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Rock 'n' Roll der Träume

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Im Fitz-Roy-Massiv. Im Hintergrund die Türme des Cerro Torre, die Thomas Huber gerne noch überschreiten will.
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Thomas Huber (2.v.l.) mit seinen Freunden auf dem Gipfel des Cerro Torre. (Fotos: Huber)
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Traum aller Kletterer: der Cerro Torre mit seinen Nebentürmen.
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Am Gipfeleispilz des Cerro Torre.

Thomas Huber hat bei seinen Extremtouren in den Bergen der Welt Erfolge wie Niederlagen einstecken müssen. Dass der Berchtesgadener trotz vieler Rückschläge nie seine Träume und Sehnsüchte verloren hat, erzählt er in seinem neuesten Vortrag »Sehnsucht Torre«, den er am Dienstag, 30. Dezember, um 19.30 Uhr im Großen Saal des Kongresshauses Berchtesgaden präsentiert. Der Lokalzeitung gewährte der 48-Jährige schon einmal einen kleinen Einblick in seine aktuelle Multivisionsshow und sprach über Verletzungen und alpine Projekte.


Thomas, du hattest vor einiger Zeit einen schweren Unfall beim Paragliden. Wie geht es dir jetzt?

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Thomas Huber: Mir geht es jetzt wieder besser, ich habe ein sehr gutes Heilfleisch. Der Fehler war, dass ich bei diesen Windverhältnissen überhaupt Startübungen am Predigtstuhl gemacht habe. Nachdem ich zum Fliegen gekommen war, geriet ich in eine Lee-Situation. Dann musste ich den Flug abbrechen und in der Schlegelmulde notlanden. Dabei habe ich mir den Ellenbogen luxiert sowie die Außen- und Innenbänder im Ellenbogen abgerissen. Die Operation ist gut verlaufen und ich trainiere jetzt schon wieder in der Kletterhalle. Ich bin bester Dinge, dass bald alles wieder gut ist.

Nach deiner Verletzung musstest du ja ein großes Projekt verschieben.

Ich wollte eigentlich die Gesamtüberschreitung des Cerro Torre im Winter versuchen, die nach wie vor ein großes Thema für mich ist. Egal ob im Sommer oder im Winter – ich möchte diese Überschreitung in jedem Fall noch machen. Das ist halt die Geschichte meines Lebens. Vor meiner Verletzung wollte ich heuer eigentlich mit meinem Bruder Alexander zur Nordwand des Latok I fahren. Aufgrund der politischen Situation konnten wir das aber nicht machen und mussten in letzter Minute abbrechen. Vielleicht können wir es im kommenden Jahr probieren.

Die lange Pausenzeit während deiner Verletzung hast du ja sicherlich anderweitig genutzt.

Ich habe die Zeit meiner Rehabilitation genutzt, einen besonderen Vortrag auszuarbeiten. Es ist mir gelungen, nicht nur eine Bergsteigergeschichte zu kreieren, sondern es steckt viel mehr dahinter. Es ist eigentlich eine Rock-'n'-Roll-Geschichte. Wir spielen einen genialen Song mit meiner Band »Plastic Surgery Disaster«, der eine wahnsinnige Sehnsucht vermittelt. Mit diesem Song steige ich auch in den Vortrag ein – und den Text für den Song habe ich im Torre-Tal gefunden. Der sagt eigentlich alles aus, was der Mensch im Herzen trägt, wenn er nach vorne schaut: Hoffnung und Sehnsucht. Der Rocksong »Desire« ist praktisch der Rahmen dieses Vortrags.

Die Leute werden in deinem Vortag also den Kletterer und den Musiker Thomas Huber erleben?

Sie werden den Kletterer, den Musiker und den Philosophen Thomas Huber erleben. Ich will damit nicht sagen, dass ich ein Philosoph bin, aber ich will den Menschen zeigen, was hinter dem Klettern steckt. Ich werde nicht nur von Erfolgen erzählen, sondern auch von Niederlagen und dass man aus jedem Tief wieder herauskommen kann, wenn man sich auf die Qualität des nächsten Schrittes konzentriert.

Die Gesamteinnahmen aus deinem Vortrag kommen ja einem karitativen Zweck zugute.

Wir Kletterer sind ja eine Gemeinschaft, man hilft sich gegenseitig und lässt niemanden hinten. Kürzlich ist ein guter Freund aus Großgmain in Sizilien abgestürzt, als beim Abseilen der gesamte Block mit dem Abseilhaken ausbrach. Nach längerer Zeit im Koma ist Stefan Rass zwar mittlerweile wieder wach, aber man weiß nicht, wie seine Genesung weiterverläuft. Man weiß nicht, ob der Familienvater seinen Beruf als Bergführer weiter ausüben kann. Wir Kletterer wollen seine Familie unterstützen, damit Stefan die Zeit hat, sich zu regenerieren. Auch andere Freunde wie Ines Papert oder die hiesigen Bergführer engagieren sich. Das hat etwas mit Solidarität zu tun.

Das zeigt ja eindrucksvoll, dass am Berg die Gefahr immer mit dabei ist. Denkst du bei großen Expeditionen daran, dass du vielleicht nicht mehr nach Hause zurückkehren wirst?

Man denkt definitiv daran. Der Abschied von meinen Liebsten und von Berchtesgaden ist auch immer der härteste Moment bei einer Expedition. Aber eigentlich nehmen wir ja jeden Tag Abschied von daheim – und es kann jeden Tag etwas passieren. Und der Stefan ging ja eigentlich nur zum Sportklettern – und da ist es passiert. Es passiert meistens dann, wenn man es nicht erwartet. Am seltensten geschieht es in Extremsituationen. Und wenn ich mir beim Abschied bewusst bin, dass ich in einer lebensgefährlichen Situation unterwegs bin, dann glaube ich das Ganze einigermaßen sicher gestalten zu können.

Du hast ja schon zwei große Ziele genannt. Gibt es darüber hinaus noch weitere Projekte, die du unbedingt realisieren willst?

Wenn man in mein Herz hineinsehen könnte, dann würde man da viel entdecken. Am liebsten würde ich noch sehr viel mit dem Gleitschirm herumfliegen, ein paar Base-Jump-Projekte durchziehen und einige Sportkletterprojekte in den Berchtesgadener Alpen umsetzen oder auf Expeditionen gehen. Ich weiß manchmal nicht, wie ich das alles noch bewältigen soll. Aber diese Wünsche lassen mich weiter trainieren, sie halten mich wach und aktiv. Es ist nicht wichtig, dass man alles macht, aber es ist wichtig, dass man Träume hat. Das hält einen lebendig.

Du bist jetzt 48. Macht man sich da Gedanken, wie lange man noch so extrem unterwegs sein kann?

Kürzer treten werde ich dann, wenn es mir der Körper sagt. Wenn du auf den Körper und das Bauchgefühl hörst, dann kannst du nichts falsch machen. Bei meinem Gleitschirmunfall habe ich leider nicht auf mein Gefühl gehört. Obwohl die Verhältnisse nicht gut waren, habe ich Startübungen gemacht. Das hätte ich nicht tun sollen. Ulli Kastner

Karten für den Vortrag »Sehnsucht Torre« am Dienstag, 30. November, um 19.30 Uhr im Kongresshaus Berchtesgaden gibt es unter Telefon 08652/9445-300.