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»Sobald der Piepser geht, ist man angespannt«

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Regelmäßig üben die Bergwachtler, was im Ernstfall zu tun ist: Martin Überegger bereitet hier gerade den Abtransport eines Verunglückten vor.

Martin Überegger liebt die Berge und er ist ein erfahrener Bergsteiger. 2003 war er beispielsweise am Ortler unterwegs, dem höchsten Berg Südtirols – für ihn eigentlich nichts Außergewöhnliches, eine ganz normale Tour eben. Aber dennoch sollte genau dieser Tag ein einschneidendes Erlebnis für ihn parat haben. Damals passierten bei der Tour nämlich gleich zwei Zwischenfälle, einer davon erforderte sogar den Einsatz eines Rettungshubschraubers. Beide Unfälle gingen letztlich glimpflich für die Bergsteiger-Gruppe aus. »Aber als wir wieder unten waren, habe ich mich entschieden, zur Bergwacht zu gehen.«


Der Vachendorfer setzte seine Pläne dann bald in die Tat um. Wenig später lernte er einige Bergwachtler der Bereitschaft Traunstein auf der Alten Traunsteiner Hütte auf der Reiteralpe kennen und schloss sich kurze Zeit später den Traunsteinern an. Seitdem ist der 47-Jährige immer einsatzbereit, wenn die Bergretter gebraucht werden.

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Jeder Handgriffmuss sitzen

Dabei nimmt er bei der Bergwacht Traunstein seit fünf Jahren auch eine leitende Stelle ein: Er ist einer der beiden Einsatzleiter. Zusammen mit Stefan Eisenreich, der auch stellvertretender Bereitschaftsleiter bei den Traunsteinern ist, bildet er ein starkes Duo – und das ist auch nötig. Denn der Job des Einsatzleiters bedeutet vor allem eines: viel Verantwortung. »Wir führen unsere Leute beim Einsatz«, beschreibt er die Hauptaufgabe. Die Einsatzleiter übernehmen also die Koordination für den Rettungsablauf und entscheiden über die geeignete Vorgehensweise. Jeder Handgriff, jede Aktion muss dabei sitzen – schließlich geht es oft auch um Leben und Tod.

Dabei arbeiten die Traunsteiner, die ja nicht bergnah sind und deshalb selbst kein festes Einsatzgebiet haben, sehr oft Hand in Hand mit den anderen Bereitschaften in der Bergwacht-Region Chiemgau zusammen. Sie werden oft bei Einsätzen zur Unterstützung angefordert und rücken dann etwa mit dem Tank-Anhänger aus. Aber auch weniger spektakuläre Einsätze fallen in das Aufgabengebiet der Bergwacht: Sie sind beispielsweise auch beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding dabei oder übernehmen auch schon einmal den Winterdienst auf der Winklmoosalm oder dem Unternberg für die Kollegen der dortigen Bereitschaften.

Um überhaupt Einsatzleiter werden zu können, braucht es zur ohnehin schon umfangreichen Bergwacht-Ausbildung noch eine zusätzliche Qualifikation. Die Einsatzleiter in spe müssen deshalb mehrere Tests bestehen. Bei Übereggers Prüfung etwa lautete die Aufgabe: »Feuer auf der Hütte«. Die erste Schwierigkeit dabei bestehe unter anderem darin, »dass man sich sofort Gedanken machen muss, wie bekomme ich die ganze Infrastruktur, die zum Löschen der Hütte nötig ist, auf den Berg rauf«, erzählt er. Als Bergwachtler muss man Situationen also schnell erfassen können und dann eben auch richtig handeln.

Martin Überegger macht den ehrenamtlichen Job jetzt schon viele Jahre lang – und so ist einiges auch mittlerweile Routine geworden. Dennoch gibt er unumwunden zu: »Sobald der Piepser geht, ist man angespannt.« Denn obwohl bei der Bergwacht mittlerweile vieles standardisiert ist, »weiß man letztlich nie, was einen erwartet und was am Ende dabei rauskommen wird. Standards helfen einem im Gelände am Berg oft nichts.« Und so muss der Einsatzleiter, der bei h/p cosmos in Nußdorf arbeitet und von seinem Arbeitgeber auch für die Einsätze unbürokratisch freigestellt wird, unter Umständen auch vorab schnell entscheiden, welche Leute er bei welchem Einsatz mitnehmen kann. Eines hat Überegger über die Jahre aber durchaus festgestellt: »Es ist immer gut, wenn man Frauen im Team hat«, sagt er. »Die können einfach auch gut reden und lenken so den Verunglückten oft gut ab.«

Manchmal kommt aber auch die Bergwacht zu spät. Gleich bei einem seiner ersten Einsätze musste Martin Überegger einen Toten bergen. »Das hat mich schon sehr beschäftigt«, gibt er zu. Froh ist er, dass genau für solche Situationen dann das eigene Kriseninterventionsteam auch für die Bergwachtler da ist. Deshalb sei auch das Zusammensitzen nach einem Einsatz so wichtig, um das Erlebte gemeinsam verarbeiten zu können.

