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18°

Im Land der blauen Fjorde und weißen Berge

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Die Rentiere waren zutraulich und ließen sich streicheln.
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Die Gruppe stieg auch zum norwegischen Paradeskiberg Soleibotntindane hinauf. (Fotos: Till)

In Norwegen gibt es kein gutes oder schlechtes, sondern nur günstiges oder ungünstiges Wetter, erklärt der Bergführer Walter Kellermann. Der Lawinenexperte hat bereits vor 35 Jahren zahlreiche norwegische Gipfel als Erster mit Skiern be-stiegen und mit seinem norwegischen Freund Nils Faarlund die sogenannte Norwegermethode entwickelt, bei dem ein Schneeprofil gegraben wird. Die besten Skitourenberge fand er hauptsächlich in Jotunheimen (Land der Riesen) und in der wilden Berggruppe Hurrungane am Ende des Sognefjords, der als längster und tiefster Fjord der Welt als König der Fjorde gilt.


Markus Horner und ich hatten neben Gästen aus Kitzbühel, München und Oberstdorf, nun die Gelegenheit, Walter Kellermann auf seiner letzten Skitourenreise nach Norwegen zu begleiten. Die Betonung liegt auf Reise, denn wir fuhren mit dem Bus nach Kiel und von dort mit einer Fähre nach Oslo.

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Oslo empfing uns mit Salzburger Schnürlregen und so fuhren wir sofort weiter, um bei Schneetreiben über einen Pass zu unserem Hotel in Skjolden am Sognefjord zu gelangen. In Norwegen wechselt das Wetter schnell und so hatten wir günstiges Wetter, als wir am nächsten Tag von den blühenden Ufern des Fjords durch eine wilde Schlucht 900 Höhenmeter hinauf nach Turtagrö fuhren. Hier befindet man sich bereits im Hochgebirge, da die Baumgrenze rund tausend Meter tiefer als in den Alpen liegt.

Eine Schachtel mit Gipfelbuch

Die erste Tour führte uns auf den Paradeskiberg Soleibotntindane, dessen Gipfel wir nach rund 1200 Meter Aufstieg erreichten. Der Blick auf die zahllosen und teilweise kaum erreichbaren Gipfel des wilden Hurrunganegebietes war fantastisch. Bei griffigem Harsch und besten Firn ließen wir anschließend die Ski regelrecht ins Tal fliegen. Das machte so viel Spaß, dass wir den Hang gleich zweimal befuhren.

Am nächsten Tag hatten wir ungünstiges Wetter. Es stürmte, als wir den Nordgipfel des Dyrhaugstind erreichten. Obwohl auf den norwegischen Bergen keine Gipfelkreuze stehen, fanden wir hier eine Schachtel mit einem Gipfelbuch, in das wir uns natürlich eintrugen. Pulver, Harsch und Firn bereiteten uns, bei diffusem Licht eine abwechslungsreiche Abfahrt. Zu unserem Erstaunen wurden neben dem Berghotel Turtagrö zahlreiche Zelte im Schnee errichtet. Wir erfuhren, dass hier ein großes Skitouren- und Freeridefestival stattfindet, zu dem bis zu 1000 Skandinavier erwartet werden.

Eine Folge dessen, dass Walter Kellermann bereits in den siebziger Jahren das Skitourengehen in Norwegen populär machte und ihm eine große norwegische Zeitung einen dreiseitigen Bericht widmete. Nur gut, dass wir als Erste unsere Spuren in den Hängen hinterlassen hatten.

Wir aber wollten wieder in die Einsamkeit der norwegischen Wildnis und wechselten vom Fjordhotel Skjolden zur Hoyfjellslodge Grotli. Einen Zwischenstopp machten wir an einem der 28 Auslassgletscher des Jostedalsbreen. Er ist mit 40 km Länge, 15 km Breite und bis zu 500 Meter Dicke der größte kontinentale Gletscher Europas. Durch lange Tunnels und an beeindruckenden Wasserfällen vorbei ging die Fahrt weiter zum Plateau von Grotli.

