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Im zauberhaften Reich der weisen Sibilla

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Über einen Pfad, der schließlich direkt am Grat entlang führt, geht es zur »Krone« der Sibilla.
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Blick auf den Monte Sibilla von Osten aus, im Vordergrund eine Silberdistel.

Wie bewegte Meereswellen liegen die bewaldeten Hügel mit ihren tiefen Flusstälern in den einsamen »Monti Sibillini« zu Füßen des Wanderers, wenn er den Blick nach Osten richtet. Dahinter liegen im Dunst die steil angelegten Weinberge der Marken, zwischen denen wie kleine Festungen Bergdörfer und pittoreske Städtchen thronen. Als blauer Streif am Horizont leuchtet in der Ferne das Meer. An klaren Wintertagen sieht man bis zur kroatischen Küste. Wild und sanft zugleich sind diese Berge in Italien mit ihren weichen Formen und ihren schroffen Abgründen. Ein grandioser, leicht erreichbarer Aussichtsberg ist der »Monte Sibilla« (2173 Meter), der Berg der weisen Sibilla, die dem ganzen Gebirge seinen Namen gab.


Die zehn Sibyllen der Antike waren Seherinnen und weise Frauen. Eine Schutzpatronin der Gegend, für Landwirtschaft und Handwerk zuständig, war die apenninische Sibylle. Der weise, mütterlich-verständige Blick der in der sibillinischen Wallfahrtskirche »Madonna dell’Ambro« erhaben thronenden Madonna erinnert an diese Sagengestalt. Dieses Land der Einsiedler, Räuber, Zauberer und Elfen faszinierte bereits 1420 den provenzalischen Ritter Antoine de la Sale. Die Beobachtungen auf seinen Touren hielt er in seinem Tagebuch unter dem Titel »Le paradise de la Reine Sibille« (»Das Paradies der Königin Sibilla«) fest.

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Startpunkt ist Montemonaco

Talort für die vierstündige Wanderung am Monte Sibilla ist Montemonaco (988 Meter) mit sehenswerten alten Kirchen, einer mittelalterlichen Stadtmauer, einladenden Tavernen, einem berühmten Kastanienfest Ende Oktober und einer stolzen Geschichte. Der Name leitet sich von den Benediktinermönchen ab, die das Land urbar machten. Bereits um 1250 war Montemonaco freie Gemeinde und wehrte über die Jahrhunderte standhaft alle Übergriffe ab.

Wenn man von Montemonaco ins noch verschlafenere Isola San Biagio fährt, zweigt nach zwei Kilometern links eine etwa sechs Kilometer lange, gut befahrbare Schotterstraße zur Hütte »Rifugio Sibilla« ab, wo man parken kann. Auch mit dem Mountainbike ist dieser Anstieg gut zu bewältigen.

Links hinter der Hütte führt ein schmaler Pfad durch weiche grüne Matten etwa 200 Höhenmeter in Serpentinen steil bergauf. Nach ungefähr 40 Minuten erreichen wir den Sattel zwischen Monte Sibilla (links) und dem 1791 Meter hohen Monte Zampa (rechts). Ein kalter, scharfer Wind bläst uns auf dem Grat an diesem klaren Herbsttag entgegen. Etwas unterhalb des Grats entlang und zum Schluss direkt über den Grat führt der Steig zum Gipfel der Sibilla. Silberdisteln säumen den Weg. Rechts von uns fällt das Gelände schroff ab zur »Gola dell’Infernacio« (Höllenschlund), eine reizvolle, gut begehbare Schlucht, über die man auch zur »Eremo San Leonardo« gelangt, wo von 1970 bis zu seinem von vielen Einheimischen betrauerten Tod im Sommer 2015 Pater Pietro Lavini als Einsiedler lebte.

Der Gipfelaufbau ist von einer »Krone«, einem Felsenband mit Seilsicherung, umgeben. Nachdem wir diese glücklich mit unserer spezial-gesicherten Schäferhündin erklommen haben, gelangen wir – an der eingestürzten Grotte der Sibilla vorbei – nach zwei Stunden Aufstieg zum kleinen schwarzen Metallkreuz am Gipfel. Der Blick schweift weit bis zum Gran Sasso-Gebirge im Süden mit dem markanten »Corno Grande« und zu zahlreichen Gipfeln der Monte Sibillini. Über einen dahinter liegenden Nebengipfel und einen schmalen, wilden, felsigen Grat, der an einer Stelle Trittsicherheit erfordert, kommen wir in etwa einer halben Stunde zum Ende der Schotterstraße.

Von dort geht es strammen Schrittes in weiteren eineinhalb Stunden sanft bergab in großen Kehren zum Rifugio zurück. Auf dem Rückweg ist gut das bewaldete Flusstal zu sehen, das zum Dorf »Foce« führt, Ausgangspunkt für die am besten im Sommer zu unternehmende lange Wanderung zum »Lago di Pilato«, wo eine sonst nirgends auf der Welt ansässige Süßwassergarnelenart lebt. In diesem Bergsee soll der Körper des sterbenden römischen Statthalters Pilatus nach seiner Verurteilung zum Tod durch den römischen Kaiser, auf ein herrenlosen Büffel-Fuhrwerk gepackt, versenkt worden sein.

Nationalpark ist 18 000 Hektar groß

1993 gegründet und knapp 18 000 Hektar groß, ist der Nationalpark Monti Sibillini zwischen Umbrien und Marken mit seiner Flora und Fauna einer der aufregendsten Nationalparks Italiens. Für den Wolf ist er einer der letzten natürlichen Lebensräume Europas. Auch Wildkatzen und Greifvögel haben hier ihre Ruhe. Zu jeder Jahreszeit sind die Monti Sibillini und ihre gastfreundliche Bevölkerung eine Reise wert – auch im Winter als Skitouren-Eldorado. Allein 1800 Blumenarten wurden gezählt.

Von Ende Mai und Anfang Juni verwandelt sich dieses Gebirge, vor allem die Hochebene des Bergdorfs Castellucio in ein Blütenmeer. Auf dem »Grande Anello«, einem 120 Kilometer langen Rundweg in neun Tagesetappen, kann man so richtig entschleunigen. Allerdings sollte man sich vorab nach den Öffnungszeiten der Hütten erkundigen, um sich nicht in den endlosen Weiten zu verlieren.

Infomaterial: Gute Grundlagen für Wanderungen in den »Monti Sibillini« findet man unter anderem im Rother-Wanderführer »Marken - Adriaküste« von Ursula und Claus-Günter Frank mit 51 ausgewählten Wanderungen, ISBN 978-3-7633-4342-3 und in der Kompass-Wanderkarte »Monti Sibillini nell Parco Nazionale«, ISBN 978-3-8502-6847-9. vm