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Unterwegs in den wilden Bergen Zentralasiens

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Josef Eisenberger (von links) freute sich auch über Besuch aus der Heimat – etwa von Andreas Thiele und Lukas Fuchs.
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Das Tian-Shan-Gebirge gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe. (Fotos: Eisenberger)

Fünf Monate lang hat sich Josef Eisenberger auf ein spannendes Abenteuer eingelassen. Der Skihochtourenführer der DAV-Sektion Traunstein legte 2019 ein Auslandssemester in Almaty (Kasachstan) ein und erkundete dabei die wilden Berge Zentralasiens. Im Folgenden berichtet er über seine Erlebnisse.


Die Recherche zum Bergsteigen und vor allem zum Skibergsteigen stellte sich im Vorfeld als nicht so einfach heraus. Wer nämlich kein Russisch oder Kasachisch lesen kann, hat auf den wenigen Blogs relativ wenig Chance. Die Reiseführer auf Englisch und Deutsch geben für ambitionierte Alpinisten nicht wirklich was her und so muss man sich mit den wenigen Infos zufriedengeben. In einem Umkreis von 35 Kilometer Luftlinie finden sich ein 5000er und Dutzende 4000er, wobei sich das Ganze auf vier Haupt- und etliche Nebentäler aufteilt. Almaty ist mit zwei Millionen Einwohnern die größte Stadt Kasachstans.

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Jetzt hatte ich nur ein Problem: Was macht man in diesen wilden und unbekannten Bergen allein? In Zeiten der digitalen Vernetzung war es aber nicht so schwierig, Tourenpartner zu finden. Über Natalia, eine Skilehrerin im Skigebiet Shymbulak, bekam ich Kontakt zu Julia und Sergey, die 2018 die Bergschule Frozenrocks gegründet hatten. Ich bot ihnen an, sie zu unterstützen und sie waren davon begeistert! Jetzt stand dem Abenteuer also nichts mehr im Weg.

In Kasachstan herrscht ein stark kontinentales, trockenes Klima: kalte Winter, heiße Sommer. Deshalb ist die Schneebeschaffenheit ganz anders als in den Alpen. Die Verbindung zwischen den Schneekristallen ist sehr lose, man findet über Wochen zwar »Canadian powder«, diesen aber ohne Grundlage. Beim Gehen oder Spuren fällt man sehr weit durch, oft bis zum – vielfach steinigen – Boden.

Da es in Kasachstan keinen Lawinenwarndienst, keine Notrufnummer oder Bergrettung gibt und meist auch kein Netz vorhanden ist, ist jeder Skibergsteiger auf sich selbst gestellt. Das heißt: Häufig Schneeprofile graben, genau beobachten, eigenverantwortlich Entscheidungen treffen, sehr gut auf die Routenwahl achten und defensiv vorgehen. Allein hat man dort im freien Gelände nichts zu suchen.

Sergey von Frozenrocks fragte mich, ob ich Lust hätte, eine sechsköpfige Gruppe in die Ketmen Mountains zu begleiten. Wir würden in einer kleinen Hütte übernachten und dieses Gebiet, 30 Kilometer vor der chinesischen Grenze gelegen, als erstes mit Skiern erkunden.

Vom Dorf Ketmen ging es zunächst mit den Pferden rund sechs Stunden durch Canyons und die vorgelagerten Berge des Ketmen-Gebirges zu einer Jagdhütte auf rund 1600 Meter. Dort fanden wir für vier Nächte Unterschlupf – kasachische Kartenspiele, gutes Selbstversorgeressen und Wodka inklusive.

Der Erlebnisfaktor war überragend

Es folgten vier anstrengende Tage mit vielen schönen Rinnen, die steil im Wald in die kleinen verwinkelten Täler dieses Bergmassivs abfielen. Die großen Gipfel waren aber für eine Gruppe dieser Größe und bei diesen Verhältnissen nicht zu knacken. Dies tat der Stimmung keinen Abbruch, der Erlebnisfaktor war auch ohne Gipfelerfolg überragend!

