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Schellenberger Eishöhle: 3000 Jahre altes Eis glitzert im Fackelschein

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Paul Schmaus lässt mit Hilfe einer Magnesiumfackel unzählige Eiskristalle glitzern. (Foto: Mergenthal)

Unter den fast senkrechten Steilwänden des Untersbergs, dem Reich der Falken, Kolkraben, Alpendohlen und Steinadler, liegt ganz unscheinbar der Eingang zur Schellenberger Eishöhle. Beim Eintritt in die größte Eishöhle Deutschlands fühlt man sich in einer wundersamen Welt. Unweigerlich stehen einem die vielen Sagen um diesen Berg vor Augen, in dem die Untersberg-Mandl unermüdlich werkeln und der greise Kaiser schläft, bis die Zeit gekommen ist. Mit Eishöhlenführer Paul Schmaus erkunden wir die bis zu 3000 Jahre alten Eisschichten.


Der Weg zur Höhle beginnt beim Eishöhlenparkplatz an der B 305. Rechts vom alten Zollturm, der wie die Anlage in Hallthurm ein Rest der mittelalterlichen Befestigungsanlage der ehemaligen Fürstpropstei Berchtesgaden ist, führt eine kleine Straße bergan. Nach einer guten Stunde geht die Forststraße durch lichten Bergwald in einen abwechslungsreichen Pfad über. Begleitet vom Rauschen der Gebirgsbäche, kann der Wanderer immer wieder herrliche Ausblicke genießen. Üppig blühen weiter oben zwischen Latschen und Alpenrosen die Bergblumen.

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Lager der Höhlenführer ist in der Toni-Lenz-Hütte

An einem Aussichtspunkt mit dem Schild »Denkmal«, über steilem Felsabgrund, bietet sich ein guter Blick auf die Stelle, wo sich im April 2015 ein großer Felssturz ereignete. Es war am Tag des Erdbebens in Nepal. Der Untersberg schien zu bluten: Das rote Sedimentgestein färbte den Weißbach und die Ache blutrot.

Nach zweieinhalb bis drei Stunden Aufstieg ab dem Parkplatz ist die Toni-Lenz-Hütte erreicht. Von dort sind es nochmals 20 Minuten zur Eishöhle auf 1570 Meter Höhe. Am Sammelplatz zur Eishöhle begrüßt Paul Schmaus die Besucher zu den stündlichen Führungen und stattet sie mit Helmen aus. Der ehemalige Berufssoldat aus Inzell ist bereits die zwölfte Saison Eishöhlenführer. Er wechselt sich heuer mit Herbert Wendlinger aus Oberau, der das siebte Jahr dabei ist, Neuzugang Jakob Riedl aus Scheffau, ein Student, und einem gelegentlichen Stellvertreter ab. »Etwa 1000 Arbeitsstunden sind nötig, bis die Höhle sicher begehbar ist«, erklärt Paul Schmaus. In der Toni-Lenz-Hütte haben die Höhlenführer ein Lager mit ihren Gerätschaften. In diesem Frühjahr mussten sie bei der Räumung des Wegs von der Hütte zur Höhle wegen Lawinengefahr mehrmals umkehren.

Die Eismassen in der Höhle haben im Winter eine steile Rutschbahn gebildet, die nur mit Hilfe von Steigeisen und mit alpiner Erfahrung begehbar ist. Mühsam werden Stufen mit der Motorsäge hineingeschnitten und mit Gummimatten belegt. Ein Seilgeländer wird angebracht. Durch die Eingangshalle, die »Josef-Ritter-von-Angermayer-Halle«, werden Stege mit Holzbrettern und Metallgittern gelegt. Da der Berg stets in Bewegung ist, ist der normale Abstieg in die Höhle derzeit aus Sicherheitsgründen gesperrt und muss erst saniert werden. »Die Besucher bekommen trotzdem alles zu sehen«, verspricht Schmaus. Karbidlampen erhellen uns den Weg. Die Temperatur liegt im Sommer im Führungsteil zwischen 0,5 und 1,5 Grad Celsius; eine Jacke anzulegen, ist ratsam.

Eine Wendeltreppe führt zum »Mörkdom« mit seinen eindrucksvollen Eiskaskaden hinab. Über eine lange Eistreppe gelangen wir zum tiefsten Punkt der Führung, der »Fuggerhalle« 41 Meter unter der Eingangsschwelle. Dort haben die Höhlenführer mit den heraus gesägten Eisblöcken eine Art »Bar« aufgebaut, die auch ein Altar sein könnte. »Ich sage immer: Die Eisbar hat heute geschlossen, weil die Bedienung nicht da ist«, scherzt der Inzeller. Vor der Mauer aus Eisblöcken stehen Mini-Eismandl, die mit der Zeit abschmelzen und umfallen.

Die Namen im Höhleninneren erinnern an die Historie der Erkundung der Eishöhle, an der vier Salzburger mitwirkten, unter anderem ab 1876 Prof. Eberhard Fugger und ab 1910 Alexander von Mörk. Die Erforschung begann 1874. Bereits 1826 war die Höhle als »Schellenberger Eisloch« in der bayerischen Generalstabskarte eingetragen. Entdeckt wurde der Eingang angeblich von Hüterbuben, weil sich ihre Schafe gern im Schnee des Eingangs abkühlten und zugleich sonnten.

1923 wurden einige Schellenberger um den Kaufmann Thomas Eder aktiv und gründeten den »Verein für Höhlenkunde Schellenberg«, der die Höhle zur Schauhöhle ausbaute und ihre weitere Erforschung vorantrieb. Eder ließ 1934/35 auch den nach ihm benannten Felsensteig anlegen.

Die hier verborgenen Eismassen werden auf etwa 60 000 Kubikmeter geschätzt. Das Eis ist bis zu 30 Meter dick und größtenteils 3000 Jahre alt. Wenn Paul Schmaus eine Magnesiumfackel entzündet, glitzern unzählige Eiskristalle auf und schimmern die transparenten Eisschichten in faszinierenden, teils rotbraunen oder tief-dunkelgrünen Farbnuancen.

Bis zu 74 Besucher auf einmal hat er schon durch die Höhle geführt. Heuer lag der Rekord bisher bei 64 Personen. Für ihn kein Problem: »Dann stelle ich mich in die Mitte der Besucher oder lasse einen Teil der Gruppe an einer bestimmten Stelle warten und hole sie später ab. Ich zeige den Leuten trotzdem immer alles.« Mit dem Sicherheitsrundgang am Morgen und dem Kontrollgang am Schluss geht er manchmal neun Mal am Tag durch die Höhle.

Wenn eine der stündlichen Führungen mangels Besuchern entfällt, wird ihm trotzdem nicht langweilig: Er repariert die Bretterstufen, putzt die Lampen, »es gibt immer was zu tun«, meint Paul Schmaus. Im Laufe der Jahre hat er eine richtige Beziehung zu »seiner« Höhle aufgebaut, er ist mit Leib und Seele Eishöhlenführer und gibt seine Begeisterung gern an seine faszinierten Zuhörer weiter. Veronika Mergenthal

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