Auch die Gespräche daheim helfen Martin Überegger. Seine Ehefrau steht voll und ganz hinter dem ehrenamtlichen Engagement ihres Mannes. »Anfangs hat sie sich aber schon öfters mal Sorgen gemacht«, erzählt er. Schließlich dauern die Bergwacht-Einsätze unter Umständen auch mal die ganze Nacht oder mehrere Tage. Zudem sei man auch so viel unterwegs, »weil wir uns ja auch ständig weiterbilden müssen«.

Und deshalb ärgert Martin Überegger auch eines ganz gewaltig: »Wenn jemand die Bergwacht ruft, obwohl er überhaupt nicht in Not ist.« Beispiele dafür hat er genügend – einen ganz besonders dreisten Fall gab's etwa bei einem Einsatz auf der Winklmoosalm.

»Die österreichische Bergwacht hatte uns alarmiert, um einen verunfallten Skifahrer aus Deutschland an der Grenze zu übernehmen. Ich bin mit dem Motorschlitten los, die Sicht war äußerst schlecht«, erinnert er sich. Eine Person, die offensichtlich unversehrt war, winkte dem Bergwachtler. »Also bin ich stehen geblieben.« Wie sich herausstellte, setzte genau dieser Mann den Notruf ab. »Weil sein Schuh gedrückt hat«, ärgert sich Überegger heute noch maßlos. »Ich habe ihm gesagt, dass wir kein Taxiunternehmen sind.« Ins Tal beförderte er den Mann dennoch. »Und die Rettung wurde ihm in Rechnung gestellt«, sagt er. »Mich nervt es, wenn jemand die Bergwacht ausnutzt. Solche Sachen gehen nicht.«

Die positiven Momente überwiegen

Doch Gott sei Dank überwiegen bei der Bergwacht-Arbeit die positiven und manchmal auch lustigen Momente. Überegger erinnert sich etwa gerne an eine Rettungsaktion in Traunstein zurück – Kater Diego saß damals knapp 40 Meter hoch auf einem Baum und kam nicht mehr herunter. »Ich habe ihn dann damals runter geholt.« Überegger hat sich die Geschichte auch deshalb gemerkt, weil Diego exakt ein Jahr später erneut auf den Baum geklettert ist. »Die Rettungsleitstelle hat mich dann ohne Alarmierung angerufen, weil sie noch wusste, dass ich da schon einmal gewesen bin«, lacht er. Überegger rückte also wieder aus und rettete den Kater erneut vom Baum. »Und dabei habe ich dann aber auch den Ast des Baums abgeschnitten.«

Ein anderes Mal musste die Bergwacht ein Paar retten, das sich beim Bergsteigen in Ruhpolding verstiegen hat. Eine ganze Nacht mussten die beiden im Gelände ausharren, ehe sie von den Bergrettern wieder ins Tal gebracht werden konnten – beide waren unverletzt. »Das Schöne an unserem Job ist: Wenn sich nach einem erfolgreichen Einsatz die Anspannung bei allen löst, freut man sich zusammen und kann auch lachen.«

SB

 

Die Bergwacht Bayern bewältigt pro Jahr rund 8500 Rettungseinsätze. Insgesamt sind 113 Bergwacht Bereitschaften in den bayerischen Alpen aktiv. Wir stellen die ehrenamtliche Arbeit der Bergwachtmänner und -frauen in den nächsten Wochen in einer Serie vor. Stellvertretend für die Bereitschaften in der Bergwacht-Region Chiemgau (Altötting, Berchtesgaden, Bergen, Bad Reichenhall Freilassing, Grassau, Inzell, Marktschellenberg, Marquartstein, Ramsau, Reit im Winkl, Ruhpolding, Schleching, Teisendorf/Anger und Traunstein) haben wir mit einigen Aktiven der Bergwacht Traunstein über ihre vielseitige Arbeit gesprochen.


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