Die zentrale Erkenntnis dieser Tage war, dass die lokalen Skibergsteiger mit sehr großer Leidenschaft unterwegs sind. Das Können, die Kondition und die Leistungsbereitschaft sind außergewöhnlich hoch, allerdings auch die Risikobereitschaft. Dies ging soweit, dass ich mich an einem Punkt der Tour entgegen der Einschätzung des Bergführers zum Umdrehen entschloss, weil für mich die Situation zu gefährlich war.

In einer Schlucht, die von riesigen steilen Hängen umgeheben war, wollte ich nicht über einen blanken sechs Meter hohen Wasserfall über die Felsen seitlich vorbei aufsteigen – sehr zum Dank von Olja und Rowan, einem in Almaty ansässigen kasachisch-englischen Paar, die ich dann den Rest der Tour »geführt« habe und die seitdem meine treuesten Freunde in Almaty sind.

Ich bekam auch Besuch aus der Heimat. Mitte Februar kam Anja, eine Freundin aus dem Allgäu, mit Ambitionen angereist – und sie wurde nicht enttäuscht! Um einem Schlechtwetterfenster rund um Almaty auszuweichen, nahmen wir einen Ortswechsel vor – es ging ins 26 Stunden per Zug entfernte Ridder an der russischen Grenze. Olja und Rowan sowie einige Freunde aus Almaty hatten uns eingeladen, zur Freeride-Base East Pole mitzukommen. Laut ihnen ist das ein Geheimtipp im kasachischen Skiuniversum. Und tatsächlich erwarteten uns Traumbedingungen, die Anja und ich auch gut zu nutzen wussten: 7700 Höhenmeter in vier Tagen, Pulverschnee vom Feinsten und keine weitere Menschenseele unterwegs. Ein Wintertraum!

Andreas Thiele, mein langjähriger Bergkamerad und ebenfalls Fachübungsleiter der Sektion Traunstein, besuchte mich ebenfalls. Begleitet wurde er von einem meiner ehemaligen Arbeitskollegen aus Wien, Lukas. Es begann mit ihrem Besuch für mich ein fünf Wochen dauerndes, intensives Skitourencamp – voller Abenteuer, Schweiß und Eis. Gleich zu Beginn waren wir auf dem ersten 4000er, dem Karlytau Pik (4170 Meter). In den Wochen danach folgten wunderschöne Touren im Gebiet um die Bergstation von Shymbulak. Was gibt es Schöneres, als mit Freunden in so einer traumhaften Bergkulisse diese Abenteuer erleben zu dürfen?

Nach zwei Tagen im Tal inklusive Materialcheck waren wir bereit für das nächste Abenteuer: Tujuk Su! Die Infos, die wir von den Einheimischen bekommen hatten, klangen nach einem großartigen Gebiet. Im Oberlauf eines der Täler eröffnet sich ein Hochplateau mit einem Dutzend Gletschern und vielen Gipfeln jenseits der 4000-Meter-Marke, aber auch einem elendig langen Zustieg. Der Plan: Mit Zelt, Skihochtourenausrüstung sowie leichter Eisausrüstung für drei bis vier Nächte im Zelt oben bleiben, das Gebiet erkunden und die eine oder andere rassige Tour machen.

Um Gepäck, Gas und Essen für vier Nächte nach oben zu bringen, brauchten wir einen Tag Vorlaufzeit, wobei wir auch das Gebiet erst einmal auskundschaften wollten. Tags darauf ging es dann mit dem Rest der Ausrüstung zum Lager, wir schafften sogar am Abend noch den »Hüttengipfel«.

Am Tag zwei starteten wir morgens vom Camp Richtung Tujuk-Su-Gletscher. Wir mussten eine Spur durch den tiefen Pulver ziehen, wobei wir teilweise bis zum Bauch in dem kalten Schnee einsanken. Nach einer Stunde hatten wir den ersten Aufschwung der Gletschermoräne hinter uns und eine gigantische Hochfläche auf über 3500 Meter erstreckte sich vor uns. Die flache Zunge des Tujuk-Su-Gletschers lag vor uns. Ein alpinistisches Paradies!

