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Wilde Kletterei im Nordwesten Kanadas

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Ines Papert (rechts) und Mayan Smith-Gobat stehen auf dem Gipfel des Mount Waddington, den sie zusammen mit Paul McSorley erstmals über den 800 Meter hohen Südpfeiler erreichten.
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Der Mount Waddington liegt sehr abgelegen in den Coast Mountains von British Columbia.
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Trotz schwieriger Kletterei am Südpfeiler kam die Dreierseilschaft flott voran.
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Der Gipfel ist fast erreicht: Die letzten Meter führen über einen ausgesetzten Schneegrat.

Im Nordwesten Kanadas gelang der Bayerisch Gmainerin Ines Papert mit ihren Freunden Mayan Smith-Gobat und Paul McSorley eine schwierige Erstbegehung an einem schwierigen Berg. Das Trio durchstieg in 16-stündiger Kletterei im Alpinstil erstmals den 800 Meter hohen Südpfeiler am 4019 Meter hohen Mount Waddington in den Coast Mountains von British Columbia. In folgendem Beitrag berichtet die dreifache Eiskletter-Weltmeisterin Ines Papert von ihrem Abenteuer im August, das als Vorbereitung für ein geplantes und noch extremeres Projekt in Patagonien diente.


Inspiriert für dieses Vorhaben wurden wir durch Tony Richardson und Jason Kruk aus Kanada, jene Kletterer, die per Motorboot, Wildwasserschlauchboot und zu Fuß diese Wand in 2011 erreichten. Wenig unterhalb des Gipfels mussten die beiden Kanadier wegen extrem schwieriger Eisbedingungen umkehren. Paul McSorley lud mich diesen Sommer ein, um diese Route zu Ende zu bringen.

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Ein Foto genügte und meine Entscheidung war getroffen. Ich liebe Bergsteigen auf hohem Niveau, noch dazu in einer der wildesten Landschaften dieser Erde. Doch für uns war schnell klar, das wir uns den langen Weg dorthin vereinfachen würden. Immerhin erwartete mich mein Sohn Emanuel in Squamish bei Freunden zu seinem 15. Geburtstag zurück.

Prompt, als sich das perfekte Wetterfenster ankündigte, war Mayan schon nach Kanada aufgebrochen, um mit mir für ein Vorhaben in Patagonien zu trainieren. Es gab genügend Gründe, sie an den Mount Waddington mitzunehmen. Das Risiko ist zu dritt deutlich kalkulierbarer, auch wäre es ein gutes Testpiece für uns als Team. Dass sie seit ihrer Jugend kaum im Eis geklettert war, verunsicherte die erfahrene Bigwall-Spezialistin kaum. Sie sollte eine echte Bereicherung für unser Team sein.

Es war mitten im Hochsommer, als wir bei brütender Hitze in Squamish unser Material ins Auto packten, genügend Proviant einkauften und die zehnstündige Reise zum Bluff Lake, 250 Kilometer westlich von Williams Lake, antraten.

Landung zwischen zwei Gletscherspalten

Noch am selben Abend schwebten wir mit einem Hubschrauber des Air Shuttle Service dem Berg entgegen. Meine Eindrücke sind nur schwer in Worte zu packen. Endlose Gletscherzungen schlängeln sich bis zum Pazifik, soweit das Auge reicht steile Felsen, Eis und Schnee. In sicherer Entfernung zum Berg setzte uns Mike, ein sehr erfahrener Pilot, mittels einer spektakulären Landung zwischen zwei gigantischen Gletscherspalten ab und wenige Augenblicke später waren wir ganz alleine, tanzten, jubelten, lagen uns inmitten einer gewaltigen Berglandschaft in den Armen. Das letzte Licht verfärbte die Granitspitzen in ein glühendes Rot. Wir waren glücklich.

Vor uns tauchte die Südwand auf, und noch bevor wir unser Camp einrichteten, machten wir uns ein genaues Bild von unserer Linie und besprachen unser Vorgehen.

Um 5 Uhr am nächsten Morgen startete unsere Mission. Der Bergschrund wurde zur ersten Hürde, doch bald hatte Paul ihn überwunden und wir folgten mit den Rucksäcken. Mit dem ersten Licht ging der Gletscher über in den anfangs unschwierigen, aber brüchigen Fels. Wir waren uns bewusst, welche Konsequenzen das Auslösen eines Felsblocks hier bedeuten würde. Wohl wissend, das wir keine Möglichkeit haben würden, die Außenwelt über einen Unfall zu informieren, gewannen wir konzentriert, teils gleichzeitig kletternd, zügig an Höhe.

