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In Blue Jeans am Dach der Welt

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Bernd Kullmann (rechts) stand 1978 am Gipfel des Mount Everest. Das Besondere dabei: Er trug Blue Jeans. Hans Brandmair holte Kullmann nun nach Siegsdorf, um über seine damalige Expedition zu berichten. (Foto: Brenninger)

40 Jahre ist es her, da war Bernd Kullmann auf dem Mount Everest – und er setzte dabei ein Novum: Denn er stand am 17. Oktober 1978 mit Blue Jeans – darüber trug er nur eine wattierte Wärmehose – am 8848 Meter hohen Gipfel. Der 64-Jährige berichtete über seine damaligen Erlebnisse im Siegsdorfer Festsaal im Rahmen der Feier zum 25-jährigen Bestehen des Bergsportgeschäfts von Hans Brandmair. Der Firmenchef kündigte an, dass der Erlös der Veranstaltung an den Skiclub Siegsdorf und die Bergwacht Ruhpolding gespendet werde.


Kullmann nahm die zahlreichen Zuhörer dann mit auf eine beeindruckende Zeitreise – und erzählte charmant und mit viel Witz über seine Bergabenteuer – und dabei vor allem über seine Erlebnisse am Mount Everest.

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»Dass ich überhaupt in den Bergen unterwegs bin, daran haben meine Eltern schuld«, erzählte Kullmann. Denn eigentlich hat man als Badener – Kullmann ist gebürtiger Karlsruher – nicht zu viele Berührungspunkte mit der Bergwelt. Doch die Familie machte Urlaub in Südtirol. Der junge Kullmann kletterte gleich am Parkplatz der Seiser Alm einen riesigen Felsblock hinauf. »Das hat mich so begeistert, dass ich ab diesem Zeitpunkt Bergsteiger werden wollte.«

Und so war er fortan an den Wochenenden meistens beim Klettern unterwegs. »In der Schule war ich ein fauler Sack«, gab er zu. Dennoch schaffte er das Abitur – und belohnte sich im Anschluss daran mit einer Tour am Mont Blanc. Weitere sollten folgen, an der Eiger Nordwand beispielsweise. »Das war eine herrliche Zeit. Wir haben viel Spaß gehabt, das war uns auch wichtig.«

Und die junge Bergsteiger-Garde »wollte gern provozieren«. So ging es die Berge immer mit Jeans hoch. »Am besten noch quietschbunt«, sagte Kullmann. »Und selbst beim Sichern wollten wir lässig sein. Wir haben das nicht so gemacht, wie es im Lehrbuch vorgesehen war.«

Dann kam das Jahr 1978. Es war ein wichtiges Jahr am Mount Everest – denn es gab einige Rekorde und Premieren. 25 Jahre nach der Erstbesteigung durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay bestiegen Reinhold Messner und Peter Habeler am 8. Mai den Gipfel als erste ohne Sauerstoff. Sie waren Teil der ersten österreichischen Expedition zum Everest unter der Leitung von Wolfgang Nairz. Weitere drei Tage später erreichte Reinhard Karl aus derselben Expedition als erster Deutscher den Gipfel.

»Die Messlatte für uns lag damit ziemlich hoch«, betonte Bernd Kullmann. Er brach im Herbst 1978 an den Everest auf und war Teil einer Expedition von Karl Herrligkoffer. Da Messner & Co. allerdings schon im Mai solche Erfolge am Everest feierten, »hatte das Auswirkungen auf uns. Wir waren plötzlich eine Arme-Leute-Expedition«.

Dennoch wagte die internationale Gruppe den Versuch. Der Zugang zum Berg über Tibet war damals übrigens verboten. Es blieb den Bergsteigern damit nur die Route über Neapel übrig – den Weg, den auch die Erstbesteiger gewählt hatten.

Als die Gruppe in Nepal angekommen war, schaute sie sich dort zunächst ein wenig in Kathmandu um. »Wir waren schockiert, wie arm die Leute dort gewesen sind.« Es folgte der Anmarsch zum Basislager – und schon allein dieser war mühsam. »Aber wir haben mit unseren Sherpas wunderbar zusammengearbeitet, betonte Kullmann.

Wie mühselig und auch anders das Bergsteigen damals im Vergleich zu heute noch war, veranschaulichte Kullmann mit einigen Bildern. Die Bergsteiger lasen auf einem Foto eben Briefe, die sie per Luftpost aus der Heimat bekommen haben. »Die war teilweise drei Wochen unterwegs.« Aber dies sei eben die einzige Möglichkeit gewesen, mit den Daheimgebliebenen Kontakt zu halten. »Satellitentelefone gab es damals noch nicht.« Und damit hatten die Bergsteiger damals – anders wie heute – auch keine aktuellen Informationen über das Wetter. »Nachts mussten wir deshalb auch mal raus, um die Zelte freizuschaufeln.« Oder man musste sich eben unverhofft ein paar Tage in eines der unteren Lager zurückziehen, bis die Wetterlage wieder stabil war.

Anfang Oktober erreichte dann die erste Gruppe der Expedition den Gipfel. Hans Engl schaffte dies am 14. Oktober. Übrigens als erster Deutscher und dritter Bergsteiger nach Habeler und Messner ohne Flaschen-Sauerstoff.

Kullmann selbst fühlte sich ein paar Tage nicht sonderlich gut, stieg deshalb ins Lager zwei ab. Weil sich aber Herbststürme ankündigten, wurde sein Zeitfenster für den Gipfelsturm immer geringer. Ermutigt von seinen Kollegen, doch auch noch den Gipfelsturm zu wagen, machte sich Kullmann schließlich wieder auf den Weg nach oben. »Und in der Eile habe ich meine lange Unterhose und auch meinen Fotoapparat vergessen.« Doch Kullmann war das jetzt egal – und am 17. Oktober war es so weit: Er brach Richtung Gipfel auf. »Weil ich Angst vor Erfrierungen hatte, habe ich richtig Gas gegeben.« Und so gelang auch Kullmann zwei neue Rekorde. Er war mit 24 Jahren der bis dahin jüngste Bergsteiger am Gipfel des Mount Everest und er stellte einen neuen Speedrekord auf. »Aber das Wichtigste war, dass wir alle gesund und ohne Schäden zurückgekommen sind.«

»Wie komme ich da jetzt wieder runter?«

Die kurze Zeit am Gipfel konnte Bernd Kullmann auch gar nicht so richtig genießen, gab er zu. »Zuerst war ich dankbar, dass ich mich nicht mehr hoch quälen muss.« Und dann sei eine seiner größten Sorgen am Gipfel gewesen:. »Wie komme ich da jetzt wieder runter?« Doch auch beim Abstieg ging alles gut. »Wir waren ein tolles Team«, schwärmte Bernd Kullmann, der während der Expedition allein sieben Mal durch den gefährlichen Khumbu-Eisbruch musste.

Den Massentourismus, der mittlerweile am Mount Everest herrscht, findet Bernd Kullmann übrigens erschreckend. »Es ist sehr schade, dass heute die Brieftasche darüber entscheidet, wer auf den Gipfel kommt.« Früher sei es auf die bergsteigerischen Fähigkeiten angekommen – und die Leistungen damals waren in der Tat phänomenal. Und manchmal eben auch ein bisschen verrückt. Denn in Blue Jeans dürften nicht mehr viele Bergsteiger ganz oben am Mount Everest gestanden sein. SB