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14°

Übers Gerstfeld hinauf, über die Grünangeralm hinunter

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Blick vom Gerstfeld nach Südosten: Watzmann (links) und Hochkalter mit seinen Seitentälern (rechts).
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Die längst verfallene Grünangeralm liegt weit abseits der markierten Wege. (Fotos: Gfaller)
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Sigi Schneeweis (links), dem guten Geist auf der Neuen Traunsteiner Hütte, und Christian Scheiter, der Jahrzehnte lang als Wegewart dafür gesorgt hat, dass sich auf der Reiteralm keiner verläuft, können so manche Bergsteiger-Geschichten erzählen.

Wieder geht ein Bergsommer zu Ende. Ein heißer und sonniger, aber zu trockener war’s. Auf der Neuen Traunsteiner Hütte wird der Almabschied gefeiert, danach schließt die Hütte. Früher hat es Schlachtschüsselessen geheißen, weil die Sau, die der Hüttenwirt den Sommer über gefüttert hat, dran glauben hat müssen. Die Hütten-Saison 2015 auf der Traunsteiner Hütte ist übrigens wie fast überall in diesem sonnigen Sommer und Herbst gut gelaufen und war des öfteren voll belegt.


Weil das Wetter so traumhaft schön ist, suche ich mir einen etwas außergewöhnlichen Anstieg aus und steige von der oberhalb des Hintersees gelegenen Hals-Alm direkt über die Südostflanke aufs Gerstfeld (2037 Meter) hinauf. Ein landschaftlich großartiger Anstieg, ganz ohne jede Markierung, auf spärlichen Steigspuren, über recht steile Grasschrofen. Weil er so exponiert hinauf leitet und man jederzeit herunterkugeln kann, verzichte ich hier auf eine genauere Routenbeschreibung. Die Tour ist wirklich nur etwas für trittsichere und wegfindige Alpinisten.

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Oben empfängt mich eine braune Herbstwiese mit einer grandiosen Rundsicht auf alle Hochgipfel des Reitergebirges. Ganz unten liegt der tiefblaue Hintersee. Gegenüber glänzt der vom Schnee angezuckerte Hochkalter mit seinen lang gezogenen Tälern und Schneiden in der Spätnachmittagssonne. Auf der Gerstfeldwiese zeigen sich im Reigen alle Hochgipfel der Reiteralpe. Von hier aus kann man über den aussichtsreichen Steinberg-Rücken den roten Farbtupfern nach Westen folgen und über Prünzlkopf und Roßweide in die nachfolgende Steinberggasse und dann hinunter zur Neuen Traunsteiner Hütte gelangen.

Ich gehe aber nach Norden, genieße am Schottmalhorn die letzten Sonnenstrahlen, und biege dann in den Edelweißlahnersteig ein, der in vielen Windungen durch Felsgelände und Latschengassen zur Hütte führt. Weil ich spät los bin und über sechs Stunden für den weiten Weg brauche, wird es finster, aber schon von weitem dringt die Musik an mein Ohr. Der »Stangei« stößt ins Horn und ist nicht zu überhören.

Ich hole eine frische Maß Bier und lasse mir den hervorragenden Schweinsbraten schmecken, den die Wirtin Maresi aus dem Ofenrohr hervorgezaubert hat. Im Kreis alter Bekannter, die man hier oben immer trifft, wird’s schnell unterhaltsam und gemütlich. Dann setze ich mich zum Scheiter Christian, der Jahrzehnte lang als Wegewart dafür gesorgt hat, dass sich auf der Reiteralm keiner verläuft, und zum Schneeweis Sigi, dem guten Geist auf der Hütte, der die Technik am Laufen hält und als Elektromeister jeden Kurzschluss schon im Keim erstickt.

Anderntags muss ich zum Wachterl zurück, wo mein Radl steht. Ich verlasse an geeigneter Stelle den Edelweißlahnersteig und suche die uralten Steigspuren auf, die mich zur längst verfallenen Grünangeralm führen. Die spärlichen Markierungen schauen aus, als ob sie mit Ochsenblut hingepinselt worden wären. Niedrige Steinmandln helfen weiter. Wenn man sich nicht verlaufen hat, steht man unvermittelt auf einer kleinen verträumten Wiese. Die Überreste eines winzigen Kasers tauchen auf.

Liest man in der Schrift »Die Reiteralpe« von Fritz Hofmann nach, in der übrigens auch die anderen ehemals an die 60 (!) Almhütten beschrieben sind, wurde dort schon seit 1925 kein Vieh mehr aufgetrieben. Oftmals wurde diese Kaserstatt, südwestlich eines mit Zirben bewachsenen Buckels namens »Kirche« (1707 Meter) gelegen, nur zwei Wochen im Jahr bewohnt.

Es muss eine karge Zeit gewesen sein, die Menschen dazu gebracht hat, an diesem weltfernen Ort Almwirtschaft zu betreiben. Nicht nur das Vieh musste hinauf, auch Käse und Butter wurden auf der Kraxe etliche Stunden lang hinunter getragen. Ich lehne mich an die braunen Balken an, mach mir eine Halbe auf, sinniere vor mich hin. Wär doch schön, wenn jetzt eine Sennerin aus der Hüttentür käme und mich freundlich fragen würde, ob ich einen Schmarrn möchte. Aber so romantisch wird’s damals wohl auch nicht gewesen sein, bei all der Mühe und Plagerei dort oben.

Ich verlasse diesen vergessenen Ort und suche mir die äußerst spärlichen Markierungen zusammen, die mich schlussendlich auf Steigspuren in nördlicher Richtung in der Nähe einer Jagdhütte auf den Wachterlsteig treffen lassen. Wer Näheres erfahren will, frage die Liesl Fuchs, die Tochter vom Hainzlbauernhof, der die Alm seinerzeit bewirtschaftet hat. Hans Gfaller