Abwechselnd voraussteigend, folgten schwierigere Seillängen in senkrechter Wandkletterei an Schuppen, Auflegern und Leisten. Permanent hoch konzentriert, nicht an lockeren Felsen zu klettern oder zu sichern, beendeten wir fast jede Seillänge erst mit den letzten Metern unseres 60-Meter-Seils. So gewannen wir zügig an Höhe und ich war überrascht, schon am frühen Nachmittag meine Kletterschuhe gegen Bergschuhe mit Steigeisen austauschen zu können. Die Wand lehnte sich zurück und der Gipfel schien nah – oder trügte der Schein? Schon auf einigen Himalaya-Expeditionen hatte ich erlebt, wie stark die Entfernung in großer Höhe täuscht. Alles wirkt aufgrund der klaren Luft so nah und ist doch unendlich weit weg.

Auch dieses Mal sollte der Gipfel noch in weiter Ferne sein. Weiter ging es über einen nicht enden wollenden Grat, kaum schwieriger als die Watzmannüberschreitung im Winter, aber ohne Stahlseil und mit nur wenigen Sicherungsmöglichkeiten.

Wir gönnten uns kaum eine Pause, denn wir wollten vor Dunkelheit den Gipfel erreichen. Müdigkeit machte sich bemerkbar, wir mussten uns konzentrieren, dem leichteren Gelände mit genügend Aufmerksamkeit zu begegnen. Bald stießen wir auf einen Abseilstand, der in eine steile, brüchige Rinne führte. Unglaublich, aber hier müssen Jason und Tony ihre Begehung beendet haben. Die Vorstellung ist schrecklich, in ein derartig brüchiges Loch abseilen zu müssen. Ich entfernte die leicht angerosteten Friends (selbst klemmende Sicherungsgeräte; Anm. d. Red.) und nahm sie für unsere Freunde mit. Ich war überrascht und begeistert, wie souverän sich Mayan mit Steigeisen und einem Eisgerät bewegte. Als hätte sie nie etwas anderes getan. Paul stieg durch die letzte, 70 Grad steile Rinne und sein Jubelschrei verriet uns, dass er dem Gipfel sehr nahe war. Sollte er schon oben sein?

Doch als wir bei ihm ankamen, türmte sich nochmals ein Schnee- und Eisgipfel in nicht allzu großer Ferne auf. Ist dies unser Gipfel? Wir fragten uns nicht lange, ich übernahm die letzten Meter und stand gegen 20 Uhr auf dem höchsten Punkt. Was für ein Moment. Für Momente wie diesen lebe ich, hier spüre ich trotz der Müdigkeit eine unendliche Kraft in mir, die von den Bergen ausgeht. Diese Ruhe und Weite erzeugt eine Freude, die sich mit keinem Geld kaufen lässt. Diese Art Lebendigkeit wird nur durch eigene Willenskraft spürbar. Ich war froh, diesen Moment bald mit meinen Freunden teilen zu dürfen.

Ungemütliches Biwak, stürmische Nacht

Während des Abstiegs verfärbte sich die Bergwelt in ein dunkles Rot, unsere Blicke reichten über das Meer bis Vancouver Island. Die Fernsicht war unglaublich. Doch wir wussten, dass wir schnell sein müssen. Ein Biwak war zwar eingeplant, aber je weiter wir absteigen, umso weniger würden wir frieren. Unsere Route führte über den nordseitigen Angelglacier. Die Schneebrücken über den beängstigend tiefen Spalten waren dünn, aber sie trugen uns.

Mit einbrechender Dunkelheit richteten wir unser Biwak ein. Die Nacht war kalt und stürmisch, ich war froh, dass ich auf das leichte Zelt ohne Gestänge bestanden hatte. Das hatte uns in Nepal schon einmal vor schweren Erfrierungen bewahrt. Mit einem Minimum an Komfort, aber einem Maximum an Freude dösten wir durch die Nacht, an Schlaf war nicht zu denken. Wir erreichten dann zum späten Frühstück unser Camp. Noch am selben Abend schwebten wir müde, aber zufrieden der Zivilisation entgegen.