Neunhundert Meter über dem weltberühmten Geirangerfjord liegt das Hotel für Genießer, indem auch schon König Olaf residierte. Wir genossen die gemütliche Atmosphäre und das skandinavische Buffet, bevor wir uns am nächsten Tag zum Lawinenberg Skridolaupen aufmachten. Um zum eigentlichen Berg zu kommen, mussten wir aber zuerst durch die weitläufige Hochebene »aufi-, obi- und umilatschen«. Langweilig wurde es aber trotzdem nicht, da wir Schneehasen und -hühner aufstöberten und eine Rentierherde unseren Weg kreuzte. Die zutraulichen Tiere ließen sich auch streicheln und beeindruckten uns mit ihrem dichten Wollfell, mit dem sie für die Kälte in dieser Wildnis bestens gerüstet sind. Endlich erreichten wir den Berg und stiegen zum 1962 Meter hohen Westgipfel auf. Auf den letzten 100 Höhenmeter erfasste uns ein Sturm. Vom Gipfel stolperten wir daher anfangs mehr bergab, als wir fuhren.

Der nächste Tag brachte sehr günstiges Wetter. Also beste Voraussetzungen, um den anspruchsvollen Tunnelberg Midtstolhyrna zu besteigen. Ein Berg, der laut Walter Kellermann nur für sehr gute Skifahrer machbar ist. Also fuhren mit Markus und mir nur noch einige andere vom Ausgangspunkt, dem Portal eines Straßentunnels, zuerst zu einem Wildbach hinab. Diesen überquerten wir über eine kleine Brücke, die Walter Kellermann von seinen norwegischen Freunden vor vielen Jahren zum Geburtstag geschenkt bekam, damit er diesen Berg erstbesteigen konnte. Zunächst ging es ein steiles Kar hinauf, von dessen Seiten Lawinen herabdonnerten. In der Mitte dieser Rinne befindet sich ein etwa 30 Meter breiter Rücken, über den man relativ gefahrlos bis zum gleichnamigen Gletscher aufsteigen kann. Auf diesem umrundet man einen steilen Hang, um von hinten bequem den breiten Gipfel nach 1300 Höhenmeter Aufstieg zu erreichen. Bei traumhafter Fernsicht beeindruckten die zahllosen Gipfel in der schier endlosen Weite der norwegischen Wildnis. Nach einer ausgiebigen Rast schwebten wir in 20 Zentimeter feinstem Pulver regelrecht zu Tal. Voller Glücksgefühle ließen wir diesen »Sterntag mit Pulverschnee und Sonnenschein« mit einer Flasche Rotwein ausklingen.

Auf Sonnenschein folgte nicht Regen, sondern sehr ungünstiges Wetter. Ein Grund, um nur den Hausberg des Hotels den rund 1800 Meter hohen Krosshö zu besteigen. Nach einem flachen Anstieg erreichten wir im dichten Nebel tatsächlich den Gipfel. Die Abfahrt glich einem Blindflug und so purzelte Richard plötzlich eine fünf Meter hohe Schneewehe hinunter. Außer, dass er bei dem Absturz eine Goldkrone ausbiss und verlor, ist Gott sei Dank nichts passiert.

Auch die Kultur kommt nicht zu kurz

Hindsaeter hieß unser drittes Skitourenquartier, zu dem wir am nächsten Tag fuhren. Dabei kamen wir auch nach Lom. Hier im trockensten Gebiet Norwegens besichtigten wir eine der berühmten Stabkirchen. Diese wurde bereits im Jahr 1158 errichtet. Sie besteht vollständig aus Holz. Bei der Weiterfahrt kamen wir durch eine Urlandschaft mit Seen, die in verschiedenen Hochebenen liegen und durch rauschende Wildbäche verbunden sind.

Vom Hochplateau in Hindsaeter starteten wir zu unserer letzten Skitour auf einen Vorgipfel des Rasletinden. Bei dichtem Schneefall und Nebel wollten wir kurz vor dem steilen Gipfelaufbau schon umkehren, als es aufriss und wir relativ gefahrlos den steilen Hang hinaufsteigen konnten. Nach einem letzten Gipfelrundblick wedelten wir wieder in 20 Zentimeter tiefem Pulver zurück zum Bus, um zufrieden die Heimreise anzutreten. Rudi Till

Blattl Sonntag Traunstein