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Sturm, Eisschlag und blutende Finger

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Durch den mittleren Turm, den Torre Central im patagonischen Torres del Paine Nationalpark, kletterten Ines Papert und Mayan Smith-Gobat auf der Route »Riders on the Storm« zum Gipfel. (Fotos: Thomas Senf/Franz Walter)
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Ungemütliches Biwak im Portaledge: Mayan Smith-Gobat (links) und Ines Papert.
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Schwierige und ausgesetzte Kletterei erwartete die beiden Kletterinnen.
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Keine Zeit, die Aussicht zu genießen.
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Geschafft: Ines Papert und Mayan Smith-Gobat auf dem Gipfel des Torre Central.

Dieses Kletterabenteuer werden Ines Papert und Mayan Smith-Gobat so schnell nicht vergessen. Die 41-jährige Bayerisch Gmainerin und ihre 36-jährige Kameradin aus Neuseeland holten sich am Torre Central (2800 Meter) im patagonischen Torres del Paine Nationalpark die 5. Begehung der geschichtsträchtigen Route »Riders on the Storm«, die vor 25 Jahren eröffnet worden war. Gemeinsam mit dem Fotografen Thomas Senf standen sie am 6. Februar nach Durchsteigung der extrem schwierigen Ostwand auf dem höchsten Punkt. Bis auf vier Seillängen kletterten sie alles frei.


Kletterei: sehr vielfältig und anspruchsvoll

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Die überaus ästhetische, schwierige alpine Route durch die 1300 Meter hohe Ostwand war 1991 von den deutschen Kletterlegenden Wolfgang Güllich, Kurt Albert, Bernd Arnold, Norbert Bätz und Peter Dittrich während einer sechswöchigen Expedition mit der Idee der freien Begehung eröffnet worden. Die Schwierigkeit: 7c, A3, ABO. Der Fels: steiler Granit. Die Kletterei: sehr vielfältig und anspruchsvoll, mit teilweise vereisten Rissen und komplexer Wand- beziehungsweise Plattenkletterei mit stellenweise geringen Sicherungsmöglichkeiten.

Die komplett freie Begehung der Route steht bis heute aus. Ines Papert und Mayan Smith-Gobat, deren Ziel ebenso der freie Durchstieg war, sind allerdings einen beachtlichen Schritt voran gekommen. In fünf neuen Seillängen konnten sie eine frei kletterbare Variante ausmachen und zwei weitere Seillängen der Originallinie tatsächlich »befreien«.

Der Torres del Paine Nationalpark in Chile ist wegen seiner Exposition bekannt für sehr stürmisches Wetter und entsprechende Niederschlagsmengen. Das Team begann die Kletterei bei stabilem Hochdruckwetter, warmen Temperaturen und moderaten Windgeschwindigkeiten. Die ersten Schönwettertage wurden bis zur Erschöpfung genutzt. In der Wand kamen Portaledges (Gestelle, die ein Biwakieren in senkrechter Wand ermöglichen) und Statikseile, darüber hinaus interessante Klettertechniken zum Einsatz.

Ines Papert: »Nie zuvor schien es mir nötig, mich für je einen Kletter-Reibungsschuh und ein Steigeisen zu entscheiden. Doch die 18. Seillänge im neunten Schwierigkeitsgrad mit einem Riss, der sich nach außen öffnet, ließ mir keine andere Wahl. Eine für mich völlig unbekannte Technik, die man vielleicht nach mir benennen könnte: hochgepapert. Außerdem nutzte ich meine Eisgeräte nicht nur zum Klettern, sondern auch als Zwischensicherung.«

Mayan Smith-Gobat: »Nicht selten klemmten die Finger, die Hand oder gar der ganze Körper in einem vereisten Riss, was auch für mich eine neue Erfahrung darstellte. Das Gefühl in den Fingern nicht zu verlieren, blieb in der eisigen Kälte oft nur ein frommer Wunsch. Trotz blutender Finger konnte ich die 29. und 30. Seillänge erstmals frei klettern.«

Schnell entwickelten Papert und Smith-Gobat eine Taktik und konzentrieren sich zunächst auf die oberen Seillängen und den Gipfel, bevor sie die freie Variante im unteren Teil der Wand angingen. Denn Gipfeltage bekommt man in Patagonien nicht geschenkt. Und so stand das Team gemeinsam mit Thomas Senf als Fotograf und wertvollem Unterstützer am 6. Februar um 12.48 Uhr auf dem höchsten Punkt des Torre Central.

Ines Papert: »Diesen Gipfelmoment möchte ich wahrlich als magisch bezeichnen. Mit jeder Seillänge hatten sich unseren Augen beim Aufstieg weitere Gipfel der Umgebung aufgetan. Aber was sich uns ganz oben präsentierte, ist kaum in Worte zu fassen. Unzählige Gletscherseen in allen Blau- und Grüntönen, schneebedeckte Gipfel soweit das Auge reicht, steile Felswände in allen Richtungen, der Blick dahinter in eine endlos weite Ebene und in entgegengesetzter Richtung das Inlandeis. Wir fielen uns in die Arme und waren sprachlos. Kein Wind war spürbar. Keine Wolke trübte den Himmel. Für einen Moment waren wir die glücklichsten Menschen auf dieser Erde.«

Die Freude über den Gipfelerfolg wurde allerdings bereits in der darauffolgenden Nacht stark gedämpft. Ein kühlschrankgroßer Felsblock löste sich in der Wand und fiel während der Nachtstunden lautstark an den schlafenden Kletterinnen vorbei ins Tal. Ein Stein, der das Portaledge traf und das darüber errichtete Zelt in zwei Hälften zerriss, blieb knapp neben den erschrockenen Alpinistinnen liegen.

»Ich hatte reichlich Glück in dieser Wand.«

Ab dem Gipfeltag wurde das Wetter schließlich auch richtig »patagonisch«, was zur Folge hatte, dass nur noch minimale Zeitfenster genutzt werden konnten. Und so blieb dem Team keine andere Wahl, als zu akzeptieren, dass die zwei schwierigsten, aber kletterbaren Seillängen ihrer Variante diesmal nicht frei geklettert werden können.

Die Ernsthaftigkeit dieser Wand stellte das Team ständig auf eine gewaltige Nervenprobe: Ines Paperts Helm wurde durch Eisschlag zerstört. Als sie am letzten Tag unwissend an nur einer verbleibenden Litze des durch Steinschlag zerstörten Statikseiles aufstieg, stand für sie fest: »Ich hatte reichlich Glück in dieser Wand.« Aus diesem Grund hat sich die Bayerisch Gmainerin entschieden, nicht mehr wiederzukommen. Ihre Kameradin Mayan allerdings will sich der Herausforderung erneut stellen. Ines Papert: »Dafür wünsche ich ihr alles Glück der Welt.« IP/UK