Als dann aber wenig später vor uns eine 600 Meter hohe Felswand und rechts ein 60 Grad steiler und ebenso langer Gletscheraufschwung stand, war das das Signal zum Umkehren. Die steile Abfahrt war ein voller Genuss!

Drei Tage später waren wir gezeichnet von der Schinderei. Wir schafften pro Tag nie mehr als 1200 Höhenmeter. Es blieben die großen Ziele also noch unerreicht. Aber wir hatten Blut geleckt! Für Andi war das Abenteuer am Tujuk Su aber die letzte Aktion in Kasachstan, er musste zurück.

Dafür kam nun mit Patrik ein weiterer ehemaliger Arbeitskollege. Nach seiner Ankunft wandten wir uns nochmals neuen Zielen in bekannter Umgebung zu: Die Bergwachthütte im Skigebiet Shymbulak auf 3200 Meter diente uns für die nächsten Tage als Base Camp. Los ging's mit einer Eistour durch die Nordwand des Karlytaus. Am nächsten Tag ging es über den Gletscher zum Komsomol-Sattel, dann ohne Ski auf festem Granit zu traumhaften Verschneidungen über einen leichten Quergang (III) und ein paar Aufschwüngen (I-II) auf den Gipfel des Komsomol Pik (4376 Meter).

Für Lukas ging's dann zurück. Patrik und mir blieben noch zwei Tage Zeit für einen weiteren Besuch im Tujuk Su. Nach den gelungenen Touren waren wir sehr optimistisch: Die Bedingungen wurden immer besser, der Schnee hatte sich aufgrund der wärmeren Temperaturen endlich gesetzt – glaubten wir jedenfalls.

Doch es kam am nächsten Tag bei der Erkundung und Vorbereitung der letzten Tour zu einem Lawinenabgang. Patrik wurde dabei verschüttet. Ich war wie versteinert, doch dann ging es schnell: Piepser auf Suchen, Querung in den Lawinenkegel, um nicht auch noch den restlichen Hang auszulösen – Abfahrt und Abstieg in der Sturzbahn der Lawine, zwischen Felsen und Grasbüscheln. Erstsignal, Grobsuche, Feinsuche in dem Schneechaos! Und was für ein Glück, die orange Sohle von Patriks Skischuh blitzte unter dem Schneebrocken hervor.

Dramatische Minuten – versöhnlicher Abschluss

Also Rucksack runter, Schaufel raus, schnell, schnell, schnell! Ich grub entlang des Beins, bis zum Bauch, dann so schnell wie möglich zum Kopf. Nachdem ich einen Schacht zum Kopf gegraben hatte, konnte Patrik wieder atmen. Jetzt musste noch der Rest des Körpers raus. Nach Minuten der Anspannung konnte ich Patrik aus dem Loch ziehen. Wir umarmten uns und fuhren vorsichtig den letzten Hang hinab, um dann der alten Militärstraße zurück in die Zivilisation zu folgen.

Einige Wochen nach diesem dramatischen Erlebnis besuchten mich auch meine Eltern. Zusammen mit meinem Papa brach ich zum Komsomol Peak auf – und diese Tour wurde für mich der versöhnliche Abschied von diesen majestätischen Riesen aus Fels und Eis. Ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen!

 

Ein Punkt liegt Josef Eisenberger besonders am Herzen. Er möchte auf das umfangreiche DAV-Ausbildungsprogramm hinweisen, das aktuell aufgrund der Pandemie aber nicht wie gewohnt stattfinden kann. Sobald es die Bestimmungen aber wieder erlauben, empfiehlt Eisenberger: »Besucht Ausbildungskurse, übt die Verschüttetensuche, setzt euch mit dem Thema Lawine auseinander.«