Die Lehrkräfte seien sich aber einig, dass sich dies in Grenzen halte. Miriam und Elias sehen das ähnlich: »Natürlich kann man schnell abgelenkt werden. Aber im Vergleich zu vorher gibt es kaum einen Unterschied«, erzählen sie.

Dass die beiden Dreizehnjährigen mit der neuen Arbeitsweise ganz zufrieden sind, zeigte sich auch darin, dass sie kaum noch Verbesserungsvorschläge haben. »Am Anfang war es zwar oft so, dass der Beamer kein Signal hatte«, erzählt Miriam, »und auch WLAN hatten wir zu Beginn nicht überall.« Mittlerweile sind aber fast alle Klassenräume, in denen die Klasse Unterricht hat, mit WLAN ausgestattet und technische Probleme mit dem Beamer sind sehr selten geworden. Allerdings sieht Piezinger noch an anderer Stelle Potenzial: »Wünschenswert wäre vielleicht noch mehr Aufgeschlossenheit im Kollegium«.

Was noch nicht digital ist, wird einfach digital gemacht: Die Englisch-Hausaufgabe im gedruckten Arbeitsheft wirft Lehrer Gerhard Piezinger trotzdem über den Beamer an die Wand. Dazu filmt er einfach das Arbeitsheft mit der im Tablet integrierten Kamera. So können alle sehen, was der Lehrer, dieses Mal mit Stift, korrigiert.

»Im Großen und Ganzen ist es eine coole neue Erfahrung«, stellt Miriam Streitwieser abschließend fest, »ich würde es wieder machen.« Elias Mayer sieht das anders: »Im Allgemeinen finde ich es schon gut, auch technisch lernt man viel. Aber mir persönlich hat es nicht so viel gebracht.«

Trotz allem sind die Beteiligten mit dem bisherigen Verlauf des Pilotprojekts zufrieden. »Ich wäre sehr froh, wenn wir das weiterentwickeln könnten«, sagt Gerhard Piezinger. »Es fällt erst in 'normalen' Klassen auf, wie sehr man in der Unterrichtsvorbereitung auf Papier und Folie eingeengt ist«. Carola Hinterseer